„Was an den Außengrenzen geschieht, hat nichts mit Rechtsstaatlichkeit zu tun“

Volker Bruch und Trystan Pütter legen die Spendenkampagne „Los für Lesbos“ neu auf. Mit im Topf: ein Stuhl von Elyas M’Barek und eine Tasche von Diane Kruger.
Interview von Raphael Weiss
volker bruch and trystan puetter by paul kusserow cover

„Natürlich würde ich unfassbar gerne mal mit David Alabas Fußballschuhen eine Flanke schlagen“ - Volker Bruch und Trystan Pütter haben die Kampagne Los für Lesbos gestartet

Foto: Paul Kusserow

David Alabas maßgefertigte Fußballschuhe, Daniel Brühls Spazierstock aus „The Alienist“, ein Schild aus dem neuen „Matrix“-Film, gespendet von Lana Wachowski. 23 national und international bekannte Stars stiften persönliche Gegenstände, für die Spendenkampagne Los für Lesbos. Wer bis zum 24. Dezember spendet, hat die Chance, einen der 23 Gegenstände zu gewinnen.

Die Schauspieler Volker Bruch, bekannt aus „Babylon Berlin“, und Trystan Pütter (u.a. „Ku’damm 59“) sind die Initiatoren der Kampagne. Im Interview mit jetzt sprechen sie über die Notwendigkeit einer solchen Kampagne, ihren Glauben an den europäischen Gedanken darüber, und welche Gegenstand sie am liebsten gewinnen würden.

jetzt: Warum habt ihr diese Aktion zum zweiten Mal gestartet?

Volker Bruch: Als wir im Juli bekanntgeben wollten, wie viele Menschen gespendet haben und wie viel Geld zusammengekommen ist, war das der Tag, an dem das Lager in Moria abgebrannt ist. Wir haben damals schon gesagt, dass diese erste Aktion nicht die letzte sein wird. 

Trystan Pütter: Und weil der Winter vor der Tür steht. Es wird sehr kalt und die Menschen in der Ägäis müssen unter Bedingungen leben, die wir uns nicht vorstellen können. In unbeheizten Zelten, die nicht wasserdicht sind, einfach unter wirklich unmenschlichen Bedingungen. Mitten in Europa. Die EU und Deutschland haben keinerlei Konzepte vorgelegt, um diese Umstände schnellstmöglich zu verändern.

Bei der ersten Aktion kamen 570 000 Euro zusammen. Wo ging dieses Geld hin?

Volker: Das Geld ging an die Kampagne LeaveNoOneBehind, die vom Verein „civilfleet“ getragen wird. Dort wird in einem Komitee entschieden, wo das Geld hingeht: medizinische Versorgung, Essensausgabe, Bildungsprojekte. Wir selber bestimmen da nicht mit.

Die Bundesregierung hatte sich nach dem Brand in Moria verpflichtet, 1500 Menschen aufzunehmen. Bislang ist erst ein Bruchteil dieser Menschen angekommen. Findet ihr, das ist genug?

Trystan: Nein, das ist ein absoluter Skandal, angesichts der Möglichkeiten, die Deutschland hat. Über 200 Kommunen haben sich bereiterklärt, Geflüchtete aufzunehmen. Dass dann die Bundesregierung entscheidet, dies nicht zu erlauben, ist ein Unding. Wenn man weiß, wie die Schutzsuchenden leben müssen, macht mich diese Politik einfach sprachlos. 

Volker: Ich verstehe auch nicht, wie das passieren kann. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgehalten, dass jedes Jahr zwischen 180 000 und 220 000 Menschen in Deutschland Zuflucht finden können. Im vergangenen Jahr waren es 165 000 Asylanträge und in diesem werden es nochmal deutlich weniger sein. Die Regierung hält sich nicht an ihre eigenen Abmachungen.

„Wir schaffen im Mittelmeer eine Grenze, die tödlicher ist als viele Krisenregionen in der Welt“

Was löst diese Politik der Bundesregierung in euch aus?

Volker: Ich denke, Machtlosigkeit trifft es ganz gut. Es wird einem einfach viel aus der Hand genommen. Das ist ein ungutes Gefühl. Dieses Projekt ist ein Versuch, sich Handlungsmöglichkeiten zurückzuholen. Dann müssen wir eben zusammenhalten und etwas stemmen. 

Trystan: Ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland wäre dazu bereit, Schutzsuchende aufzunehmen. Das sieht man auch daran, wie viele Menschen bei unserer ersten Aktion gespendet haben. Wir wollen das Thema wieder in den Fokus rücken und Solidarität mit den Menschen an den europäischen Außengrenzen zeigen. 

Aber es gibt ja auch einige Politker*innen, die  ganz offen sagen, dass Lager wie Moria auch zur Abschreckung dienen sollen. 

