Wie Leugner*innen des Klimawandels die Politik beeinflussen wollen

Das haben Katarina und Jean undercover recherchiert. Sie fanden dabei heraus, wie leicht man falsche Studien und Expertenmeinungen kaufen kann.
Interview von Raphael Weiss
klimaleugner correctiv cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Fotos: freepik / Cullan Smith / The New York Public Library / unsplash

Die „Correctiv“-Journalistin Katarina Huth und ihr Kollege Jean Peters haben  

undercover in der Klimaleugner-Lobby recherchiert. Sie gaben sich als Mitarbeitende einer PR-Agentur eines großen, deutschen  Automobilherstellers aus. Ihre Recherchen deckten auf, wie einfach es ist, pseudo-wissenschaftliche Studien zu kaufen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen.

jetzt: Katarina und Jean, ihr habt undercover in der Klimaleugner-Lobby recherchiert. Was hat euch zu der Recherche bewegt?

Katarina: : Ich bin bei „Correctiv“ Teil der Klimaredaktion. Wir machen unter anderem Klima-Faktenchecks, bei denen wir Artikel und Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt untersuchen. Dabei ist aufgefallen, dass  Halbwahrheiten, die auf Facebook geteilt werden, sich immer wieder auf einen Verein Namens „EIKE“ als Quelle beziehen. Zu Beginn stand für mich die Frage: Wer ist dieser „EIKE“-Verein? Wer steckt dahinter?

Jean: Mich hat die Frage interessiert, wer diese Menschen sind, die die Auslöser und die Folgen des Klimawandels bestreiten. Wie denken sie, was bewegt sie, wie sind sie organisiert?

Und warum wolltet ihr das undercover machen?

Katarina: In der Szene wurden Journalist*innen schon bedroht, eine Reporterin von uns bekam prompt Hausverbot, als sie sich akkreditieren lassen wollte. Uns war klar, dass es nicht anders möglich war, gerade wenn wir einen Einblick in die internationale Szene und die Mechanismen der Spendenverschleierung und politischen Hintergründe bekommen wollten.

Wie habt ihr es geschafft euch einzuschleusen?

Katarina: Wir haben eine PR-Agentur mit dem Namen Faidros „gegründet“ ...

Jean: Irgendein griechischer oder lateinischer Name, der Vertrauen und Weisheit vermitteln soll. Wir haben eine Webseite aufgesetzt, sie mit typischen PR-Sprech gefüllt, haben LinkedIn-Accounts erstellt ...

Katarina: ... und wir haben uns zu der Klimakonferenz des „EIKE“-Vereins angemeldet, die im November vergangenen Jahres in München war. Dort haben wir James Taylor kennengelernt, den Chef des „Heartland Institutes“, der dort eine Rede gehalten hat. Wir wurden von ihm auf eine weitere Konferenz nach Madrid eingeladen. Das war dann das Kernstück unserer Recherche.

„Man kann Wissenschaft schlicht und einfach kaufen“

Was ist das „Heartland Institute“?

Katarina: Das ist ein Thinktank in den USA. Die Mitarbeitenden versuchen, durch Lobbyarbeit Einfluss auf die Politik und auf die öffentliche Debatte zu nehmen. „Heartland“ ist nicht der größte und nicht der einflussreichste, den es gibt ...

Jean: Taylor hat gesagt, er hätte 40 Mitarbeiter und ein Jahresbudget von sechs Millionen Euro, ich gehe eher von 15-20 festen Mitarbeitern aus. Die gehören aber wohl zu den aggressivsten, wenn es um Manipulation und Desinformation geht, wenden alte Strategien der Tabaklobby jetzt im Kampf gegen progressive Klimapolitik an.

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Jean und Katarina verwandeln sich in Madrid in Matthias und Karina

Foto: Correctiv / Frontal 21

Wie habt ihr Taylors Vertrauen gewonnen?

Jean: Wir haben ihm gesagt, dass wir einen Kunden aus der deutschen Auto-Industrie hätten, der anonym eine Menge Geld in die Szene schleusen möchte. Dadurch habe ich ein privates Gespräch mit ihm bekommen. Er hat mir in diesem Gespräch einen sehr tiefen Einblick in seine Arbeitsweise gegeben. Etwa, wie strategische Desinformation Schritt für Schritt entwickelt wird, wie sie Meinungsmache betreiben.

Katarina: In dem schriftlichen Angebot, das wir bekommen haben, stand, dass Aussagen von vermeintlichen Experten und Wissenschaftlern gekauft werden können. Falls wir genug bezahlen würden, bekämen wir Statements dazu, wie gering die gesundheitlichen Auswirkungen von Dieselmotoren sind. Das bedeutet – ihm zufolge – man kann Wissenschaft schlicht und einfach kaufen. Das hat man bislang zwar geahnt, aber wir haben nun Belege, dass das in diesen Kreisen Praxis ist.

„Es sei gar kein Problem, dass wir der Youtuberin bestimmte Buzzwords vorgeben, die sie dann in ihren Videos bringt“

Wie groß ist der Einfluss auf die Politik?

