Wie #BlackLivesMatter nicht vergessen wird

Auch in Deutschland brachte die Bewegung Hunderttausende auf die Straße. Aber was bleibt davon? Darüber sprechen fünf Aktivistinnen.
Von Ciani-Sophia Hoeder, RosaMag*
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Foto: Benedikt Geyer / unsplash

Gänsehaut. Dieses Gefühl breitete sich in mir aus, als ich vor zwei Wochen mit meinem Fahrrad die Heinrich-Heine-Straße in Berlin hinauf fuhr. Zunächst war ich allein. Dann folgten zwei. Dann vier. Dann 100. Als ich am Alexanderplatz ankam, waren es 25 000. Rassismus ist unser Alltag. Vor zwei Wochen positionierten sich 200 000 Menschen gegen Rassismus. Steht uns ein Wandel bevor? Oder handelt es sich um einen Moment, der in den Erinnerungen verblassen wird? Auf diese Frage haben wir keine Antwort. Das wird sich noch herausstellen. Doch wie können wir dieses Momentum aufrechterhalten? Wie können wir nachhaltig eine Veränderung in der Bundesrepublik erzielen? Genau diese Fragen haben wir Aminata Belli, Emilene Wopana, Elizabeth, Marie Claire und Tupoka Ogette gestellt. 

„Wir sollten Social Media weiterhin nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen“

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Foto: Nadja Hussein

Emilene Wopana Mudimu ist Aktivistin und Poetry-Künstlerin.

„Es gibt in dieser Zeit zwei Seiten. Aus der Community gab es so viel Energie und es ist so viel passiert. Die Proteste waren ein weiterer Anstoß, über Vernetzungen innerhalb der Community nachzudenken. Diese auch zu nutzen. Ich hoffe, dass diejenigen, die sich jetzt gefunden haben, ihre Vernetzung ausbauen und gemeinsam etwas kreieren. Auf der anderen Seite sollten weiße Menschen sich ihrer Verantwortung bewusst werden, was das Aufrechterhalten des rassistischen Systems angeht. Wir sind schon lange nicht mehr in der Position, Aufklärung zu leisten.

Wenn sie wirklich etwas ändern wollen, sollten sie die Arbeit von Schwarzen Organisator*innen und Community-Leuten, die viel in dieser Richtung arbeiten, strukturell unterstützen. Ich habe oft das Gefühl, dass wir uns daran abarbeiten. Unser Fokus sollte darauf liegen, wie wir uns mit anderen aktiven Geschwistern aus der Community vernetzen können und nachhaltigere Strukturen erstellen können. Mehr Energie in uns reinpacken. Von uns für uns kreieren. 

Und noch etwas: Social Media ist sehr mächtig. Durch die Mobilisierung der Leute und für Demos konnten wir sehen, wie mächtig sie sind. Wir sollten Social Media weiterhin nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen, wenn wir erfahren, dass Schwarze Menschen rassistische Gewalt erleben. Und das nicht nur bei Fällen, die in den USA passieren, sondern auch hier vor Ort in Deutschland.“

„Menschen sollten nicht nur auf Demos gehen, um sich gegen Rassismus zu positionieren“

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Foto: privat

Elizabeth Okunrobo studiert Jura und Politik und ist Aktivistin bei Amnesty International.

„Es ist gut und wichtig, dass so viele Menschen aufmerksam geworden sind und verstehen, dass Rassismus ein akutes und globales Phänomen ist. Es ist auch schön, dass viele Menschen auf die Straße gegangen sind, um ein Zeichen zu setzen. Es waren auf diesen Demos aber zum Teil Menschen dabei, die den Kern von Rassismus noch nicht so richtig verstanden haben.

Menschen sollten nicht nur auf Demos gehen, um sich gegen Rassismus zu positionieren, sondern auch innerhalb ihrer Familie, in ihrem Freundeskreis und gegen ihren eigenen Rassismus kämpfen. Kein Mensch kann nicht-rassistisch sein, einfach weil wir rassistisch sozialisiert wurden. Aber man kann bei sich anfangen, zu reflektieren und mitzukämpfen. Demonstrationen werden nicht reichen. Wir reden hier von einem Kampf, der seit Jahrhunderten geht. Der wahrscheinlich noch Jahrhunderte weitergeht. Rassismus verschwindet nicht einfach, er ist in unserem System verankert. Die Leute müssen dran bleiben. Die Leute müssen weitermachen. Das heißt, sie müssen weiter in die Tiefe gehen. Sie dürfen nicht auf der oberflächlichen Ebene bleiben.

Warum gibt es noch eine Straße, die M*straße heißt? Warum gibt es immer noch Straßen, die nach ehemalige Kolonialherren benannt sind? Keinen interessiert das. Warum werden unsere Städte nicht dekolonialisiert? Warum gibt es keinen postkolonialen Diskurs? Warum wird Rassismus in der Schule nicht behandelt? Warum wird nicht über die Völkermorde Deutschlands in Afrika gesprochen? Das sind Sachen, die notwendig sind. Wir reden hier von einem ganzen System, das wir aufrütteln, aufschütteln. So ist es auch bei der Polizei. Die Polizei ist eine zutiefst rassistische Institution. Es gibt bestimmt gute Polizist*innen, aber die Polizei ist aus einem rassistischen Grund entstanden. Stichwort: Slave Patrol. Wie versucht die Polizei, antirassistisch vorzugehen oder zu arbeiten? Was macht man, um gegen Racial Profiling vorzugehen? Nach einer der Demos wurden Schwarze Jugendliche grundlos angegangenen und verhaftet. Solche Sachen passieren auch hier. Es geht darum, die ganzen Phänomene und Prozesse von Rassismus zu verstehen.“

„Wie ein Erste-Hilfe-Kurs gegen Rassismus“

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Foto: privat

Aminata Belli ist Moderatorin und Reporterin.

