„Lasst die Welt sehen, was hier passiert“

Die Menschen in der Ukraine sind verunsichert und haben Angst.
Foto: Emilio Morenatti/AP/dpa

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Seit den frühen Morgenstunden meldet die Ukraine russische Angriffe aus verschiedenen Richtungen. Die Lage ist unübersichtlich und unklar, offenbar sollen russische Panzer über die Grenze gerollt sein. Die ukrainische Hauptstadt Kyiv (Wir benutzen in diesem Text die ukrainische Schreibweise. Das in Deutschland verbreite „Kiew“ ist die russische Schreibweise und gilt vielen Ukrainer:innen mittlerweile als Affront, Anm. d. Redaktion) hat wegen des Angriffs Luftalarm ausgelöst. Die Stadtverwaltung ruft alle Bürger:innen der Hauptstadt dazu auf, sich in Luftschutzbunkern in Sicherheit zu bringen. Viele Menschen versuchen, die Ukraine zu verlassen, das UN-Flüchtlingshilfswerk ist wegen der Lage tief besorgt.

jetzt hat drei Menschen in der Ukraine telefonisch erreicht und mit ihnen gesprochen. Wie geht es ihnen und ihrer Familie? Wo sind sie gerade? Was planen sie? 

„Ein paar Kilometer von hier muss etwas brennen, ich sehe Rauchsäulen“

Vitalii*, 28, ist DJ in Kyiv und ist zum Zeitpunkt des Videocalls gegen elf Uhr gerade auf dem Weg aus seiner Wohnung in einen Keller in der Nachbarschaft. Den will er sich anschauen, um dort Unterschlupf zu finden, sobald die Explosionen näher kommen. Das Telefonat findet über Telegram statt:

„Ich bin heute gegen fünf Uhr morgens von den Explosionen geweckt worden. Unsere Regierung hat uns zwar gebeten, in unseren Häusern zu bleiben, aber ich bin gerade auf dem Weg in einen Keller. Ich will sehen, ob der im Notfall sicher wäre. Im Moment bin ich zwar noch nicht sicher, ob ich ihn brauchen werde, aber man kann hier in der Stadt Explosionen hören. Ein paar Kilometer von hier muss etwas brennen, ich sehe Rauchsäulen. Während ich hier gehe, sehe ich, dass die meisten Autos immer noch vor den Häusern geparkt sind. Es sind nicht viele Leute auf der Straße. Die Stadt ist nicht in Panik, das ist auch gut so. Das ist das, was wir jetzt brauchen. Sonst wären wir wie gelähmt und könnten nicht reagieren.

Russlands Attacke ging bereits vor acht Jahren los, als es den Donbass und die Krim angriff. Wir werden Kyiv vorerst nicht verlassen, aber wenn das hier schlimmer wird, müssen wir wohl in den Westen der Ukraine fliehen.

Bitte verbreitet echte Informationen, protestiert gegen die russische Aggression und lasst die Welt sehen, was hier passiert. Ich hoffe, dass uns die westlichen Länder mit Waffen unterstützen. ... Entschuldige bitte, ich muss jetzt runter in den Keller, ich melde mich zurück, sobald ich kann.“  

Dann bricht der Videocall ab, Vitalii postet noch ein Bild mit Links zu ukrainsichen Nachrichtenseiten und das Emoji der ukrainischen Flagge. 

„Die Sicherheit aller europäischen Länder steht jetzt auf dem Spiel“

Olga Konsevych, 33, ist Chefredakteurin der ukrainischen Nachrichtenplattform 24tv. Die gebürtige Kiyverin befand sich mit ihrer Familie gerade in Litauen im Urlaub, als Russland die Ukraine angriff. Das Telefonat findet via Telegram um 16 Uhr statt. 

Protokolle Ukraine

Olga Konsevych, 33, ist Chefredakteurin der ukrainischen Nachrichtenplattform 24tv.

Foto: privat

„Ich möchte hier mit meinem vollem Namen stehen, ich verstecke mich vor niemandem. Ich bin Chefredakteurin einer der größten Nachrichtenseiten der Ukraine mit etwa hundert Angestellten und mache mir große Sorgen um deren Sicherheit. Ich habe über Nacht tausende Nachrichten bekommen und versuche immer noch, Kontakt zu all meinen Mitarbeitern zu bekommen. Ich weiß nicht, wann ich wieder in die Ukraine zurück kann, der Flugverkehr wurde wegen der Angriffe komplett ausgesetzt.

