Warum wir schöne Menschen für schlau und gut halten

Die Gründe dafür sind umstritten, aber einer steht wohl fest: Schönheit wirkt auf uns wie eine Droge.
Von Friedemann Karig

Neulich ist es wieder passiert. Ich komme ins Café, setze mich hin, die Kellnerin dreht sich um, schaut mich an. Und ich denke: „Oha.“

Saugut sieht sie aus, strandblond, grüne Augen, aufmüpfige Nase. 

„Ja?“, sagt sie, zieht die Augenbrauen hoch. Scheint wohl im Stress zu sein. 

„Einen Milchkaffee, bitte“, sage ich. 

Collage: Katharina Bitzl

Und denke: Die studiert bestimmt irgendwas Anspruchsvolles. Und schreibt super Noten. Ohne zu lernen. Heißt Katharina oder Viktoria oder Emilia, klassische Lieblingsnamen, und ihre vielen Freunde nennen sie zärtlich die „Mili“. Mit denen hängt sie gut angezogen in der Cafeteria ab, führt blitzgescheite Gespräche, und abends trifft man sich auf einen Wein bei ihr, an ihrem schönen großen Holztisch, die beste Freundin hat ein bisserl Liebeskummer. Also hört die Mili zu und schaut nachdenklich in ihr Glas und sagt, dass der Typ doch keine Ahnung hat, die Freundin lächelt dankbar, die Mili kann das halt: Menschen wertschätzen, klugen Rat geben. Einfach da sein.

Ich träume so vor mich hin, da kommt sie an meinen Tisch und stellt mir wortlos eine Tasse hin, ich lächle sie an und denke: bestimmt ein harter Tag. Das Café ist zwar halbleer, aber ihr Kopf bestimmt voll, die Freundin und das Studium und überhaupt die politische Lage, sie liest ja viel Zeitung und weiß Bescheid, und dann dieser Job hier, der sie schlimm unterfordert. Und dann komme auch noch ich und will Kaffee. Und ein Croissant. 

„Entschuldigung, ich hätte gerne…"

Aber Emilia ist schon wieder weg, hinter die Theke, bestimmt muss sie dem Barrista sagen, dass er die Kaffeetassen nicht so voll machen soll, bei mir ist was auf die Untertasse geschwappt, als sie ihn abgestellt hat, und jetzt tropft das Zeug fast auf meine Hose, die arme Emilia, vielleicht lasse ich das mit dem Croissant auch besser.

Und dann merke ich: Reingefallen. Wie mentalen Schmuck habe ich gute Eigenschaften an sie drangehängt, passend zu ihrer attraktiven Erscheinung, dafür ohne jeden Bezug zu ihrer Persönlichkeit. Die ich ja nicht kenne, oder doch, für ein paar Sekunden schon. Den Kaffee hat sie abgeladen, das Lächeln dünn, die Worte knapp. Aber genau dieses Verhalten habe ich schneller in meine Vorstellung hineininterpretiert als sie sich wirsch umdrehen konnte, ihr Ignorieren umgedeutet als Stress, vielleicht sogar Weltschmerz auf Grund von hoher Sensibilität, logisch. So ein schlauer, guter Mensch wie die Mili, der wird schon seine Gründe haben. Der kann doch nicht böse sein. 

Von Schule bis Politik: Schöne haben es leichter

Psychologen nennen diese transzendente Schwärmerei das „Attraktivitätsstereotyp“. Wir neigen dazu, ästhetische Bewertungen mit ethischen und intellektuellen zu vermischen. Daraus folgt, dass schöne Menschen in praktisch allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens positiver behandelt werden. Ansehnliche Säuglinge bekommen mehr Aufmerksamkeit, hübsche Kinder in der Schule bessere Noten. Attraktive Erwachsene können vor Gericht mit milderen Strafen rechnen, treffen in Notlagen auf mehr Hilfsbereitschaft und erhalten an die zehn Prozent höhere Gehälter. Auch ein Zusammenhang zwischen physischer Attraktivität und Wahlerfolg von Politikern wird mittlerweile erforscht.

