„Carola Rackete gehört nicht ins Gefängnis. Sie gehört in die Geschichtsbücher“

So reagiert das Netz auf die Festnahme der Sea-Watch-Kapitänin.

Carola Rackete, die 31-jährige Kapitänin der Sea Watch, wird von der Polizei vom Boot abgeführt und zum Verhör gebracht.

Foto: Reuters/Guglielmo Mangiapane

Carola Rackete ging sicher nicht unvorbereitet von Bord, als sie am Samstag in den frühen Morgenstunden von der Polizei in Lampedusa abgeführt wurde. Die Kapitänin der „Sea Watch 3“ hatte schon zuvor gewusst, welche Strafen ihr für das Anlegen mit einem Boot, in dem sich 40 Geflüchtete befinden, drohen: eine Geldstrafe von bis zu 50.000 Euro, im schlimmsten Falle etwa zehn Jahre Haft. Sie tat es trotzdem.

Zwei Wochen lang hatte sie zuvor die „Sea Watch 3“ durch internationales Gewässer gesteuert, ohne an Land gehen zu können. Denn kein europäischer Staat wollte die Geflüchteten aufnehmen, die die Crew vor der Küste Libyens gerettet hatte. Nun hatte sich Rackete dazu entschieden, das Boot mit den Migrant*innen auch ohne Erlaubnis in Lampedusa anzulegen. Ihren Entschluss begründete sie unter anderem damit, dass die Wasservorräte auf dem Boot fast verbraucht seien, sich überall Müll türme und die Geflüchteten psychisch in so schlechter Verfassung seien, dass Suizide wahrscheinlich wurden.

Nachdem Rackete nun tatsächlich von der italienischen Polizei festgenommen wurde, verbreitet sich die Nachricht rasend im Netz, unter anderem über den Hashtag #freecarola. Tausende Nutzer*innen der sozialen Netzwerke fordern Solidarität mit der 31-jährigen Kapitänin. Sie betonen, wie absurd doch eigentlich sei, dass heutzutage Menschen fürs Lebenretten verhaftet werden. Eine Aussage, auf die sich in einem Twitter-Thread viele einigen können: Carola Rackete gehört nicht ins Gefängnis, sondern in Geschichtsbücher.

Einige hatten daher schon in den Tagen zuvor ihre finanzielle Unterstützung für Rackete angeboten und sogar Spendenaktionen gestartet. In den vergangenen Tagen kamen so bereits mehr als 200 000 Euro für Rackete zusammen. Unter anderem die Moderatoren Klaas Heufer-Umlauf und Jan Böhmermann, die sich bereits im vergangenen Jahr für Seenotrettung eingesetzt hatten, kündigten am Freitag an, ebenfalls noch für anfallende Rechtskosten spenden zu wollen.

Aber in den sozialen Netzwerken sind nicht alle einverstanden mit Racketes Entscheidung, in Lampedusa anzulegen. Einige Twitter-Nutzer*innen sind vielmehr der Meinung, dass es zwar gut sei, Ertrinkende zu retten. Es sei aber falsch, Geflüchtete illegalerweise an Land eines Staates zu bringen, der die Migrant*innen nicht aufnehmen möchte. Das, so schreiben einige, passiere vor allem in Italien viel zu häufig, auch wenn andere Länder sich bereit erklärt hätten, die Geflüchteten aufzunehmen. Der Hintergrund: Werden Migrant*innen in Italien registriert, mit Fotos und Fingerabdrücken, gilt Italien als Erstland. Gemäß Dubliner Abkommen könnten sie dann jederzeit wieder nach Italien zurückgebracht werden.

Rackete hätte sich nach Meinung der Twitter-Nutzer*innen also nach anderen Lösungen umsehen sollen – oder die Geflüchteten zurück nach Libyen bringen. Rackete hatte zuvor immer argumentiert, das bürgerkriegszerrissene Libyen sei insgesamt kein sicherer Hafen.

Italiens Innenminister Matteo Salvini würde den Twitter-Nutzer*innen, die Rackete kritisieren, sicherlich in den meisten, wenn nicht in allen Punkten zustimmen. Immerhin war er es, der erst vor Kurzem ein Dekret erwirkte und dadurch möglich machte, Seenotretter*innen in Italien mit derart hohen Strafen zu belegen. Angesprochen auf Rackete hatte er außerdem gesagt, er hoffe, dass nicht noch mehr reiche, weiße Deutsche kämen, um den Italienern „auf den Sack“ zu gehen.

In einer Skype-Pressekonferenz war Rackete daher bereits am Freitagnachmittag damit konfrontiert worden, dass sie durch ihr Verhalten zu Salvinis Hauptgegnerin geworden sei. Ihre Antwort: „Ich habe hier über 60 Menschen, um die ich mich kümmern muss. Herr Salvini stellt sich vielleicht hinten an.“

Ab Samstag allerdings muss und kann sich Rackete zwangsweise erstmal nicht mehr um die über 60 Menschen, mit denen sie die vergangenen Wochen an Bord verbrachte, kümmern. Jetzt geht es um sie selbst.

lath