„Wir müssen uns das Vertrauen der Klimagerechtigkeitsbewegung verdienen“

Kathrin Henneberger ist Klimaaktivistin und Bundestagskandidatin für die Grünen. Sind diese Rollen miteinander vereinbar?
Interview von Nadja Schlüter
kathrin henneberger cover

Kathrin Henneberger lebt im Rheinischen Braunkohlerevier in der Nähe des Tagebaus Garzweiler, der man hier im Hintergrund sieht.

Foto: Privat

Kathrin Henneberger war als Sprecherin der Grünen Jugend auf Klimakonferenzen und sie war als Aktivistin bei Blockaden von Braunkohletagebauen. Die vergangenen eineinhalb Jahre war sie Pressesprecherin des Anti-Kohle-Bündnisses „Ende Gelände“, das mit Aktionen Zivilen Ungehorsams Tagebaue und Kraftwerke besetzt. Ende Oktober hat die 33-Jährige auf Twitter die Bewerbung um die Bundestagskandidatur für die Grünen im Wahlkreis Mönchengladbach angekündigt und wurde mittlerweile bestätigt. 

Wie geht das zusammen, Aktivismus und Politik? Wie leicht oder schwierig ist es, von einer Rolle in die andere zu wechseln? Und warum sind die Grünen die richtige Partei für eine radikale Klimaaktivistin, obwohl sie in Hessen wegen der anstehenden Rodung des Dannenröder Forsts von der Klimabewegung kritisiert werden? Darüber haben wir mit Kathrin gesprochen. Sie saß dabei am Telefon im Rheinland, zuhause, „sehr nah am Tagebau“, wie sie sagt.

jetzt: Kathrin, bist du Aktivistin oder Politikerin?

Kathrin Henneberger: Das ist eine schwierige Frage. Ich bin ein Mensch, der sich seit vielen Jahren für Klimagerechtigkeit einsetzt, und das auf sehr unterschiedliche Arten. Ich war mit Anfang 20 als Sprecherin der Grünen Jugend auf mehreren UN-Klimakonferenzen, also als junge Politikerin. Aber ich bin nunmal auch mit ganzem Herzen Klimagerechtigkeitsaktivistin. Ich schaue immer, wo ich in welcher Rolle am besten etwas bewirken kann und wo ich am meisten gebraucht werde. 

Sind die Rollen denn miteinander vereinbar?

Das kommt darauf an. Auf den Klimakonferenzen habe ich gelernt, dass die Klimakrise an vielen Orten schon grausame Realität ist. Darum habe ich habe mich gefragt: Was ist meine lokale Verantwortung als Rheinländerin, mit den Braunkohletagebauen als größten CO2-Quellen Europas vor der Haustür? Das hat dazu geführt, dass ich hier, in meinem Zuhause, sehr oft einen Schritt weiter gegangen bin und, um die Zerstörung aufzuhalten, mit meinem Körper die Kohlebagger blockiert habe. Und ich werde immer solidarisch an der Seite von „Ende Gelände“ stehen .

Einige werden es sicher nicht gerne sehen, dass du dich als Bundestagskandidatin nicht von „Ende Gelände“ distanzierst. Immerhin werden Teile des Bündnisses vom Verfassungsschutz als linksextrem eingestuft.

In den letzten Jahren habe ich erlebt, dass der Raum für zivilgesellschaftliches Engagement immer enger wird. Ich sehe es als meine Verantwortung, mich dem entgegenzustellen, weil ich die Sorge habe, dass diese tolle, neue Generation, die sich für Klimagerechtigkeit einsetzt, sonst durchmachen muss, was wir durchgemacht haben.

Was meinst du damit? Was musstet ihr durchmachen? 

Bei mir persönlich war es so, dass ich vergangenes Jahr eine Rede bei der Aktionärsversammlung von RWE gehalten habe und anschließend Hausverbot und eine Unterlassungserklärung bekommen habe. Die habe ich bis heute nicht unterschrieben und habe auch öffentlich sehr klar gemacht, dass ich das nicht tun werde. Diese Einschüchterungsversuche sind undemokratisch. Um die Klimakrise aufzuhalten, brauchen wir eine Demokratisierung der Gesellschaft. Wir brauchen die Partizipation, das Wissen und die Kompetenz aller Menschen – insbesondere auch von Frauen, denn bisher entscheidet vor allem ein kleiner, weißer, männlicher Teil über die Maßnahmen.

„Ich finde es gut, dass man mich hinterfragt und ich mich dadurch selbst hinterfragen muss“

Als du deine Kandidatur auf Twitter angekündigt hast, gab es viele positive Reaktionen, aber es haben sich auch Aktivist*innen gemeldet, die diesen Schritt nicht gut finden. Kannst du das nachvollziehen?

Selbstverständlich. Ich finde es sogar gut, dass man mich hinterfragt und ich mich dadurch auch selbst hinterfragen muss. Solche Entscheidungen wie meine sollte man nicht leichtfertig treffen. 

Hast du dich schwer getan, sie zu treffen?

Ja, sehr schwer. Aber es ist sehr gesund, dass man sich nie hundertprozentig sicher ist, was der richtige Weg ist. Was mir geholfen hat, waren die viele Gespräche mit meinen bisherigen Weggefährt*innen. Mir war vor allem wichtig, was meine internationalen Projektpartnerinnen zu der Kandidatur sagen, zum Beispiel Francinara Soares Martins Baré, die Präsidentin der Koordination indigener Organisationen des brasilianischen Amazonas. Die hat gesagt: „Kathrin, das musst du auf jeden Fall machen!“ Das hat mich sehr bestärkt.

