„Wir haben uns daran gewöhnt, mit diesen Bedrohungen zu leben“

Anastasia und Artem sorgen sich um die Sicherheit ihrer Familie und ihrer Freund:innen.
Fotos: Privat

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Seit Wochen schon redet Anastasia auf ihre Mutter ein. Sie will sie überreden, endlich aus der Ostukraine wegzuziehen. Denn Anastasia macht sich große Sorgen um das Wohl ihrer Eltern. Die Familie der 22-Jährigen wohnt nur eine Fahrstunde entfernt vom Krieg in der Donbass-Region, Anastasia studiert in der ukrainischen Hauptstadt. Seit Russland seine Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen hat, ist ihre Angst vor einer Ausweitung des blutigen Konflikts noch größer geworden. Bislang aber blieben Anastasias Versuche erfolglos: „Jedes Mal, wenn ich das Thema anspreche, weicht meine Mutter mir aus, und sagt, dass wir morgen darüber reden. Ich verstehe das auch: Es ist so schwer darüber nachzudenken, den Ort zu verlassen, an dem wir geboren und aufgewachsen sind, an dem unser Zuhause steht.“ 

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Anastasia will, dass ihre Eltern umziehen. Sie hat Angst vor Krieg.

Foto: privat

Seit fast acht Jahren herrscht in der Ostukraine Krieg: Von Russland unterstützte Seperatist:innen gegen ukrainisches Militär. Mittlerweile melden die Vereinten Nationen mehr als 13 000 Tote, die im Donbass getötet wurden. Dass Russland seit Wochen eigene Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammenzieht, hat die Lage weiter verschärft. Russland sieht sich bedroht durch eine mögliche Aufnahme der Ukraine in die Nato. Die Ukraine wiederum hat Angst vor einer Invasion Russlands, das bereits 2014 die bis dahin ukrainische Halbinsel Krim annektierte. 

„Ich habe Russlands Verhalten komplett satt, die ganzen Aggressionen und die Propaganda im Fernsehen“, sagt Anastasia. Die russische Propaganda im Fernsehen fällt auch dem 20-jährigen Artem immer wieder auf: „Das russische Fernsehen, das wir hier in der Ukraine empfangen, zeigt dauernd, dass Ukrainier:innen die russisch sprechenden Menschen im Osten der Ukraine angeblich töten wollen. Sie zeigen diese propagandistischen Bilder, damit die Menschen in der Ostukraine Angst bekommen und wollen, dass Russland kommt und sie rettet.“ Unabhängig überprüfen lassen sich die Behauptungen der beiden nur schwer.

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Artem sagt: „Wir haben uns daran gewöhnt, mit diesen Bedrohungen zu leben.“

Foto: Privat

Obwohl Artem nicht nur ukrainische sondern auch russische Wurzeln hat und sagt, dass er sich Russland kulturell näher fühle als Europa, ist er frustriert von Russlands Aggressionen. Mit seinen Freund:innen macht er mittlerweile auch viele Witze über Russland und Putin, erzählt er: „Wir haben uns daran gewöhnt, mit diesen Bedrohungen zu leben.“

Osteuropa-Experte Guido Hausmann von der Universität Regensburg findet die Sorge vor einem neuen Krieg angesichts der russischen Truppen an der ukrainischen Grenze berechtigt: „Die Menschen haben schon in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass es nicht nur bei der Androhung von Gewalt geblieben ist.“ Zunächst habe es nach Deeskalation ausgesehen, als vergangene Woche die Verhandlungen mit Russland und den USA liefen. „Aber es war ein Fehler, dass bei den Verhandlungen weder die Ukraine noch die EU mit am Verhandlingstisch saßen, genauso wenig wie EU-Länder wie Deutschland und Frankreich, die immerhin das Minsker Abkommen mitverhandelt haben. Ob sich aus so einer Verhandlungskonstellation langfristig eine Lösung entwickeln kann, ist fragwürdig.“ Die Verhandlungen zwischen Moskau und Washington blieben bis heute ohne greifbares Ergebnis. Auch der Besuch der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock in Moskau brachte keine Einigung.

Wieso Russland wirklich hinter der Grenze aufmarschiert, kann man nur vermuten. „Natürlich steckt eine Strategie dahinter“, sagt Hausmann. „Russland hofft sicherlich, die Ukraine ökonomisch in den Griff zu bekommen. Zunächst durch Nordstream 2, denn dadurch wird die Ukraine Einnahmen verlieren. Russland könnte auch versuchen, den Mariupol-Hafen zu besetzen oder zu bedrohen, das ist ein wichtiger Exporthafen am Asowschen Meer. So könnte Moskau die Ukraine weiter wirtschaftlich beeinträchtigen.“ Die Ukraine hingegen rüstet sich selbst ebenfalls weiter militärisch auf, mit modernen Waffen aus der Türkei und den USA. „So könnte Russland versucht sein, frühzeitig militärisch einzugreifen. Denn natürlich herrscht immer noch ein militärisches Ungleichgewicht“, betont Hausmann.

