Wir werden mit der Coronakrise in die Geschichte eingehen

Und sollten uns jetzt überlegen, wie wir uns nachfolgenden Generationen präsentieren wollen.
Von Katrin Dirscherl

Illustration: FDE

Meine Schulzeit liegt erst fünf Jahre zurück. Ich kann mich also noch recht gut daran erinnern, wie es war, allen möglichen Kram auswendig zu lernen, an den ich mich heute nur noch  lückenhaft erinnern kann. Was aber hängengeblieben ist, sind etliche geschichtliche Ereignisse, die ich spannend, interessant oder einfach nur schockierend fand. Die Pest, die sich 1347 ihren Weg nach Europa bahnte, die spanische Grippe, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg 1918 durch das Land wütete, und anschließend das Schreckensregime der Nationalsozialisten.

Vor Kurzem fiel mir aber auf, dass unser Lernstoff nur bis 1989 ging. Mauerfall, danach Ebbe. All die Krisen unserer modernen Gesellschaft waren offenbar noch keinen Platz in den Geschichtsbüchern wert, egal, wie grausam sie waren. Bis heute, denn die Corona-Krise bringt unsere Welt in ihren Grundsätzen ins Wanken. Daran, das wurde mir vor einigen Tagen klar, wird kein Schulbuch der Zukunft vorbeikommen können.

Zu Beginn der Krise war ich noch überzeugt, dass der Spuk bald vorbei wäre

Wir schreiben Geschichte. Heute. Morgen. Jeden Tag. Weil Menschen an einem Virus gestorben sind und noch viele weitere sterben werden, weil die meisten anderen plötzlich nicht mehr wirklich frei sind. Ich finde den Gedanken, als Teil dieser Gesellschaft ausgerechnet damit in den Geschichtsbüchern zu landen, ziemlich beängstigend.

Zu Beginn der Covid-19-Krise, als sie sich noch hauptsächlich in China zutrug, war ich davon überzeugt, dass der Spuk sicherlich bald vorbei wäre und wir kaum etwas davon mitbekämen. Nun aber gibt es auch in Deutschland Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen und ich fürchte mich vor dem wirtschaftlichen Kollaps.

Die Schlacht ums Klopapier

All das und auch das, was in den kommenden Monaten noch passieren wird, wird in einigen Jahrzehnten an Schulen abgefragt werden. Schon jetzt bemitleide ich in Gedanken die Kinder, die diese Menge an Informationen auswendig lernen müssen. Nicht nur, weil das Virus und seine schnelle Ausbreitung vermutlich auch in Zukunft noch schwer zu begreifen sind. Sondern auch, weil die Folgen für sie teilweise kaum nachvollziehbar sein werden. Wieso, werden sie sich vielleicht fragen, wieso haben die Menschen nicht einfach zusammengeholfen?

Ich sehe die Kapitel-Überschriften schon vor mir, die in ihren – vermutlich virtuellen – Büchern stehen werden:

Die Schlacht ums Klopapier.

Der Egoismus der nicht ganz so goldenen Zwanziger.

Das Ableben des Solidaritätsgefühls.

Aber vielleicht ist meine Angst unbegründet? Noch haben wir die Macht und Möglichkeit, uns zu entscheiden, ob wir es dazu kommen lassen wollen.

In stürmischen Zeiten kommt das wahre Gesicht der Menschheit zum Vorschein

Wir sind selbst für das Bild verantwortlich, das nachfolgende Generationen von uns haben. Wollen wir als gespaltene Gesellschaft in Erinnerung bleiben? In der die einen die Risikogruppen unterstützen, der alten Omi von nebenan den Einkauf nach Hause bringen oder selbst die eigenen vier Wände zur Sicherheit von Kranken nicht verlassen. Und in der die anderen Coronapartys schmeißen, aus Krankenhäusern Desinfektionsmittel stehlen und sich vor Supermärkten die Köpfe wegen Klopapier einschlagen.

Oder wollen wir begreifen, dass diese Spaltung in Deutschland nicht nötig sein wird? Dass ohne den Egoismus einzelner Menschen genug für alle da ist? Was würden unsere (Ur-)Großväter raten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben? Was würden eure (Ur-)Großmütter denken, die in Bunkern Angst ums Überleben hatten? In stürmischen Zeiten kommt das wahre Gesicht der Menschheit zum Vorschein. Ich hoffe deshalb, dass sich die Menschheit und besonders die Deutschen endlich die Frage stellen, wie sie in Erinnerung bleiben möchten. Als egoistische, wildgewordene Klopapierhorter oder als empathische Solidaritätsgemeinschaft?

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