„Was jetzt bleibt, ist der Schmerz“

Seit mehr als zwei Wochen stehen im Konflikt um Bergkarabach die Waffen still. Wir haben mit Armeniern und Aserbaidschanern über den Krieg und die Feindschaft zwischen ihren Ländern gesprochen.
Protokolle von Mayank Sharma
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Fotos: Roman Gojayev / Talar Mazloumian / Privat

Seit dem 10. November herrscht im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach Waffenstillstand. Russland hatte bei der Aushandlung des Abkommens vermittelt. Bei den sechs Wochen andauernden Kampfhandlungen starben nach russischen Angaben etwa 4000 Menschen, darunter mehr als 140 Zivilisten. Ein Großteil der Bewohner*innen der Region Bergkarabach, fast ausschließlich armenische Christ*innen, musste aus der Region fliehen. Der Status der Kernregion Bergkarabachs, das seit langem für seine Unabhängigkeit kämpft, ist weiter ungeklärt, doch Aserbaidschan geht als klarer Sieger der Auseinandersetzung hervor. Das militärisch besser aufgestellte Land, das von der Türkei unterstützt worden war, setzte sich durch: Armenien muss wichtige Teile von Bergkarabach und umliegende Gebiete räumen. In der Folge protestierten Armenier*innen teils gewaltsam gegen das Waffenstillstandsabkommen. 

Die Lage in der Region ist weiter angespannt. Beide Seiten benutzen scharfe, nationalistische Rhetorik und werfen sich gegenseitig Menschenrechtsverletzungen vor. Während der nächsten fünf Jahre sollen russische Soldat*innen den Frieden in der Region gewährleisten. Russland hat damit seinen geopolitischen Einfluss erweitert.

Bergkarabach, das historisch überwiegend von Armenier*innen bewohnt ist, war in der Sowjetunion ein autonomer Verwaltungsbezirk innerhalb Aserbaidschans. Nach dem Zerfall der Sowjetunion forderte die Region den Anschluss an Armenien – völkerrechtlich gehört sie allerdings zu Aserbaidschan. Beide Staaten begründen ihren Anspruch mit der Geschichte der Region. Auch ein umstrittenes Referendum im Jahr 1991, bei dem die Bewohner*innen Bergkarabachs für die Unabhängigkeit stimmten, heizte den ethnischen Konflik, der Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Anfang genommen hatte, wieder an. Dem Karabach-Krieg von 1991 bis 1994 fielen bis zu 30 000 Menschen zum Opfer, etwa 400 000 Armenier*innen flohen aus Aserbaidschan. Armenien erlangte die Kontrolle über Bergkarabach und weitere angrenzende Bezirke, die es als „Sicherheitszone“ einnahm und nun wieder an Aserbaidschan abtreten musste. Bergkarabachs Unabhängigkeit ist nach wie vor nicht anerkannt, die Region ist stark von Armenien abhängig.

Wir haben mit jungen Armenier*innen und Aserbaidschaner*innen über die aktuelle Situation und den Krieg gesprochen und sie gefragt, was ihnen Bergkarabach bedeutet.

„Für mich geht es nicht um Gebietsansprüche, sondern um das Menschenrecht der ethnischen Armenier auf Selbstbestimmung“

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Foto: Privat

Karen Ayvazyan (30) lebt im Nord-Westen Armeniens, hat Politikwissenschaft studiert und arbeitet als Menschenrechtsaktivist für eine NGO. 

„Ich erfuhr, dass der Krieg ausgebrochen war, als ich im südlichsten Teil Armeniens, nahe der Grenze zu Bergkarabach war. Ich gab dort einen Workshop zum Thema Konfliktlösung. Rückblickend ist das sehr ironisch, weil ich dort war, um für den Frieden zu werben und den Menschen friedliche Konfliktlösungen zu vermitteln. Als die Kämpfe anfingen, mussten wir schnell nach Jerewan (Hauptstadt Armeniens, Anm. d. Red.) evakuiert werden. 

Die Situation war emotional sehr aufgeladen, weil wir nicht wussten, wie lange der Krieg dauern würde. Die letzte militärische Konfrontation 2016 dauerte nur wenige Tage. Erst dachten wir, dass nach einer Woche alles vorbei sein würde. Aber als wir die Intensität der Kämpfe sahen und erfuhren, dass die Türkei Aserbaidschan militärisch unterstützte, wussten wir, dass der Krieg länger dauern und viele Leben kosten würde. 

