Wenn eine Seenotretterin „Piratin“ genannt wird

Wie populistische Formulierungen die Sea-Watch-Debatte beeinflussen.
Von Franziska Koohestani

Illustration: Julia Schubert

„Lebensretter“ versus „Schlepper“, „Heldin“ versus „Verbrecherin“. Diese gegensätzlichen Begriffe fallen immer wieder, wenn vom Rettungsschiff Sea-Watch 3 und dessen Kapitänin Carola Rackete gesprochen wird. Generell wird in Artikeln, den Äußerungen von Politiker*innen und den Kommentarspalten der sozialen Medien beim Thema „Seenotrettung“ deutlich: Die Wortwahl sagt viel über die Debatte aus. Während die einen jubeln, empören sich die anderen. Während der eine Rackete „Menschenretterin“ nennt, sagt die nächste, sie sei eine „Kriminelle“.

Sogar die juristische Bezeichnung „Seenotrettung“ für die Arbeit der NGO Sea-Watch wird plötzlich zum Beispiel in manchen Facebook-Kommentarspalten und rechten „Alternativmedien“ infrage gestellt. „See-Not-Rettung“: Der Begriff beinhaltet die Verpflichtung, menschliche Leben auf See zu retten. So ist es schließlich unter anderem in Artikel 98 des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen von 1982 (SRÜ) festgelegt. Aber im politisch rechten Spektrum lehnt man das Wort ab. Man ist offenbar nicht einverstanden mit der Bedeutung, die vermittelt wird. Stattdessen spricht man von „Schleppertum“.

Das zeigt: Sprache ist kein neutrales Werkzeug. Sprache zeigt und beeinflusst, wie wir denken. Aber wie lässt sich das auf die politische Debatte über die Sea-Watch 3 übertragen? Ist eine objektive Art und Weise, politisch zu sprechen, bei diesem Thema überhaupt möglich?

Was die einen als „Verbrechen“ betiteln, bezeichnen die anderen als „moralische Pflicht“

Thomas Niehr ist Sprachwissenschaftler und Universitätsprofessor an der RWHT Aachen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Politolinguistik und Diskursanalyse. Im Gespräch mit jetzt bestätigt Niehr, dass sich an der Sprache tatsächlich erkennen lässt, wie stark sich die Debatte in zwei Lager spaltet. Was die einen als „Verbrechen“ betiteln, bezeichnen die anderen als „moralische Pflicht“. „Dabei akzentuiert das eine mehr das ‚Rechtliche’ und das andere akzentuiert mehr das Menschliche“, erklärt er.

Das vermeintlich ‚Rechtliche’ fällt besonders bei den Aussagen des italienischen Innenministers Matteo Salvini auf. Der tobte, nachdem die deutsche Kapitänin Carola Rackete am vergangenen Samstagabend das Schiff mit 40 Geflüchteten an Bord in Lampedusa angelegt hatte. Sie hatte keine Erlaubnis der italienischen Regierung, aber vorab den Notstand ausgerufen. Daraufhin wurde Rackete von der italienischen Polizei festgenommen. Mittlerweile ist sie wieder frei und will Klage gegen Salvini einreichen – wegen Verleumdung.

Immer wieder nannte Salvini die Seenotretter*innen um Rackete „Kriminelle“. Die Sea-Watch 3 bezeichnete er als „Piratenschiff“, Rackete selbst daher als „Piratin“. Diese Wortwahl sei typisch für rechtspopulistische Ausdrucksweise, erklärt Thomas Niehr. „Bei ‚Piraterie’ und ‚Schleppertum’ wird das Bild transportiert, es handle sich um eine kriminelle Vereinigung und damit wird vorgegeben, die Leute würden Geld damit verdienen.“

„Menschen, die den Flüchtenden reserviert gegenüberstehen, heben oft ihre Wortwahl auf ‚Rechtliches’ ab“

Auch in den Kommentaren unter Artikeln verbreitet sich eine Sprechweise wie die von Salvini. Besonders drastisch taucht sie aber in Portalen für rechte Verschwörungstheorien auf – eines davon: „Watergate.tv“. Hier distanziert man sich von Begriffen wie „Seenotrettung“, „Rettungsschiff“ und sogar „Flüchtling“. Dafür werden diese Begriffe demonstrativ in Anführungszeichen gesetzt. So nehmen die Schreiber*innen nicht nur Distanz auf, sie wollen die Begriffe auch ironisieren, sie lächerlich machen.