Gerade wird die Bevölkerung massiv eingeschüchtert, unter anderem wurde ein Frachtflughafen in der Nähe von Kyiv angegriffen, die Explosion war in weiten Teilen der Stadt zu hören. Die Menschen dort sehen sich gerade nach sicheren Orten um, an denen sie sich verstecken können, sobald Putin die Angriffe auf die Stadt verstärkt. Aus Charkiw erreichten uns Bilder und Berichte unserer Reporter, dort kam es heute zu russischen Angriffen auf zivile Gebäude mit vielen Verletzten und Toten. Das sind fürchterliche Bilder. Putin will uns allen Angst machen, das ist sein Ziel im Moment.

Vor zwei Wochen hätte ich mir überhaupt nicht vorstellen können, dass Putin uns wirklich angreift. Aber als US-Präsident Joe Biden davon sprach, dass eine Invasion unmittelbar bevorstehe, wurde die Gefahr für mich viel realer. Aber nein, bis heute war das eigentlich unvorstellbar. Putin ist verrückt, ich weiß nicht, wie ich das sonst in Worte packen soll. Der Angriff war ein großer Schock für uns alle.

Ich hoffe, dass Russland von den Sanktionen getroffen wird, vor allem aber muss Putin direkt davon getroffen werden. Die EU und die USA haben in der Vergangenheit den Fehler gemacht, zu glauben, dass man mit Reden etwas erreichen könne. Das kann man aber nicht. Wir benötigen jetzt Waffen aus dem Westen, um Russland militärisch halbwegs die Stirn bieten zu können.

Wir sehen gerade eine große Welle der Solidarität aus Europa, vor allem aus den baltischen Staaten. Dafür sind wir sehr dankbar. Ganz Europa muss sich jetzt vereinen, nicht nur die Staaten der EU. Die Sicherheit aller europäischen Länder steht jetzt auf dem Spiel. Wenn ganz Europa hinter der Ukraine steht, dann haben wir eine Chance.“

„Ich habe große Angst um meine Freunde, die in Kyiv leben“

Alexander*, 27, ist Angestellter in Simferopol/Krim. Er sagt, er sei zu 100 Prozent Ukrainer, zuhause würden er und seine Familie aber Russisch sprechen. Alexander lebte mehrere Monate in München und Berlin, er studierte Deutsch und Englische Literatur. Das Gespräch findet ebenfalls via Telegram um 14 Uhr statt. 

„Niemand will hier Krieg, aber es gibt auch keinen Protest gegen Putin. Ich kann nicht einfach auf die Straße gehen und demonstrieren, ich habe einfach zu viel Angst, eingesperrt zu werden. Aber die Leute sind alle gegen den Krieg und diskutieren zuhause oder auch auf Social Media ziemlich offen darüber. Ich habe keine Ahnung, warum Putin das macht. Das, was bei uns im Fernsehen dazu berichtet wird, macht überhaupt keinen Sinn. Das ist pure Propaganda. Es heißt hier, die Ukraine würde von Nazis regiert werden und zum Beispiel die russische Sprache verbieten. Was offensichtlich einfach gelogen ist. Das ist doch verrückt! Die Leute, mit denen ich zu tun habe, glauben das alles nicht. Man kann sich hier glücklicherweise auch anders informieren, über unabhängige russische Seiten und westliche Medien.

Auf den Straßen hier ist alles einigermaßen normal bislang. Als ich heute morgen meinen Opa besucht habe, hatte ich aber den Eindruck, dass an den Tankstellen längere Schlangen waren als sonst. Die Unsicherheit ist groß, was als nächstes passiert. Ob Benzin oder Medikamente oder irgendetwas anders vielleicht knapp werden könnten. Ich habe große Angst um meine Freunde, die in Kyiv leben. Sie schrieben mir heute, dass sie zwar im Moment sicher sind, sich aber große Sorgen machen. Ich hoffe auch sehr, dass meine Frau, meine Eltern und ich gesund und sicher bleiben. Und ich habe Angst, von der russischen Armee eingezogen zu werden. Das wäre leider vorstellbar. Es sieht ja so aus, als würde Russland immer weiter in die Ukraine vordringen wollen. Müsste ich dann gegen meine Freunde kämpfen?

Ich dachte niemals, dass so ein Krieg überhaupt möglich wäre. Keiner glaubte das, wir wurden alle eiskalt erwischt. Ich wollte gestern eigentlich in die Ukraine fahren, weil ich das Bild in meinem Pass erneuern muss. Die Ukraine erkennt die russische Herrschaft auf der Krim nicht an, deshalb muss man für solche Dinge in die Ukraine. Aber ich blieb zuhause, nachdem Putin die Unabhängigkeit von Teilen der Ukraine angekündigt hatte. Ich habe Angst bekommen.“

* Die Protagonisten wollen aus Sicherheitsgründen anonym bleiben, sind der Redaktion aber bekannt. 

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