Die Armenier haben zu Recht Angst um das armenisches Kulturerbe

Wegen des Waffenstillstandsabkommens kam es zwischenzeitlich zu sozialen Unruhen in Armenien. Viele Armenier fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Nikol Paschinjan. Diese emotionalen Reaktionen der Leute kann ich gut nachvollziehen. Das Abkommen ist sehr zum Nachteil Armeniens und wird den armenischen Interessen nicht gerecht. Trotzdem will ich Paschinjan nicht als Verräter beschimpfen. Die Armenier haben aber zu Recht Angst um das armenisches Kulturerbe. Denn wir haben gesehen, was in den eroberten Gebieten passiert. (Beide Seiten werfen sich gegenseitig Zerstörung von Kulturgütern in den eroberten Gebieten vor, Anm. d. Red.) Außerdem müssen viele Armenier jetzt aus den verlorenen Gebieten fliehen und brennen ihre eigenen Häuser nieder, damit sie nicht den Aserbaidschanern in die Hände fallen.

Als jemand, der für Menschenrechte eintritt, sehe ich den Konflikt um Bergkarabach aus dieser Perspektive. Für mich geht es nicht um Gebietsansprüche, sondern um das Menschenrecht der ethnischen Armenier auf Selbstbestimmung. Sie wollen in ihrer Heimat bleiben und fordern deshalb Gerechtigkeit. Mit dem Referendum von 1991 haben die Menschen in Bergkarabach ihren Wunsch nach Autonomie rechtsgültig zum Ausdruck gebracht, denn gemäß der UN-Charta haben die Völker das Recht auf Selbstbestimmung. Wenn ihnen das verwehrt wird, werden ihre Menschenrechte untergraben.

„Diese Situation gefährdet den Fortschritt der Demokratie in Armenien“

Die Regierung Aserbaidschans hat den Aserbaidschanern eine rassistische, hasserfüllte anti-armenische Ideologie eingeimpft. Diese Propaganda wird systematisch umgesetzt, sogar in den Lehrplänen. Wegen dieser nationalen, institutionalisierten Ideologie ist es unwahrscheinlich, dass Armenier und Aserbaidschaner friedlich zusammenleben können.

Bevor der Krieg begann, hoffte ich wirklich, dass die Europäische Union für die Werte einstehen würde, die sie weltweit bewirbt. Armenien befindet sich im Prozess der Demokratisierung. Die Regierung von Nikol Paschinjan versuchte sich wirtschaftlich und politisch mit der EU zu verbinden. Aber seit dem Krieg steht die EU Armenien nicht mehr zur Seite. Unser Land, das versucht demokratisch zu sein, wird alleine gelassen mit Aserbaidschan, der Türkei und Russland. Das sind drei autoritäre Staaten und leider gewinnen sie gegen die Demokratie. Diese Situation gefährdet den Fortschritt der Demokratie in Armenien.“

„Zu sagen, dass die befreiten Gebiete ethnisch zu Armenien gehören, ist eine Verzerrung der Wirklichkeit“ 

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Foto: Roman Gojayev

Ordukhan Gahramanzade (19) studiert internationale Beziehungen in Aserbaidschans Hauptstadt Baku und ist Präsident des Erasmus Studentennetzwerks Aserbaidschan.

„Als die Kämpfe begannen, meldete ich mich freiwillig für den Krieg. Aber ich wurde nicht eingezogen, weil ich Student bin. Einige meiner Freunde und Verwandten kämpften allerdings an der Front. Auch ich wollte mich einbringen, denn der Konflikt um Bergkarabach und die besetzten Gebiete ist eine Frage der nationalen Integrität Aserbaidschans. Wir alle wollten diese Gebiete zurück. Glücklicherweise ist der offene Kriegszustand jetzt vorbei. Dem dauerhaften Frieden in der Region steht jetzt nichts mehr im Weg, weil Aserbaidschan die Gebiete in der Umgebung Bergkarabachs befreit hat, die nach der Friedenslösung der Madrider Basisprinzipien und den UN-Resolutionen Aserbaidschan zustehen.