„Uns ist es wichtig, Kyiv zu sagen“

Artem sagt, dass er sich jetzt sicherer fühle: „Bei der Krim kam Russland für uns unerwartet, die Annektion war eine Überraschung. Heute ist das nicht mehr so. Unser Militär ist viel besser vorbereitet.“ Dazu kommt, dass Russland weitestgehend seinen Support in der Ostukraine verloren habe, meint Artem. Er sagt: „2014 war der Osten der Ukraine noch mehrheitlich Pro-Russisch. Durch den acht Jahre lang andauernden Krieg ist das heute nicht mehr so.“ 

Auch Anastasia, die schon vor einigen Jahren für ihr Studium in die Hauptstadt der Ukraine gezogen ist, ist in der Ostukraine in einer ehemals Pro-Russischen Region aufgewachsen. Sie wuchs mit der russischen Sprache auf und versucht heute immer wieder, mit ihrer Familie und ihren Freund:innen nur noch Ukrainisch zu sprechen. Sie achte auch im Englischen auf eine ukrainische Aussprache, sagt sie, zum Beispiel bei der Benennung der ukrainischen Hauptstadt: Das Wort „Kiew“ ist die russische Sprech- und Schreibweise. „Es heißt Kyiv, nicht Kiew. Das Wort Kiew kommt aus dem Russischen. Uns ist es wichtig, Kyiv zu sagen.“ Mit „uns“ meint sie sich und andere junge Ukrainier:innen, die zweisprachig aufwachsen und in der Schule Ukrainisch und Russisch lernen. Doch der einstige sowjetische Bündnispartner Russland ist seit der Annektion der Krim für viele zum wenig gewollten Nachbarn geworden – und somit auch die russische Sprache.

Dass Ukrainer:innen in Russland keinen Bruder, keinen Verbündeten mehr sehen, sei schon länger so, sagt Guido Hausmann. Zwar sei auch keine Feindschaft gegenüber Russ:innen verbreitet. Doch seit dem Zerfall der Sowjetunion gab es zwei bedeutende Revolutionen in der Ukraine, die Orange Revolution 2004 und den Euromaidan 2013 und 2014, durch die die Ukraine ein neues politisches Bewusstsein entwickelt hat. Das alte sowjetische „Wir sind Brüder“-Narrativ sei nie beliebt in der Ukraine gewesen, schon zu Sowjetzeiten nicht, betont Hausmann: „Denn das Brüder-Narrativ bedeutete für sie immer, dass es einen größeren und einen kleineren Bruder gibt.“ Junge Leute sprechen deshalb auch immer weniger Russisch. Das habe natürlich auch etwas mit Nationalismus zu tun, aber vor allem mit politischem Selbstbewusstsein, meint Hausmann. Doch nicht nur die Ukraine sei nationalistischer geworden, Russland auch. 

„Ich bin mir sicher, dass ich die Ukraine nicht verlassen möchte“

Auch wenn die Ukraine und Russland keine Verbündeten mehr sind, beide militärisch aufrüsten und ihren eigenen Nationalstolz haben, ist sich Hausmann sicher: „Beide Länder leiden enorm unter der aktuellen Situation.“ Die Ukraine könne sich nicht richtig weiterentwickeln, ihr fehlten die finanziellen Mittel, auch in der Armee. Und Russland leide ebenfalls darunter: „Das Land bleibt vergangenheitsorientiert in imperialen Träumen. Anstatt sich zu modernisieren, auch abseits von Moskau“, sagt Hausmann. Der drohende Krieg sei besonders fatal für junge Menschen in der Ukraine. Zukunftschancen würden ihnen verbaut. Denn: „Die Ukraine hängt in ihrer Entwicklung im europäischen Maßstab sowieso schon hinterher. Wer möchte sich in Deutschland wirtschaftlich in der Ukraine engagieren, wenn es keine politische Stabilität gibt? Auch die Tourismusbranche leidet darunter. Wer fährt in die Ukraine, wenn Krieg herrscht?“

Anastasia ist sich sicher, dass sie in der Ukraine bleiben möchte, auch wenn sich der Konflikt weiter verschlimmern sollte: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie schlimm es sein könnte, aber ich bin mir sicher, dass ich die Ukraine nicht verlassen möchte.“

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