„Ich weiß nicht, wie man noch still sein kann“

Nach dem türkischen Einmarsch in Syrien fordert Ronya Othmann die Bundesregierung in einem offenen Brief zum Handeln auf.
Interview von Magdalena Pulz

Ronya Othmann ist Autorin und Journalistin.

Foto: Privat

Sofort als bekannt wurde, dass Recep Erdoğan vorhat, in Nordsyrien einzumarschieren, verfasste Ronya Othmann einen offenen Brief an die Bundesregierung und die EU. Unter dem Hashtag #WirAlleSagenNein fordert die 26-jährige Autorin und Journalistin den Rückzug der türkischen Armee, den sofortigen Lieferungsstopp für Kriegswaffen in die Türkei und eine friedliche Bekämpfung von Fluchtursachen. Dahinter steht die schwierige Lage von religiösen und ethnischen Minderheiten, vor allem die der Kurd*innen, die durch die türkische Militäroffensive betroffen sind.

Unterschrieben haben den Brief 100 Erstunterschreiber*innen – darunter Persönlichkeiten wie Sibylle Berg, Margarete Stokowski, Cem Özdemir oder Jakob Augstein. Inzwischen hätten mehr als 2000 Menschen unterzeichnet, so Othmann. Die Türkei ist in der Nacht zum Donnerstag tatsächlich in die Offensive gegangen. Othmann ist selbst Kurdin und sagt: „Wenn diese Dinge passieren, ist es schwierig für mich, über etwas anderes zu schreiben.“ Mit jetzt spricht sie über die Angst vor dem Genozid, die Rolle von Deutschland und warum Erdoğan die Region auf lange Hand nicht stabilisieren kann.

jetzt: Wie war das für dich, als du gehört hast, dass die Türkei einen Einmarsch plant?

Ronya Othmann: Ich habe mich erst mal gelähmt gefühlt. Die Bedrohung gibt es zwar schon länger, aber als die Nachricht kam, dass die US-Truppen abgezogen werden und Erdoğan sich bereit macht, war das ein Schock. Dann habe ich noch direkt am Montagabend angefangen, den Brief zu schreiben.

Was macht dir Angst?

Beim türkischen Einmarsch in Afrin 2018 gab es ethnische Säuberungen und das ist, was jetzt wieder bevorsteht – in größerem Ausmaß. Mein Vater ist aus Kurdistan, wir sind jesidische Kurden. Meine Familie ist 2014 wegen des IS aus Syrien geflohen. Ich war sehr oft dort, habe an die Orte, die bombardiert werden, viele Erinnerungen. An Besuche, an Ausflüge. Daran denke ich viel. In erster Linie sind aber die Menschen in Rojava betroffen. Es betrifft auch die anderen Europäer*innen, wenn die Türkei in Syrien einmarschiert und so auch der IS wieder stärker werden könnte. Und eigentlich sollte es auch von allgemeinem Interesse sein, dass es nicht zu Menschenrechtsverletzungen oder gar einem Krieg kommt.

Glaubst Du wirklich, dass ein offener Brief da etwas retten kann?

Einen offenen Brief zu schreiben, hat natürlich etwas Hilfloses.

Der offene Brief wurde von vielen Prominenten und Intellektuellen unterschrieben. Sind die in einer besonderen Verpflichtung, sich politisch zu äußern?

Zumindest haben sie ein Publikum. Und diese Möglichkeit will ich auch nutzen. In solchen Zeiten weiß ich nicht, wie man noch still sein kann – auch etwa jetzt mit dem Anschlag in Halle. Es ist wichtig, dass es nicht nur bei Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen bleibt, sondern es endlich klare Antworten aus der Politik gibt. Und gehandelt wird.

Hast Du das Gefühl, das Thema wird von der deutschen Bevölkerung ernst genug genommen?

Wenn etwas passiert, ist die Aufmerksamkeit in den Medien groß. Das lässt aber immer schnell nach. Als die türkischen Truppen letztes Jahr in Afrin einmarschiert sind, hatten sie deutsche Panzer. Deutschland ist involviert. Ich finde es befremdlich, wenn Menschen sagen ‚da unten passiert irgendwie grad was Schlimmes’ – als ob es sie nichts anginge.

„Es reicht mit dem Verurteilen, jetzt muss auch etwas passieren“

Ihr fordert den Stopp der deutschen Waffenexporte, aber auch den Rückzug der türkischen Armee. Zumindest über letzteres hat die Bundesregierung doch eigentlich keine Macht?

Doch! Heiko Maas hat den türkischen Militärschlag verurteilt. Ja schön. Aber es reicht mit dem Verurteilen, jetzt muss auch etwas passieren. Wir sind eben nicht machtlos. Deutschland hat viel Einfluss. Die Politik kann sich entscheiden zu handeln. Man kann versuchen, die Türkei aus der NATO raus zu bekommen, man kann eine von UN-Blauhelmen bewachte Pufferzone im Grenzgebiet einrichten. Man kann wirtschaftliche Sanktionen verhängen, man kann eine Flugverbotszone erzwingen. Es ist möglich.

Und warum passiert das noch nicht?

Es  wird wegen der Geflüchteten immer noch auf Erdoğan gesetzt. Ich würde aber argumentieren, dass man so nicht weniger Geflüchtete hat, sondern auf lange Hand mehr – allein auch wegen der Menschen, die jetzt aus Nordsyrien fliehen müssen. Oder die, die vielleicht noch kommen – wegen der nun möglichen erneuten Erstarkung des IS.

Aber wäre die Region ohne Erdoğan nicht viel schwächer? Das wäre doch auch schlecht.

Die Rechnung ist falsch. Im Endeffekt sorgt Erdoğan nicht für politische Stabilität. Mal ganz abgesehen davon, was schon in Afrin passiert ist, ist es generell ein Fehler von der Bundesregierung auf Autokraten zu setzen. Das kennt man ja von Saddam Hussein, Gaddafi oder Assad: Die waren korrupt und führten brutale Diktaturen. Irgendwann ist diese Lage explodiert. Aber eben mit langen Vorlauf. So ein Land wirkt von außen erstmal stabil, weil jeder Protest unterdrückt wird. Aber es wird eskalieren. So ist das auch mit Erdoğan. Man sollte auf Menschenrechte und Antikorruption setzen – und nicht auf Diktaturen.

  • teilen
  • schließen