„Manchmal besuchte ich das Land meines Vaters auf Google Earth, weil es unmöglich für mich war dorthin zu reisen“ 

Bergkarabachs Autonomiestatus während der Sowjetzeit bedeutete zu keinem Zeitpunkt nationale Unabhängigkeit – dafür gibt es bis heute keine rechtliche Grundlage. Auch zu sagen, dass die befreiten Gebiete ethnisch zu Armenien gehören, ist eine Verzerrung der Wirklichkeit. Meine Familie kommt aus dieser Region. Nicht aus Bergkarabach, aber aus einem der umliegenden Distrikte, die von Armenien besetzt waren. In diesen Gebieten waren die Armenier nie wirklich die ethnische Mehrheit. Über Jahrhunderte lebten Aserbaidschaner und Armenier dort zusammen. In Bergkarabach ist das vielleicht anders, aber nicht in den umliegenden Gebieten. Als die Sowjetunion kollabierte, begann Armenien mit der Besetzung von Bergkarabach und weiteren Regionen. Das verursachte die massenhafte Flucht von mehr als 700 000 Aserbaidschanern (Das Internal Displacement Monitoring Centre geht von knapp 590 000 Binnenvertriebenen aus, Anm. d. Red.), inklusive meiner Familie. 

Bald werde ich das gesamte befreite Land besuchen. Es hat eine große Bedeutung für mich, denn ich war noch nie in der Region, in der meine Familie früher lebte. Ich wuchs in Baku auf. Manchmal besuchte ich das Land meines Vaters auf Google Earth, weil es unmöglich für mich war dorthin zu reisen. Die Armenier hingegen hatten das Glück dort zu sein. Sie verbrachten ihre Feiertage und Ferien in den besetzten Gebieten. Ich hingegen kannte die Region nur aus den Satellitenbildern und den Videos, mit denen die selbsterklärte Republik Bergkarabach auf Youtube für den Tourismus warb.“ 

„Wir sind unsere Berge. Wir sind mit unserem Land verbunden. Was jetzt bleibt, ist der Schmerz“

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Foto: Talar Mazloumian

Ani Karibian (26) lebt in Armeniens Hauptstadt Jerewan und arbeitet als Content Managerin. Sie wurde in Detroit geboren und zog vor vier Jahren nach Armenien, in die Heimat ihrer Familie. 

„Der Krieg begann an einem Sonntag. Als ich nach einer harten Arbeitswoche aufwachte, wurde ich von den Nachrichten überwältigt. Mein Cousin aus Los Angeles meldete sich bei mir und fragte, ob Armenien tatsächlich im Kriegszustand sei. Dann rief mich ein Arbeitskollege an und teilte mir mit, dass ein gemeinsamer Freund bereits als Freiwilliger an die Front gezogen sei. Als ich die Nachrichten anschaltete, sah ich, dass Stepanakert (Hauptstadt Bergkarabachs, Anm. d. Red.) unter Beschuss stand. Es war kaum zu glauben. 

Die darauffolgenden Wochen waren die Hölle. Ich habe nie zuvor ein Land im Kriegszustand erlebt. Alle waren traumatisiert und von Schmerz erfüllt. Hier geht es nicht nur um persönliche Gefühle, sondern um das Trauma und den Schmerz eines ganzen Volks. Wir erinnerten uns an den Genozid, der 1915 von den Türken an uns verübt wurde. Wir kämpften deshalb um unser Recht auf Leben.  

„Als sich die Situation verschlechterte, hatte ich wirklich Angst, dass Aserbaidschan und die Türkei in Armenien einfallen könnten“

Jede Woche brachte neue Gefühle und Eindrücke mit sich. In der ersten Woche begann ich, an militärischen Übungen teilzunehmen. Ich dachte ernsthaft darüber nach, mich als Freiwillige für den Krieg zu melden, erkannte aber schnell, dass ich dazu nicht geeignet war. Meine Talente liegen an anderer Stelle. Ich bin gut darin, Nachrichten zu verbreiten und Netzwerke zu nutzen. Also baute ich Kontakte zu Armeniern in der Diaspora auf und versuchte auf diese Weise, mein Land zu unterstützen. 

