Wie erleben asexuelle Menschen ihr Coming-out?

Asexualität ist in unserer Gesellschaft nicht sehr präsent – macht das ein Coming-out schwieriger?
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe asexuelle Menschen,

ich war erleichtert, als ich verstanden habe, dass ich lesbisch bin. Denn ich hatte lange gedacht: Das mit dem Verlieben, dem Küssen, dem Sex wird bei mir nie was. All meine Freundinnen hatten früher oder später begonnen, sich für Jungs zu interessieren, nur ich nicht. Ich hatte nicht mitreden können, wenn es darum ging, wer für wen schwärmt, weil ich nicht geglaubt habe, dass das, was ich fühle, auch Schwärmen ist. Ich hatte niemanden küssen wollen, nicht auch mal mit jemandem rummachen können im Club. Dann, plötzlich, ging das alles doch. Erst theoretisch; je mehr Menschen gegenüber ich out war, desto öfter auch tatsächlich.

Bei euch ist das anders. Asexualität kommt zwar in verschiedenen Formen: Manche finden die Vorstellung, Sex zu haben, völlig abstoßend, andere befriedigen ihre Partner*innen, wieder andere schlafen mit ihnen – aber als Ausdruck romantischer Liebe, nicht, weil sie sexuelle Anziehung spüren. Manche küssen gern, andere nicht. Und asexuell bedeutet nicht aromantisch: Asexuelle Menschen können sich verlieben. Trotzdem habt ihr wenig oder keine Lust auf etwas, das vielen anderen wichtig ist und Spaß macht. Sex ist omnipräsent in unserer Gesellschaft – in Büchern, Filmen und Serien, in der Werbung, und immer dann, wenn es um den gefragtesten Gossip geht.

Es gibt auch in Filmen, Büchern und Serien kaum asexuelle Protagonist*innen 

Deswegen frage ich mich: Wie war das für euch, als ihr festgestellt habt, dass ihr asexuell seid? Wart ihr genauso erleichtert, weil ihr endlich wusstet, was los ist? Vielleicht auch, weil euch der Stress erspart bleibt, den Sex mit sich bringt? Oder habt ihr das Gefühl, etwas zu verpassen?

Wie schwer war es für euch, überhaupt zu verstehen, dass ihr asexuell seid? Ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich wusste, dass ich lesbisch bin. Dabei ist Homosexualität wohl jedem Menschen ein Begriff – Asexualität vielleicht nicht. In immer mehr Büchern und Filmen gibt es tolle, vielschichtige homosexuelle Charaktere – asexuelle dagegen sind, soweit ich das sehe, immer noch die Loser, die es halt nicht hinbekommen, aber eigentlich schon gerne würden. Nur eine Szene fällt mir spontan ein: In der Serie „Sex Education“ grübelt die Teenagerin Florence, wieso sie einfach kein Interesse an Sex hat. Ihre Mitschüler*innen sagen ihr, sie sei „noch nicht bereit“ und sind sich sicher, das „kommt schon noch“. Sie fühle sich „wie ein Freak“, beschreibt Florence ihre Lage, und weiter: „Als wäre ich umgeben von einem Festessen und ich müsste mich einfach nur bedienen – aber ich bin einfach nicht hungrig“. Als sie dank der Mutter des Protagonisten Otis, der Sexualtherapeutin Jean, endlich einen Namen für ihre nicht vorhandene Lust auf Sex hat: „Du bist asexuell. Das ist ganz normal“, ist sie unendlich erleichtert.

Und: Werdet ihr ernst genommen, wenn ihr euch als asexuell outet? Wenn ich früher auf die Frage, warum ich keinen Freund habe, gesagt habe: „Weil ich halt keinen will“, hat das nämlich nie gereicht – erst, als ich sagen konnte, „weil ich auf Frauen stehe“, war die allermeiste Zeit Ruhe.

Erzählt doch mal!

Eure allosexuellen Menschen

Die Antwort:

Liebe Nicht-Asexuelle,

danke für die Frage. Es ist sehr interessant zu hören, wie sehr Coming-out-Erfahrungen sich bei allen Unterschieden auch ähneln können. Das Coming-out war für mich tatsächlich ein sehr bedeutender Moment. Dabei kann ich kaum von einem einzelnen Coming-out sprechen, eher von einem sehr fließender Prozess mit vielen Wiederholungen. Aber ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, in dem ich persönlich erkannte, dass ich asexuell bin. Ich war seit Jahren offen bisexuell und kannte auch den Begriff der Asexualität schon seit längerem. Allerdings konnte ich Asexualität lange nicht mit meiner eigenen Erfahrung zusammenbringen.