Es werden neue Bezeichnungen gefunden: Die „Seenotrettung“ wird zur „Beihilfe zu illegaler Migration“ und „Flüchtling“ zum „illegalen Migranten“. Thomas Niehr sagt: „Das sind Tatbestände, die man jemandem vorwerfen kann. Diese Beobachtung haben wir schon vor dreißig Jahren im Flüchtlingsdiskurs in Deutschland gemacht: Menschen, die den Flüchtenden eher reserviert gegenüberstehen, heben oft ihre Wortwahl auf ‚Rechtliches’ ab.“

Durch die Bezeichnungen werde also suggeriert, dass gegen das Gesetz verstoßen wird – das aber ganz unabhängig von der tatsächlichen rechtlichen Lage. Dass Rechte sich hier vorzugsweise vermeintlich ‚rechtliche’ Begriffe (zumeist ‚strafrechtliche’) willkürlich aneignen, ist aber auch deshalb widersprüchlich, weil gleichzeitig  im Völkerrecht verankerte Begriffe wie „Seenotrettung“ infrage gestellt werden.

„Mittelmeer-Taxi“ klingt mehr nach Luxus-Transport als nach einem Rettungsboot

Außerdem fällt bei der Bezeichnung „illegaler Migrant“ auf: Durch das Wort „illegal“ wird Geflüchteten in erster Linie Kriminalität zugeschrieben. Wenn man also statt „Flüchtling“ oder „Geflüchteter“ von „illegalem Migranten“ spricht, klingt nicht an, dass es hier um das Schicksal und die Fluchtgeschichte von Individuen geht. Ähnlich verschiebt sich das Bild, wenn bei „Watergate.tv“ das „Rettungsschiff“ als „Mittelmeer-Taxi“ bezeichnet wird. Das klingt mehr nach Luxus-Transport statt nach der Rettung vor dem Ertrinken.

Aber es gibt auch die andere Seite der Rhetorik in der Sea-Watch-Debatte: das, was Thomas Niehr das ‚Menschliche’ nannte. Sowohl Politiker*innen als auch Tausende Nutzer*innen in sozialen Netzwerken solidarisierten sich mit Carola Rackete und der Sea-Watch 3. Hier wurde von „Heldentaten“ und einer „Menschenretterin“ gesprochen. Rackete gehöre nicht ins Gefängnis, sondern in die Geschichtsbücher, hieß es. Auf dieser Seite des Diskurses werden also Begriffe verwendet, die Menschlichkeit transportieren.

„Seenotrettung“ heißt: Wenn jemand in Not ist, ist es die Pflicht der anderen, diese Person zu retten. Und das steht über allem anderen. Trotzdem beruft man sich auch damit auf die rechtliche Bedeutung des Begriffs der „Seenotrettung“. Isabel Schayani zog in ihrem Kommentar in der Tagesschau eine klare Grenze zur „Verbrecher“-Rhetorik: „Wer zu ertrinken droht, den muss man retten. Und wer rettet, ist kein Verbrecher, sondern ein Mensch – durch und durch.“ Für den Sprachwissenschaftler Thomas Niehr betont diese Sprache besonders die Menschenwürde.

Politische Sprache wird genau dann gefährlich, wenn sie trotzdem vorgibt, rein objektiv zu sein

Politische Sprache ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht nicht objektiv. Das bedeutet auch, dass sich die Realität dadurch verändert, wie wir sprechen. Das bekräftigt auch der Sprachwissenschaftler Thomas Niehr: „Deshalb ist es besonders wichtig, darauf aufmerksam zu werden, dass Sprache nicht irgendwie mitläuft, sondern dass wir mit Sprache denken.“

Politische Sprache wird genau dann gefährlich, wenn sie trotzdem vorgibt, rein objektiv zu sein. Und das zeigt sich nun mal besonders in rechtspopulistischer Rhetorik. Wenn man sich willkürlich vermeintlich ‚rechtliches’ Vokabular aneignet und als Tatbestand darstellt. Wenn man etwas „Piraterie“ nennt, was rechtlich als „Seenotrettung“ bezeichnet wird. Und wenn man das dann für Hetze instrumentalisiert.

Ein mögliches Gegenmittel wäre zunächst einmal, diese sprachlichen Verfahren zu reflektieren und sich zu fragen: Wenn das nicht vollständig objektiv ist, was steckt dann möglicherweise Subjektives hinter dieser Sprache? Welche Haltungen verbergen sich hinter Aussagen? Für Sprache sensibel zu werden, ist also zumindest schon mal ein Anfang.