Bis hierhin war das alles ziemlich harmlos. Bei der großen Politik wird es aber haarig. Denn wahrgenommene Führungsstärke, zum Beispiel, hängt stark von der empfundenen Attraktivität ab. Und es soll ja Leute geben, die finden Frauke Petry attraktiv. Oder HC Strache, ihr österreichisches Pendant. Typ Skilehrer, gebräuntes Gesicht, gut sitzende Anzüge. Jedenfalls kein Fiesling, rein optisch. So wie Petry auf Grund guter Gene auch mal einen kürzeren Rock tragen kann, sie manche deshalb schön „das schöne Gesicht der AfD“ nennen. Auch wenn man da nun geteilter Meinung sein kann, ist ihre äußere Erscheinung, so viel gebe ich ihr, doch deutlich sympathischer als ihre innere Einstellung. Und ja, auch ich habe mich schon dabei ertappt, bei ihrem Anblick zu denken: So böse kann diese Frau nicht sein. Hässliche Thesen kommen eben nicht immer in hässlichem Gewand. Vielleicht ist das sogar ein bisschen Strategie dieser Leute. So wie Müllautos freundlich orange sind, damit man sich nicht zu sehr an ihnen stört. Das kann dazu verleiten, Petrys propagierte Politik nur halb so schlimm zu finden, denn so eine adrette Person kann das ja alles nicht so meinen. Oder?

So gut diese irreführende Wirkung des Attraktivitätsstereotyps erforscht ist, so wenig weiß man über die Ursache. Es lässt sich bereits im Alter von sechs Monaten nachweisen, hat also wenig mit unserer Sozialisation in einer Hochglanz-Umgebung voller gefotoshoppter Models zu tun. Ähnlich deutet man auch die Tatsache, dass sich die Vermengung des Schönen mit dem Guten in allen Kulturen, Sprachen und Mythen nachweisen lässt. Es scheint in unseren Genen zu stecken, andere nach ihren sichtbaren Genen zu bewerten. So besagt die „Gute-Gene-Hypothese“, dass Schönheit eben auf gutes Erbmaterial, also Gesundheit und Fruchtbarkeit hinweise. Und dass wir daraus auch willfährig auf Charaktermerkmale schließen, uns also selbst ein bisschen betrügen, um an den bestmöglichen Gen-Pool zu kommen.

Der Anblick von schönen Gesichtern aktiviert das Belohnungszentrum des Gehirns

Sicher spielt auch der Effekt der selbstfüllenden Prophezeiung mit. Wenn ich Menschen besonders wohlwollend begegne, weil ich sie für schön und damit gut halte, werden sich diese Menschen auch eher gut zurückverhalten, und zack, werde ich in meinem Urteil bestätigt. Wenn ich jedesmal etwas Schlaues von meinem Gegenüber erwarte, sobald er den Mund aufmacht, erhält auch eine Banalität einen Sinn, den ich vielleicht nur nicht ganz verstehe. So flechten wir den Schönen einen Kranz aus Vorschusslorbeeren.

Dafür können wir nichts. Studien haben gezeigt, dass der Anblick von schönen Gesichtern das Belohnungszentrum im Vorderhirn aktiviert. Schönheit ist eine Droge. In einer kalten Welt wärmen wir uns an ihr, berauschen uns an daran, wollen mehr davon. Und verlängern sie deshalb ins Persönliche, Tiefere, Seelische. So wie ich jedes Mal aufschaue, wenn Emilia an mir vorbeieilt, und unwillkürlich neue Phantasien entwickle: Was sie wohl heute Abend Cooles macht, welche aktuell tollen Filme sie schon längst gesehen hat, dass sie sowohl supergesellig als auch sehr gut alleine mit einem Buch zu Hause sein kann, an Weihnachten mit vielen lieben Geschenken heimfährt und über Silvester in Tel Aviv oder so abhängt, halb ironisch allerdings, weil da fahren ja grade alle hin, ihr ist sowas aber egal, denn sie ist lässig und gibt nichts darauf, was die Leute über sie denken.

So wie sie jetzt bei mir abkassiert, schnell, ein professionelles Lächeln, kein Wort zu viel. Das Croissant hat sie vergessen, will aber Geld dafür.

„Das habe ich nicht bekommen“, sage ich.

Sie guckt nur ausdruckslos auf die Rechnung. 

„Kein Problem“, sage ich.

„Ja, sorry“, sagt sie, seufzt und schaut zur Theke.

Ich lasse Emilia ein großes Trinkgeld zurück. 

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