Jean: Taylor hat mir gesagt, dass auf Bundesstaatsebene in den USA circa 80 Prozent der Politiker die von ihnen erstellten „Studien“ lesen. Als er mir seine gesamte Lobbystrategie erklärt hatte, habe ich ihm gesagt, dass ich gerne für „EIKE“ Geld spenden würde, aber er hat immer wieder versucht, das Geld für sich zu bekommen. Er hat sozusagen seinen Kollegen und Verbündeten verraten. 

Zusätzlich zu den Experten war in dem Angebot, das er uns machte, eine deutsche Youtuberin. Taylor meinte, es sei gar kein Problem, dass wir ihr bestimmte Buzzwords vorgeben, die sie dann in ihren Videos bringt. Nur dass wir ihr einen ganzen Text vorschreiben dürfen, wollte er uns nicht zusagen, ohne es mit ihr abgesprochen zu haben.

Wie viel hättet ihr denn für dieses Paket aus Wissenschaftler*innen und Social Media-Influencer*innen zahlen müssen?

Katarina: 500 000 Euro. Wir haben eigentlich gesagt, dass wir das Geld an „EIKE“ zahlen wollen, aber der hat die ziemlich schnell rausgedrängt und uns überzeugt, dass wir das Geld besser ihnen spenden sollen.

Und wie kommt das Geld dann bei denen an? Kann man anonym spenden?

Jean: Das hat mich am meisten überrascht, dass man einfach ankommen kann und sagen: Ich habe einen Kunden, sage dir aber nicht, wer das ist, und der will verschleiert Geld zahlen, damit ihr Fakenews verbreitet – und Taylor antwortet ganz routiniert: Klar, das ist kein Problem, das ist ganz einfach und ich erkläre dir jetzt, wie wir das machen. Diese Unverfrorenheit war schon beeindruckend.

Wer gehört denn zu den Hauptspender*innen von diesen Thinktanks?

Jean: Wichtige Geldgeber sind die Öl- und die Kohlelobby, Rüstungsindustrie und Multimiliardäre wie Robert Mercer, ein amerikanischer Hedgefond Manager, der auch Trump und Cambridge Analytica möglich gemacht hat. Der hat im Jahr 2017 eine Summe von 800 000 Dollar an Heartland überwiesen, 2018 gingen dann mehr als acht Millionen Dollar an den Verschleier-Fonds Donors Trust.

„Die Hauptstrategie ist, alles zu hinterfragen“

Passiert das Gleiche, was anscheinend in den USA an der Tagesordnung ist, auch in Deutschland?

Jean: Wir haben keine Belege, das „EIKE“ Geld von der Industrie annimmt und das halte ich nach bisherigen Recherchen auch für unwahrscheinlich. James Taylor sagte uns aber, dass EIKE Geld von Heartland annimmt. Heartland und EIKE unterstützen sich auch personell und ideel, helfen sich auf Konferenzen aus.

Hat „EIKE“ denn Einfluss auf die deutsche Politik?

Katarina: Auf jeden Fall. Vor allen Dingen durch die AfD, die Leute von „EIKE“ als Experten einlädt, damit sie im Bundestag sprechen. Diese Experten erzählen dann, dass der Mensch nicht den geringsten Einfluss auf den Klimawandel habe, dass man überhaupt keinen Klimaschutz betreiben könne – und das steht dann im Protokoll vom Bundestag. Das ist Einflussnahme, das ist Lobbyismus.

Wie funktioniert das?

Jean: Die Hauptstrategie ist, alles zu hinterfragen. „Ist der Klimawandel wirklich menschengemacht? Ist er wirklich gefährlich?“ Fragen über Fragen, die den Handlungsprozess verlangsamen und aufhalten sollen. Immer nach dem Motto: Ich darf doch wohl noch fragen – aber die Fragen sind nur dazu da, die Debatte aufzuhalten. Die andere Strategie ist, an die Freiheit zu appellieren. Der Vorwurf, ihr wollt uns alles wegnehmen, ihr seid eigentlich Kommunisten, Ökosozialisten, und so weiter.

Habt ihr das Gefühl, die glauben das selber alles, was sie sagen, oder ist das für diese Menschen auf den Konferenzen einfach pures Geschäft?

Katarina: Wir können da wirklich nur spekulieren. Ich hatte das Gefühl, dass das schon sehr geglaubt wird. Es waren sehr viele alte Männer da, die ihr ganzes Leben in klimaschädlichen Industrien gearbeitet haben und jetzt wird ihr gesamtes Lebenswerk von Fridays for Future und der Klimabewegung kritisiert und angezweifelt, oft mit erhobenen Zeigefinder. Da gibt es viele, die dann sagen: „So ein Quatsch, das kann gar nicht sein.“ Bei James Taylor weiß ich nicht, ob der das glaubt. Das ist ein eloquenter Typ, ein Geschäftsmann. Das ist offenbar eher ein Businessmodell.

Jean: Das sind sehr viele Menschen auf diesen Konferenzen, die sich gegenseitig zuhören und bestärken und sich in dieser Atmosphäre wohlfühlen, weil überall sonst heftiger Gegenwind kommt, wenn man den Klimawandel leugnet. Das kann ich in einer gewissen Weise nachvollziehen. Aber gefährlich wird es dann, wenn das Politiker, vor allen Dingen von der AfD benutzen und aufwiegeln. Da werden Menschen manipuliert und benutzt.

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