Volker: Das macht mich richtig wütend. Es kann doch nicht der Anspruch einer Gesellschaft sein, die Situation in den Lagern schlimmer zu machen als die Orte, aus denen die Menschen fliehen. Wenn das die Lösung sein soll, dann gute Nacht. Das spricht gegen alle Grundsätze an Menschlichkeit, die wir in Europa wollen.

Trystan: Wir schaffen im Mittelmeer eine Grenze, die ebenso tödlich ist wie manch eine Krisenregion dieser Welt. Das ist absolut beschämend und, wie Volker sagt, gegen den europäischen Gedanken. 

Glaubt ihr denn noch an diesen europäischen Gedanken?

Volker: Hm. Ich will diesen Glauben noch haben. Es gibt eine Studie, die sagt, dass über 80 Prozent der Menschen in Deutschland wollen, dass die Bundesrepublik Menschen aus den Camps aufnimmt. Und das gibt mir noch Hoffnung, dass bei den Bürgern eine Solidarität diesen wirklich notleidenden Menschen gegenüber besteht. Was die Politik, die Verträge, die Abmachungen betrifft, bin ich oft am zweifeln. 

Trystan: Es müssen einfach die Gesetze eingehalten werden. Die Menschen, die an den europäischen Außengrenzen ankommen, haben das Recht auf ein rechtsstaatliches Verfahren. Sie müssen die Möglichkeit haben, einen Asylantrag zu stellen. Der muss dann selbstverständlich geprüft werden. Aber das ist ja oft gar nicht erst möglich. 

Volker: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Es geht ja nicht darum, alle Menschen per se aufzunehmen. Es geht einfach darum, dass jeder Mensch das Recht auf ein rechtsstaatliches Verfahren hat. Die Menschen müssen sich in Lebensgefahr begeben, um Asyl zu beantragen und werden dann von Küstenwachen und Frontex auf dem offenen Meer ausgesetzt. Das, was an den Außengrenzen geschieht, hat nichts mit Rechtsstaatlichkeit zu tun.

„Natürlich würde ich unfassbar gerne mal mit David Alabas Fußballschuhen eine Flanke schlagen“ 

Hattet ihr denn die Möglichkeit, mit Menschen auf Lesbos zu sprechen und euch ein Bild von der Lage vor Ort zu machen? 

Trystan: Ich bin nach dem Brand in Moria nach Lesbos geflogen, um mir ein Bild von der Situation zu machen und um die Geschichten der Menschen zu hören und weiterzugeben. Ich halte Kontakt mit Menschen, die in diesen Lagern leben. Manche sagen: Moria war besser als das neue Lager, auf diesem Militärgelände mit verseuchtem Boden, den Witterungsbedingungen ausgesetzt und ohne Hoffnung auf ein besseres Leben.

Bei eurem Projekt macht ja wirklich eine sehr prominente Auswahl an Menschen mit. Wie habt ihr beispielsweise Daniel Craig für „Los für Lesbos“ gewinnen können?

Trystan: Es ist wirklich ein Projekt von Freunden. Hier sind keine Agenturen involviert gewesen. Es sind nur Leute, die wir selber oder über eine Ecke kennen. Es ist schwer zu beschreiben, wie schön es sich anfühlt, dass selbst Menschen, die in einer so „entfernten Galaxie“ leben, sofort zusagen und dabei sind. Weil sie helfen wollen, weil sie genauso finden, dass dieses Thema wahnsinnig wichtig ist. Wir mussten keine Überzeugungsarbeit leisten.

Habt ihr denn auf dieser Liste ein Lieblingsstück, das ihr gerne hättet?

Volker: Da gibt’s ein paar Sachen.

Trystan: Als ich das Video, das Daniel Richter für das Projekt aufgenommen hat, gesehen habe, wollte ich sofort alles machen, was er beschrieben hat. Ich wollte die Platte von Zugezogen Maskulin anhören, seine tolle und vergriffene Lithografie an die Wand hängen und dann natürlich sein speziell angefertigtes T-Shirt anziehen und mir ein Eis holen. Und natürlich würde ich unfassbar gerne mal mit David Alabas Fußballschuhen eine Flanke schlagen. 

Volker: Für mich ist es etwas ganz Besonderes, dass Marlene Dietrich auch an dieser Aktion beteiligt ist. Ihr Enkel hat uns erzählt, wie wichtig ihr das Thema Flucht war. Damals war das natürlich auch schon ein großes Thema. Das war es schon immer. Menschen bewegen sich. Und wenn sie eine Chance sehen, in einem anderen Land oder auf einem anderen Kontinent ein Leben in Frieden zu führen, dann wollen sie sie natürlich ergreifen. Das ist nur nicht möglich, weil es Grenzen gibt. Dieser historische Kontext zeigt einfach, wie absurd es ist, dass diese Menschen in diesen schlimmen Lagern festsitzen müssen.

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