„Wir müssten die verschiedenen Formen des Rassismus aufdecken und erkennen. Den interpersonellen, den wir in uns haben, den institutionellen, den strukturellen und den internalisierten und dann anfangen, überall etwas zu ändern. Wir sollten zum Beispiel in der Schule anfangen, über Rassismus zu sprechen und zwar so, dass Kinder diesen auch verstehen. Das heißt, man müsste Formen finden, in verschiedenen Institutionen, an verschiedenen Orten, ganz grundsätzlich anti-rassistische Arbeit einzubauen. In den Schulplan, in Workshops, auf der Arbeit, wie ein Erste-Hilfe-Kurs gegen Rassismus. Es sollte verschiedenste Formen zur Aufklärung von Rassismus geben und zwar ganz selbstverständlich oder als Muss. Sodass es zu unserem Alltag und Leben dazugehört.“

„Es ist verdammt noch mal an der Zeit, einen längeren Atem zu haben“

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Foto: privat

Tupoka Ogette ist Autorin des Buches „Exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen“.

„Für uns Schwarze Menschen ist diese eine wichtige Zeit. Unsere Vernetzungen wurden verstärkt und neue geschaffen, ich werde in verschiedene Gremien eingeladen, in denen wir uns connecten können, unseren Struggeln schärfen und auch auf Intersektionalität gucken können. Ein Wunsch wäre: Viele von uns kämpfen immer noch vereinzelt, viele von uns arbeiten über unsere eigenen Ressourcen hinaus, kämpfen mit vielen Barrieren, White Supremacy, um eines zu nennen. Jetzt wäre so ein Moment, wo ich mir Stärkungen wünsche. Es gab schon vorher Rassismus. Jetzt ist es an der Zeit, dass vor allem etablierte Strukturen, die es lange gibt, wie Each One Teach One (EOTO) e.V., RosaMag, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), dass dort nun Gelder fließen, um Räume zu stärken, damit wir Räume bieten können und uns stärker vernetzen können. 

Viele Geschwister und ich sind fertig mit den Nerven, k.o., überwältigt. Wie können wir uns noch mehr supporten? Für die gesamte Gesellschaft ist es ganz klar: Es ist alles gesagt. Die Frage ist beantwortet: Es gibt Rassismus. Wir haben uns genug nackt gemacht, Narben und Wunden zur Schau gestellt. Ich habe es auch getan. Diese Beweislast ist längst erbracht. Es ist nun an der weißen Gesellschaft, sich die Fragen zu stellen: Was können wir individuell und institutionell erbringen, damit es Rassismus nicht mehr gibt? Wir haben schon häufiger krasse Momente erlebt, doch die weiße Mehrheitsgesellschaft hat es immer wieder geschafft in ein kollektives Vergessen zu verfallen. Es ist verdammt noch mal an der Zeit, einen bisschen längeren Atem zu haben, daraus etwas zu machen. Ich wünsche mir jetzt einen gesamtgesellschaftlichen rassismuskritischen Prozess.“

„Deutschlands blutige Kolonialgeschichte gehört endlich aufgearbeitet“

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Foto: privat

Marie Claire setzt sich ebenfalls gegen Rassismus ein.

„Ich bin wirklich begeistert, wie viele Menschen zusammengekommen sind, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren, aber habe leider die Befürchtung, dass viele jetzt denken, dass es damit getan ist. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Rassismus auch in Deutschland strukturell und institutionell verankert ist. Viele sind sich auch gar nicht der historischen Kontinuitäten bewusst und vergessen, dass auch Deutschland eine blutige Kolonialgeschichte hat, die endlich aufgearbeitet gehört. Ich will, dass sich die weiße Mehrheitsgesellschaft mit ihren eigenen Rassismen beschäftigt und sich selbst in die Verantwortung nimmt, um Rassismus überall auch im Privaten zu bekämpfen. Es kann nicht allein die Aufgabe von BIPoCs sein, gegen den von weißen Menschen kreierten Rassismus einzustehen.“

*Dieser Text ist zuerst bei RosaMag erschienen, mit dem die jetzt-Redaktion kooperiert. RosaMag ist das erste Online-Lifestylemagazin für Schwarze Frauen und Freund*innen. Und das ist wichtig, denn: Es gibt drei Magazine über Weihnachtsbäume, zwei über UFOS und ZERO über das Leben, die Gedanken und Perspektiven von Schwarzen Frauen im deutschsprachigen Raum. Bis jetzt. Das afrodeutsche Journalistinnen-Kollektiv informiert, inspiriert und empowert.

 

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