Als sich die Situation zusehends verschlechterte, hatte ich wirklich Angst, dass Aserbaidschan und die Türkei in Armenien einfallen könnten. Ich fragte mich, ob ich dann fliehen oder bleiben würde. Als ich geflüchtete Frauen aus Bergkarabach bei mir aufnahm, wurde die Situation noch emotionaler. Sogar mein Cousin aus den USA kam hierher und wohnt jetzt bei mir, um uns zu unterstützen. Ich fühle mich jetzt deutlich sicherer. Aber auch seit dem Waffenstillstand bestimmt der Krieg weiterhin unseren Alltag, jeder spricht ständig darüber. Gleichzeitig erlebe ich einen sehr starken gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Leute unterstützen sich, wo es nur geht.

Als Armenierin, die in den USA aufgewachsen ist, denke ich, dass wir daran arbeiten müssen, die Diaspora nach Armenien zu bringen. Die ausgewanderten Armenier müssen begreifen, dass ihr Heimatland nicht nur ein Urlaubsort ist, sondern ein Land, das aufgebaut werden muss und in das investiert werden sollte. 

Neulich besuchte ich zum letzten Mal Dadivank (armenisches Kloster, im Zuge der Gebietsübergaben geht es an Aserbaidschan über, Anm. d. Red.) und spürte, wie ein Teil von mir starb. Ich sah, wie die Leute ihre Häuser niederbrannten, bevor sie flohen, damit sie nicht den Aserbaidschanern in die Hände fallen. Ich ließ einen Teil von mir dort, wissend, dass ich dieses Land nie wieder betreten werde. Die nächsten Generationen der Armenier werden nicht mehr durch die Wälder und Berge dieser Region laufen. Das Land, das wir jetzt verlieren, hat einen starken spirituellen Charakter für uns. Deshalb sagen wir in Armenien auch: Wir sind unsere Berge. Wir sind mit unserem Land verbunden. Was jetzt bleibt, ist der Schmerz.“

„Die Region hat eine große Bedeutung für uns. Es ist wie eine Wunde, die wir 30 Jahre lang versuchten zu heilen“  

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Foto: Privat

Guldane Mammedzadeh (24) lebt in Baku und unterrichtet Mathematik an der Azerbaijan State Economic University.  

„Als aserbaidschanische Bürgerin denke ich, dass Bergkarabach auch meine Heimat ist. Die Region hat eine große Bedeutung für uns. Es ist wie eine Wunde, die wir 30 Jahre lang versuchten zu heilen. Wir kämpften für die Befreiung unseres Landes von armenischer Besetzung. In Bergkarabach liegen viele historische Monumente, wie Kirchen und Moscheen, die für uns eine große kulturelle Bedeutung haben. Deshalb war ich begeistert, als ich von der Befreiung von Shusha hörte! (Anm. d. Red.: Die Stadt gehörte vor dem Krieg zum armenischen Teil Bergkarabachs. Sowohl Armenien als auch Aserbaidschan beanspruchen sie als kulturelles Zentrum für sich.) 

Zu Sowjetzeiten lebten sowohl Armenier als auch Aserbaidschaner in Bergkarabach. Diese Region wird international als aserbaidschanisches Gebiet anerkannt. Insofern ist Bergkarabach kein umstrittenes Land. Es ist nicht unabhängig und auch kein armenisches Gebiet, sondern es gehört zu Aserbaidschan. Ich bin dafür, dass es so bleibt.

Ich denke, dass es eine friedliche Lösung für diesen Konflikt geben könnte. Wir wollten diesen Krieg nicht. Ich denke, dass auch Armenien nicht wollte, dass so viele Soldaten sterben. Während des Krieges wurden etwa 90 Zivilisten durch armenische Raketenangriffe getötet, unter ihnen Frauen und Kinder. (Anm. d. Red.: Auf armenischer Seite wurde Ende Oktober von etwa 40 getöteten Zivilisten ausgegangen, aktuellere Zahlen liegen derzeit nicht vor.) Das geschah an Orten, die überhaupt nicht in der militärischen Zone liegen, wie zum Beispiel Ganja. Während des Krieges wurden diese Orte unter Beschuss genommen und unschuldige Zivilisten wurden getötet.

Ich glaube, dass der Krieg jetzt vorüber ist, weil wir nur unser eigenes Land befreit haben. Unser Präsident weiß, was in der Zukunft zu tun ist und wird die richtigen Entscheidungen treffen. Es könnte alles passieren. Die Frage, ob Armenier und Aserbaidschaner eines Tages friedlich zusammenleben werden, kann ich nicht beantworten.“   

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