„Ich wollte zeigen, dass es im Osten auch coole Leute gibt“

Mortimer und Hanna protestierten nach der Wahl in Brandenburg gegen die AfD – während Kalbitz' Live-Autritt im ZDF.
Interview von Lara Thiede

Hanna protestierte auf Mortimers Schultern gegen die AfD.

Foto: dpa/Kay Nietfeld

Nach der Wahl in Brandenburg ist die 19-jährige Hanna aus Potsdam plötzlich eine kleine Berühmtheit. Denn als das ZDF am Sonntagabend diverse Politiker zur Nachbesprechung der Wahl versammelt hatte und auch Andreas Kalbitz von der AfD sprach, hielt sie im Hintergrund immer wieder ein Schild in die Kamera. Darauf stand: „Rassisten sind keine Alternative“. Geschrieben hatte es ihr guter Freund Mortimer, auf dessen Schultern sie saß. Am Telefon haben uns die beiden erzählt, warum sie sich so öffentlich gegen die AfD einsetzen und welche*r Politiker*in sich danach noch bei ihnen bedankte.

jetzt: Wie kamt ihr auf die Idee, die ZDF-Aufzeichnung zu „photobomben“?

Mortimer: Ziemlich spontan. Am Abend vor den Wahlen schlenderte ich mit meiner Oma durch Potsdam und sah, dass da das ZDF-Studio aufgebaut war. Und, viel wichtiger, dass das im Grunde ein Glaskasten war. Da dachte ich mir: Wenn darin morgen die Spitzenkandidaten sprechen, wäre das doch eine gute Gelegenheit für eine kleine Botschaft.

Hanna: Mir hat Morti dann erst nach der Wahl am Sonntag von seinem Plan erzählt. Ich fand den fantastisch – und kam einfach spontan mit.

Warum hast du gerade diese Botschaft aufs Schild geschrieben? 

Mortimer: Ich sehe die AfD sehr, sehr kritisch, weil sie ausländerfeindlich ist. Ich wollte deshalb zeigen, dass es im Osten auch coole Leute gibt, die liberal oder links eingestellt sind. Und nicht nur Menschen, die die AfD toll finden. 

Hanna trägt gerne Sonnenbrille – auch, wenn sie gerade nicht gegen AfD protestiert.

Foto: privat

Was habt ihr denn gewählt? 

Hanna: Lass es mich so sagen: Mir ist Umweltschutz sehr wichtig. Und die Sozialdemokratie.

Mortimer: Ich habe grün gewählt. Aus den gleichen Gründen. Dementsprechend waren wir auch enttäuscht davon, wie stark die AfD bei der Wahl abgeschnitten hat. Auch wenn wir immerhin erleichtert waren, dass sie nicht ganz stärkste Kraft ist. 

Die Leute klatschten und riefen: „Weiter nach links!“

Bei der Aufnahme haltet ihr das Schild sehr prominent in die Kamera, rückt ihr quasi ständig nach. Wie ist das gelungen?

Hanna: Das brauchte ein bisschen Unterstützung. Denn vor Kalbitz sprach auch Gauland, da sah man das Schild noch kaum, weil Morti es alleine hielt. Eine Freundin, die live im Fernsehen zusah, hat uns dann aber geschrieben, dass wir das Schild höher halten sollen. Also kletterte ich während Kalbitz’ Vortrag auf Mortis Schultern.

Mortimer: Nach und nach halfen uns auch die Menschen, die um uns herum standen. Sie klatschten und riefen: „Weiter nach links!“ oder ähnliches.

Nach der Aufzeichnung der Diskussion kam angeblich noch der amtierende Ministerpräsident Dietmar Woidke bei euch vorbei. 

Hanna: Ja, das war eine Riesenüberraschung. Er kam und sagte: „Danke, das war eine super tolle Aktion.“ Manche vermuten jetzt, er habe das nur gemacht, um mit uns in die Presse zu kommen. Ich glaube aber, dass das aufrichtig war. Er drehte sich nämlich bereits nach der Diskussion, als die Kameras aus waren, zu uns um und streckte den Daumen nach oben.

