Studentin zerreißt Hakenkreuz-Schild und wird angeklagt

Nun kämpft die Amerikanerin für ihren Freispruch.
Von Tabea Mirbach

Grae Hosmanek wollte mit ihrer Aktion ein Zeichen gegen Nazis setzen – und muss sich dafür nun vor Gericht verantworten. Doch sie erhält auch Zuspruch von anderen Student*innen. Das Bild oben zeigt übrigens nicht die Flagge, die von ihr zerrissen wurde.

Fotos: privat, Matt Sonnack, Ramone Santana

Eigentlich wollte Grae Hosmanek einfach nur mit Freunden in der Bibliothek der Universität Wisconsin-Milwaukee (UWM) für eine Klausur am kommende Tag lernen. Dann sah die 19-Jährige auf dem Campus eine Gruppe Studierende, die den israelischen Unabhängigkeitstag feierten. Spontan schloss sie sich der Gruppe an. „Wir hatten echt eine gute Zeit, alles war friedlich und wir haben es genossen, bis der Typ mit dem Hakenkreuz-Schild auftauchte,“ sagt Grae gegenüber jetzt am Telefon. „Ich hörte ihn Dinge sagen wie ‚Vergast die Juden’ und ein anderer Student sagte, dass er die Scheiße aus ihm herausprügeln will.“ Dies war der Moment, in dem Grae sich nach eigener Aussage dazu entschied, das Schild kaputt zu machen.  

Dafür soll Grae nun eine Strafe wegen Vandalismus in Höhe von 265 Dollar zahlen. Grae will aber einen Freispruch erreichen. Um die Gerichts- und Anwaltskosten zu decken, hat sie einen „Go-Fund-Me“-Aufruf gestartet und innerhalb kürzester Zeit mehr als 1000 Dollar gesammelt. Das Kuriose an der ganzen Geschichte: Der Mann mit dem Hakenkreuz wird nicht belangt. Wie kann das sein?

„Alle um mich herum jubelten, als ich das Schild in den Mülleimer stopfte“

Tatsächlich ist das Zeigen eines Hakenkreuzes in den USA keine Straftat, sondern wird von der Meinungsfreiheit gedeckt. Das bestätigt auch UWM Polizeichef Joseph LeMire gegenüber jetzt, der am Tag des Vorfalls selbst auf dem Campus war. Für ihn war die einzige relevante Frage, ob von dem Studenten mit dem Schild eine Bedrohung für andere ausging: „Ich näherte mich ihm, um herauszufinden, worüber er sich mit den Studierenden unterhielt und es ging letztendlich nur um verschiedene politische Ansichten und das hatte rein gar nichts mit Nationalismus zu tun“, sagt Joseph LeMire am Telefon. „Er dachte, dass er mit dem Schild andere Leute dazu bringen könnte ein Gespräch mit ihm zu führen, aber er sagte zu keinem Zeitpunkt Dinge wie ‚Vergast die Juden’, weil dann hätten wir eingegriffen.“  

Grae wurde hingegen von einer Polizistin vor Ort vor ihrer Zerstörungs-Aktion gewarnt, dass sie das Schild nicht an sich nehmen sollte, dann könnte es nämlich Probleme geben. Ihr war das egal. „Alle um mich herum jubelten, als ich das Schild in den Mülleimer stopfte“, sagt sie. Kurz darauf wurde sie von der Polizei gepackt und in Handschellen gelegt. „Da Hosmanek sich kooperativ zeigte und sie sagte, dass es ihr leidtue, haben wir ihr nur noch einen Strafzettel für Vandalismus ausgestellt, anstatt für Missachtung einer Polizeianweisung. Der kostet schließlich 200 Dollar weniger“, erklärt Polizeichef Joseph LeMire das Vorgehen.

Grae findet das Vorgehen der Polizei problematisch. Aus ihrer Sicht hat diese nichts gegen den Studenten mit dem Hakenkreuz-Schild unternommen, also musste sie selbst handeln: „Ich war einfach sauer, dass er versuchte, andere Studenten aufgrund ihrer Religion zu diskriminieren. Meine Familie kommt hauptsächlich aus der Slowakei und meine Urgroßeltern waren im Zweiten Weltkrieg unter nationalistischer Besatzung. Nach dem Krieg flüchteten sie nach Amerika und deswegen finde ich es schlimm, so etwas heutzutage noch zu sehen.“

Es gab keine Konsequenzen für den Studenten

 

Bisher hatte Grae zwei Termine vor Gericht. Beim zweiten wurde ihr ein sogenannter „Ein-Dollar-Deal“ angeboten wurde. Das heißt, dass sie als Strafe nur einen Dollar hätte zahlen müssen und nicht die komplette Strafsumme. Sie akzeptierte den Deal aber nicht, weil die Tat dann trotzdem in ihrer Akte stehen würde, sondern plädiert weiterhin auf Freispruch. Nach ihrem Studium möchte Grae Grundschullehrerin werden, ein Eintrag für Vandalismus würde ihre Chance auf eine Anstellung gefährden. Aber es geht ihr auch um die moralische Ebene: „Ich finde es wirklich unfair, dass ich deswegen angeklagt wurde und im selben Moment äußert sich ein anderer Student antisemitisch und ist letztendlich der Auslöser für die ganze Sache.“

Die Universität Wisconsin-Milwaukee verschickte nach dem Vorfall eine Rundmail, in der ihr Präsident dazu sagte, dass er zwar nicht unterstütze, was der Student getan hatte, er allerdings durch die geltenden Gesetze geschützt sei. Dass er nicht länger an der Universität von Wisconsin-Milwaukee studiert, hat allerings nichts mit dem Vorfall zu tun: „Er studiert hier nicht mehr, aber nicht, wie manche Gerüchte behaupten, weil er wegen des Vorfalls rausgeschmissen wurde, sondern weil er seine Abschlussprüfungen geschrieben hat und nun fertig ist“, sagte Polizeichef LeMire. Für Grae reicht das nicht. „Ich würde mir von meiner Uni wünschen, dass endlich diese Nazi-Symbole und alles, was damit zu tun hat, verboten wird. Aber ich glaube nicht, dass sie das so einfach machen können, weil es in Amerika immer noch legal ist“, sagt sie. Am 27. September ist ihr nächster Prozesstag. Dann wird sich zeigen, inwiefern sie zumindest rechtlich Genugtuung bekommt.

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