Gab es auf deinen Kandidatur-Tweet auch Kritik aus der Partei, weil manche deinen Zivilen Ungehorsam vielleicht kritisch sehen?

Die Menschen kennen mich, ich bin ja schon seit meiner Jugend dabei. Und wer war denn bei den Castor-Protesten? Wo sind denn die grünen Ursprünge? Ziviler Ungehorsam ist in der Klimabewegung genauso wichtig wie für die Anti-Atombewegung und diese gehört nun mal auch zu den grünen Wurzeln. 

Würdest du dir wünschen, dass die Partei wieder dahin zurückgeht? Sollen die Grünen wieder mehr Blockaden machen?

Oh, (lacht) jetzt komme ich in Teufels Küche. Jeder Jeck ist anders: Es wird immer Grüne geben, die mitblockieren, und immer welche, die mit Herzblut am Schreibtisch Gesetzestexte austüfteln. Und beides ist verdammt wichtig. Die richtige Mischung führt zu gesellschaftlicher Veränderung. 

Oder zu Konflikten innerhalb der Partei.

Aber es kommt ja drauf an, wie man Konflikte führt. Es ist wichtig, dass man diskutiert, auch sehr lebhaft, denn daraus entsteht oft was Gutes. Alles andere wäre langweilig.

In Hessen werden die Grünen aktuell stark von der Klimabewegung kritisiert, weil die sie die Rodung des Dannenröder Forsts und den Bau der A49 mittragen. Wieso sind sie für dich trotzdem die richtige Partei?

Luisa Neubauer und Carola Rackete haben kürzlich in einem Spiegel-Gastbeitrag zum Danni (Dannenröder Forst, Anm. d. Red.) geschrieben, dass in Hessen damit argumentiert werde, man könne bereits geschlossene Verträge nicht brechen – auf der anderen Seite wird aber der Klimavertrag von Paris gebrochen. Wir müssen uns die Frage stellen: Wann ist es gerechtfertigt, aufgrund der Klimakrise politische Entscheidungen aus der Vergangenheit zu überprüfen und Verträge aufzulösen? Ich erwarte da ein Umdenken auf allen Ebenen und einen sofortigen Stopp der Räumung und Rodung des Dannenröder Waldes. 

luisa neubauer carola rackete kathrin henneberger text

Kathrin mit Luisa Neubauer und Carola Rackete im Herrenwald in Hessen, der, genauso wie der Dannenröder Forst, für den Bau der Autobahn A94 gerodet werden soll.

Foto: Privat

Das beantwortet aber meine Frage nicht. Warum sind die Grünen die richtige Partei für dich, obwohl sie in Regierungsverantwortung das Gegenteil von dem tun, für das du dich einsetzt?

Hier geht es um die Grünen in Hessen, das möchte ich betonen. Bei mir ist die Verbindung zu den Grünen außerdem eine sehr persönliche: Ich hatte als Bisexuelle keine einfache Jugend, aber es gab die Grüne Jugend, wo ich sein konnte, wie ich bin, und wo ich sogar darin bestärkt wurde. Diese Menschen waren und sind eine wichtige Familie für mich. In meinem Wahlkreis Mönchengladbach ist zudem soziale Gerechtigkeit ein sehr wichtiges Thema. Hier ist jedes dritte Kind von Armut betroffen, weshalb ich auf Bundesebene eine Kindergrundsicherung durchsetzen möchte. Gleichzeitig bin ich ein Mensch, der sich manchmal schwierige Situationen aussucht, weil ich nicht kneifen möchte. Ich weiß, dass ich mich auch in dieser neuen Rolle mit patriarchalischen Machtstrukturen werde anlegen müssen, aber es wäre doch feige, wenn ich mich dem nicht stelle. 

„Wir müssen uns das Vertrauen der Klimagerechtigkeitsbewegung erarbeiten und verdienen“

Es gibt auch die Kritik, dass die Grünen sich bei den Klimaaktivist*innen anbiedern. Es gab zum Beispiel Grüne, die den Protest im Dannenröder Forst öffentlich unterstützt haben. Was sagst du dazu?

Wir müssen ehrliche Politik machen. Wenn wir sagen: „Wir stehen solidarisch an der Seite der Zivilgesellschaft und der Klimabewegung“, müssen diesen Worten auch Taten folgen. Für mich selbst weiß ich sehr genau, dass meine Bezugsgruppen aus der aktivistischen Arbeit sehr aufpassen werden, dass ich meinen Ansprüchen gerecht werde. Die werden es mir nicht durchgehen lassen, das ich mich verändere. Dafür bin ich sehr denkbar.

Wie eng ist die Beziehung der Grünen zur Klimabewegung aktuell?

Ich glaube, jede Person würde da eine andere Antwort drauf geben. In meiner Rolle als Grüne sage ich: Wir müssen uns das Vertrauen der Klimagerechtigkeitsbewegung erarbeiten und verdienen, indem wir unsere Beschlüsse nach der 1,5-Grad-Grenze ausrichten. Und indem wir bereit sind, als Partei zu lernen und uns zu verändern. Politiker*innen fällt es generell oft sehr schwer, Fehler einzugestehen. Wir, und ich meine damit auch mich, müssen immer wieder überprüfen, ob der Weg, den wir gehen, der richtige ist. 

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