„Sea Watch“-Kapitänin will unerlaubt Lampedusa anfahren

Trotz drohender Strafen sagt Carola Rackete: „Wenn Italien nicht kooperiert, können wir die Lösung nur erzwingen.“
Interview von Sophie Aschenbrenner

Carola Rackete ist Kapitänin der „Sea Watch 3“.

Foto: dpa

Seit 15 Tagen treibt die „Sea Watch 3“ auf dem Mittelmeer, an Bord befinden sich momentan noch 42 Geflüchtete, die aus Libyen nach Europa übersetzen wollten. Kein Land möchte die Geretteten aufnehmen. Die Besatzung hatte versucht, eine Anlegeerlaubnis für Italien zu erzwingen, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wies den Antrag vergangenen Montag aber zurück. Die Flüchtlingspolitik der italienischen Regierung ist extrem restriktiv, Innenminister Matteo Salvini sieht andere Länder in der Pflicht. Die Häfen des Landes sind daher für internationale Rettungsschiffe geschlossen. 

Carola Rackete, die Kapitänin der „Sea Watch 3“, entschied am Mittwochnachmittag trotzdem, an einem Hafen der italienischen Insel Lampedusa anzulegen. Auch, wenn die 31-jährige Deutsche dafür hart bestraft werden könnte. In einem Telefongespräch erklärt sie jetzt ihre Entscheidung.

jetzt: Carola, wie ist die Situation auf eurem Schiff?

Carola Rackete: Die Stimmung ist aktuell sehr angespannt. Gestern Morgen mussten wir den Geflüchteten erklären, dass die Klage am Europäischen Gerichtshof gescheitert ist. Das hat zu großer Verzweiflung geführt. Es herrscht ein Gefühl der Aussichtslosigkeit. Manche der Geflüchteten haben überlegt, über Bord zu springen oder sich selbst zu verletzen. Gestern war ich dann nicht mehr sicher, ob wir das irgendwie verhindern können.

Dann hast du entschieden, die italienische Insel Lampedusa anzufahren.

Genau. Doch seit wir gestern in die Territorialgewässer eingefahren sind, kam von den italienischen Behörden nichts außer zwei Dokumentenkontrollen. Das heißt: Wir liegen jetzt vor der Insel ohne weitere Informationen, wann die Menschen von Bord gehen können. Das ist sehr bedrückend.

„Die Menschen an Bord wurden in Libyen gefoltert, als Sklaven verkauft oder gekidnappt“

Wie geht es dir persönlich?

Das ist eine große Belastung. Ich bin, wie alle anderen, völlig übermüdet. Alle Geretteten sind traumatisiert und ich kann schlecht einschätzen, wann die Situation außer Kontrolle gerät. Es ist unglaublich frustrierend, dass vom italienischen Staat nichts kommt. Und ich ärgere mich, dass mit dem Leben dieser Menschen so gespielt wird. Ich sehe nicht, wie das weitergehen soll. Dann muss man die Lösung selbst herbeiführen.

Wie meinst du das?

Gerade könnte es noch sein, dass sich der italienische Staat in einem internen Prozess dazu entschließt, die Menschen doch noch aufzunehmen. Aber ich halte diese Möglichkeit nicht für realistisch. Ich denke eher, dass wir heute Abend, wenn ein Liegeplatz im Hafen frei ist, einfach ohne Erlaubnis der Hafenbehörde einfahren werden. Offensichtlich geht es nicht anders. Wir können die Menschen nicht noch tagelang an Bord dieses Schiffes lassen. Es muss eine Lösung geben. Wenn Italien nicht kooperiert, können wir die Lösung nur erzwingen.

Hast du Angst davor, anzulegen? Immerhin könntet ihr wegen Beihilfe zur illegalen Einreise verhaftet werden. Außerdem droht euch eine hohe Geldstrafe von bis zu 50 000 Euro pro verantwortlicher Person, das Schiff könnte beschlagnahmt werden.

Natürlich macht mir das Sorgen. Aber was mir mehr Sorgen macht, sind diese 42 Menschen, die wir heute 15 Tage an Deck haben.

Viele Menschen bezeichnen dich wegen deiner Entscheidung als sehr mutig.

Ich habe mich vor allem von der EU und dem italienischen Staat genötigt gefühlt. Wir haben wirklich viel versucht, wir wollten eine politische Lösung. Nichts war möglich. Deswegen gab es keine andere Alternative. Die Menschen an Bord wurden in Libyen gefoltert, als Sklaven verkauft oder gekidnappt. Sie sind schutzbedürftig. Es ist klar, dass wir einen Hafen brauchen.

Es gibt Städte in Deutschland und auch Italien, die angeboten haben, die Geflüchteten bei sich aufzunehmen. Trotzdem ist keine Lösung in Sicht. Wie geht es dir damit?

Es ist natürlich total schön, diese praktischen, solidarischen Angebote zu bekommen. Zu sehen: Wir stehen nicht alleine hier. Aber wenn man pragmatisch darüber nachdenkt, ändert das an der Lage leider nichts. Denn es hängt ganz konkret im italienischen Innenministerium.

Apropos: Der italienische Innenminister Matteo Salvini hat dich auf Facebook unter anderem als „Schlaumeierin“ bezeichnet und sehr wütend auf deine Entscheidung reagiert.

Ich bin einfach so entsetzt, dass mit dem Leben von Menschen so umgegangen wird. Diesen Menschen ist so viel Schlimmes passiert. Und dass dann auf eine solche Weise darüber gesprochen wird, das kann ich einfach nicht verstehen. Das macht mich fassungslos.  

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