Mortimer: Er war aber nicht der Einzige. Die Spitzenkandidatin der Linken, Kathrin Dannenberg, bedankte sich auch noch kurz. Außerdem kamen Dutzende Menschen auf uns zu, um uns zu loben.

Hanna: Aber auch einige wenige, die eine andere Meinung hatten und zugaben, die AfD gewählt zu haben.

Was haben diese AfD-Wähler dann zu euch gesagt?

Hanna: Tatsächlich sagten fast alle, dass sie Protestwähler seien. Dass sie die AfD also nur gewählt haben, damit andere Parteien umdenken und sich wieder für die kleinen Leute stark machen. Mich hat das schockiert, andererseits bin ich auch erleichtert. Denn jetzt denke ich mir: Wenn andere bessere Politik machen, wird die AfD vielleicht wieder schwächer.

Tatsächlich kann ich aber nicht aus eigener Erfahrung sagen, wie schlimm es um soziale Gerechtigkeit in Ostdeutschland steht, und was passieren muss, damit diese Leute sich auch wirklich abgeholt fühlen.

Bist du also zu privilegiert, um diese Protest-Wähler zu verstehen?

Hanna: Ich bin auf jeden Fall so privilegiert, dass ich Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Schulden selbst noch nicht habe. Ich habe gerade Abitur gemacht, wohne in einem guten Stadtteil, gehe arbeiten. Aber ich weiß eben auch, dass es vielen schlechter geht.

Im Netz kursieren inzwischen Bilder von eurer Aktion, Hanna wird als „Schilderfrau“ und „Heldin des Abends“ gefeiert. Mortimer wird eher übersehen. Wie fühlt sich das für euch an?

Hanna: Ich bin total froh über das positive Feedback. Viele sagen, ich hätte sie inspiriert – und ich hoffe, dass das wahr ist. Ich sage aber auch immer wieder: Denkt mal an meinen guten Freund, auf dessen Schultern ich da sitze.

Mortimer: Mir ist das ehrlich gesagt total wumpe, wer da jetzt für die Botschaft gefeiert wird, solange sie ankommt. Eigentlich ist es für mich so sowieso angenehmer: Ich bin nicht besonders scharf darauf, dass meine Kollegen mich mit der Aktion in Verbindung bringen. 

„Die Argumente sind meistens so flach, dass ich die schon entkräften kann“

Dafür seid ihr aber gut erkennbar im Video. Oder war die Sonnenbrille in Hannas Gesicht als Tarnung gedacht?

Hanna: Die Sonnenbrille gehört Mortimer. Er trug sie eigentlich am Anfang und sagte zu mir, ich solle das Schild vor mein Gesicht halten.

Mortimer: Ich wollte nicht unbedingt herausfordern, dass wir erkannt werden.

Hanna: Ich habe das Schild aber irgendwann doch höher gehalten als auf Kopfhöhe, damit man es besser sieht. Morti hat mir dann die Sonnenbrille gegeben – aber hauptsächlich, damit mich die Scheinwerfer nicht blenden.

Du, Mortimer, willst auch in diesem Text nicht allzu deutlich machen, wer du bist. Wir zeigen daher kein Bild von dir und nennen eure Nachnamen nicht. Warum ist dir das lieber?

Mortimer: Ich mache gerade eine Ausbildung in einer Organisation, in der einige Kollegen konservativ bis populistisch eingestellt sind. Ich habe zwar keine Angst, zu meiner politischen Meinung zu stehen. Aber ich möchte sie momentan noch nicht in der Arbeit thematisieren, aus taktischen Gründen. Ich will mir erstmal ein Standing erarbeiten – dann habe ich bessere Chancen auch in politischen Diskussionen ernst genommen zu werden.

Und du, Hanna? Hast du keine Angst, dass du jetzt angefeindet werden könntest?

Hanna: Nein, eigentlich nicht. Ich trage auch im Alltag manchmal ein „FCKAFD“-Shirt. Dafür werde ich zwar doof angeguckt, aber nicht angegriffen. Auf Social Media werden sich sicherlich weiter Menschen mit gemeinen Nachrichten melden, davor habe ich aber keine Angst. Denn ihre Argumente sind meistens so flach, dass ich die schon entkräften kann.

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