Zum Teil lag das, wie du in deiner Frage auch schon ansprichst, daran, dass es in der Gesellschaft, aber auch innerhalb der LGBTQ-Community, noch sehr viele uninformierte und vorurteilsbehaftete Darstellungen von asexuellen Personen gibt. Ich dachte, um als asexuell zu gelten, müsste ich jeden sexuellen Kontakt, jeden Gedanken an Küsse, Petting oder Sex verabscheuen. Ich müsste komplett unsinnlich sein und nie an Sex denken. Oft schwingt leider auch die Idee mit, dass man irgendein Trauma durchlebt haben müsse, dass die eigene Sexualität gestört oder kaputt sei. In diesem Bild fand ich mich nicht wieder.

Auf der anderen Seite hatte ich in meinen Beziehungen ständig Schwierigkeiten mit sexuellem Kontakt, die teilweise auch meine Partner ziemlich belasteten. Ich musste mich zwingen, um mitzuhalten und wollte Dinge immer sehr viel langsamer angehen als meine Partner. Der Wendepunkt kam, als ich zum ersten Mal eine Grafik fand, die explizit darstellte, dass es mehr als nur sexuelle und platonische Anziehung zwischen zwei Menschen gibt.

Hier eine Erklärung zu den verschieden Anziehungsarten die wir kennen: #lgbtq🌈 #asexuality #asexualität

Gepostet von Asexuelles Spektrum Schweiz am Mittwoch, 17. Juni 2020

Das war für mich das fehlende Puzzlestück. Ich hatte schon lange hin und her überlegt, ob ich asexuell sei, es aber immer wieder verworfen, weil die Definition nicht genau zu mir passte. Nun hatte ich nach Jahren endlich das Gefühl, dass alles Sinn machte, dass ich nicht alleine war. Und fast noch wichtiger: Ich musste mich nicht mehr dazu zwingen, Sex zu haben. Ich hatte praktisch eine offizielle Erlaubnis, mein Sexualleben genau so zu gestalten, wie ich wollte. Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Als AFAB Person (bedeutet: Assigned Female At Birth, also als Person, der bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde) wurde ich mein ganzes Leben lang mit vielen problematischen Erwartungen rund um Sexualität konfrontiert. Unter anderem hörte ich immer wieder, es sei normal, Sex nicht so zu genießen und sich ein bisschen dazu zwingen zu müssen. Auch, dass man sich als Frau immer so ziere und erstmal aufgewärmt oder überzeugt werden müsse. Außerdem gilt oft Penetration als „echter Sex“ und alles andere als Vorspiel. Mein neues Selbstverständnis als asexuell half mir sehr, diese Erwartungen und Vorurteile in mir selber und auch in meinem Umfeld zu bekämpfen.

Nicht alle Menschen müssen wissen, wie meine Sexualität genau funktioniert 

Obwohl ich es sehr wichtig finde, offen mit meiner Sexualität umzugehen, bin ich als asexuelle Person auch nicht überall und immer out, vor allem, weil meiner Meinung nach nur gute Freunde und potentielle Sexpartner genau wissen müssen, wie meine Sexualität funktioniert. Bei jedem potenziellen Date oder Partner, und auch oft bei neuen Freunden, oute ich mich immer wieder neu und muss dabei meist die Details meiner Anziehung und teilweise auch meiner Sexpraktiken erklären. Das wird auf Dauer bei so einem intimen Thema ganz schön anstrengend, und leider gibt es immer noch viel zu viele Personen, die meine Erklärungen nicht ernst nehmen, nicht verstehen oder einfach ignorieren. Oft wollen mich Leute auch durch Streiten oder Betteln überzeugen, doch noch mit ihnen zu schlafen. Geschlechterrollen und gesellschaftliche Stereotype spielen hier bestimmt eine große Rolle.

Heutzutage bin ich (auch, um solche Begegnungen eher zu vermeiden) viel in der BDSM-Szene unterwegs. In dieser Szene gibt es viele Arten, Sinnlichkeit, Begehren und starke Gefühle auszuleben, ohne dabei unbedingt Sex zu haben. Und es wird als sehr wichtig angesehen, explizit über die eigenen Wünsche und zu Grenzen kommunizieren und mit dem möglichen Partner vorher abzuklären, was man vorhat. Das alles hilft mir sehr dabei, gesellschaftlichen Normen zu entkommen und mit meinen Partnern ein erfüllendes und kreatives „Sex“leben nur für uns zu gestalten.

Insgesamt habe ich also eigentlich nie das Gefühl, etwas zu verpassen. Das Einzige, was ich verpasse, ist die Art Sex, die ich sowieso lieber vermeiden würde.

Eure asexuellen Menschen 

 

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