Wie sehr fehlen queere Orte während der Pandemie?

Auch die queere Community steckt in Zoom-Calls fest.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe queere Menschen, 

die Pandemie trifft uns alle, und zwar hart. Doch bestimmte Teile unserer Gesellschaft trifft sie besonders hart – und es deutet viel darauf hin, dass auch ihr dazugehört. Schon seit bald einem Jahr sind queere Bars und Clubs geschlossen. Einige von ihnen werden den Lockdown wohl nicht überleben. Verschiedene queere Menschen, Medien und Vereine richteten sich mit Apellen an die Politik, diese Räume besonders zu schützen, zum Beispiel das Onlinemagazin queer.de. „Es ist allerhöchste Zeit, zu handeln. Je länger nur geredet wird, um so größeren Schaden wird die queere Infrastruktur dauerhaft nehmen“, heißt es in dem Text. Wie sehr fehlen Orte, an denen es die Norm ist, queer zu sein? Die zum Daten da sind, zum Flirten und zum Austausch? Ersetzt ihr diese Orte irgendwie? Gibt es digitale Treffen? Kann man solche Orte überhaupt ersetzen? 

Gemeinsames Feiern verbindet ja auch, es prägt die eigene Identität. Und queere Orte garantieren euch ein Maximum an Sicherheit. Natürlich geht es hier nicht nur um Clubs. Es geht auch um Stammtische und Netzwerktreffen, um das Singen im queeren Chor, um Anlaufstellen, die helfen und beraten. 

Was geht gerade nicht mehr, was Viele dringend brauchen? Und: Wie wirkt sich das auf euren Alltag aus? 

In der Hoffnung, dass wir noch in diesem Jahr wieder zusammen feiern können.

Eure Nicht-Queers 

Die Antwort: 

Liebe nicht-queere Menschen,

ja, ich vermisse queere Bars, Clubs und Stammtische. Weil es dort nicht nur ums Feiern geht. Sondern auch darum, mit Menschen Zeit zu verbringen, die die eigenen Erfahrungen teilen. Die einem helfen können, zu verstehen, was man da eigentlich fühlt. Die einem Bücher empfehlen und Begriffe erklären. Die einen, wenn man neu dazu stößt, bestärken, dass man richtig ist, wo und wie man ist. Queer aufzuwachsen, kann einsam sein: Ich dachte lange, niemand wäre wie ich. Dass ich nie über dieses diffuse Gefühl sprechen würde, Frauen irgendwie ein bisschen zu sehr zu mögen. Festzustellen, dass viele andere diese Gedanken auch kennen, war die schönste Überraschung – etwas, das nicht-queere Freund*innen einfach nicht ersetzen können. Und auch einzelne queere Freund*innen kaum.

Manche Queers sind seit Monaten fast nur mit Leuten zusammen, die sie nicht akzeptieren

Das erste Mal queer feiern werde ich nie vergessen. Jahrelang hatte ich versucht, nicht unbedingt cool zu sein, aber immerhin normal. Und da stand ich nun auf der Tanzfläche, inmitten von Menschen, die keine herkömmliche Vorstellung von „normal“ erfüllten – Männer, die ihre Hände in den Locken anderer Männer vergruben, Frauen, die andere Frauen umschlungen hielten, Menschen, die Rock und Bart zugleich trugen – und war plötzlich normal. Nicht nur im Sinne von okay, sondern auch statistisch normal, Teil der Mehrheit. Ein starkes Gefühl, wenn man sonst immer die Abweichung ist.

Aber ich habe Glück: Ich fühle mich zuhause in der WG, in der ich gerade lebe. Ich habe Freund*innen, auch queere, von denen ich manche gelegentlich treffen kann. Diejenigen aus meiner Familie, die wissen, dass ich lesbisch bin, finden das irgendwas zwischen okay und super. Wortwörtliche Safe Spaces – sichere Orte – fehlen mir also während der Pandemie nicht.

Das geht nicht allen queeren Menschen so: Manche sind seit Monaten fast nur mit Leuten zusammen, die sie nicht akzeptieren. Die sie misgendern, beleidigen, gefährden, ändern wollen. Manche können sich dort, wo sie leben, nicht outen. Geflüchtete Queers zum Beispiel sind in Unterkünften oft gemeinsam mit denjenigen untergebracht, vor denen sie geflohen sind. Ihnen allen fehlen Orte, an denen sie Schutz finden, bestimmt sehr. Genauso wie persönliche, professionelle Beratung und Unterstützung.

In queeren Clubs und Bars können sich Menschen ungehemmt küssen, die das anderswo nicht können. In queeren Clubs und Bars habe ich endlich verstanden, warum man beim Feiern jemanden ansprechen wollen würde, und mich zum ersten Mal getraut, eine Frau anzuflirten. In queeren Clubs und Bars kann man das eigene Queer-Sein entdecken, und wenn es nur für ein paar Stunden ist. Diese Freiheit und diese Bestärkung, diese Rückzugsorte fehlen jetzt.

Ich würde mir wünschen, dass die Politik diese Probleme sieht

Ganz davon abgesehen, dass ich persönlich nach meinem ersten Coming-out nur etwa eineinhalb Jahre hatte, all das zu entdecken – dann kam die Corona-Pandemie. Andere hatten noch weniger Zeit. Ich vermisse die Möglichkeiten, die sich endlich für mich aufgetan hatten und die jetzt schon wieder weg sind. Ich weiß, dass niemand etwas dafür kann und dass es momentan nicht anders geht, aber manchmal denke ich mir schon: Ernsthaft? Ich soll wohl einfach nie mitmachen dürfen! Ich soll wohl nicht flirten und daten und lernen dürfen. Ich soll wohl nicht politisch aktiver werden dürfen!

Denn auch das sind queere Bars, Clubs und Stammtische: politische Orte. Der aktive Kampf queerer Menschen gegen Diskriminierung begann 1969 in einer queeren Bar, im „Stonewall Inn“ in der New Yorker Christopher Street, als sich Besucher*innen gegen Polizeigewalt wehrten. Mitglieder von „diversity“, einer queeren Jugendorganisation in München, bei deren Veranstaltungen ich ein paar Mal war, betreiben nicht nur ein Café und eine Bar, sondern gehen auch gemeinsam zum Christopher Street Day, treten gegenüber der Stadt für die Belange queerer Menschen ein, machen Aufklärungsarbeit an Schulen. Da war ich bislang nicht dabei.

Klar, einige Stammtische finden digital statt, einige Beratungen telefonisch. Ich bekomme Einladungen zu Online-Lektüregruppen und Spieleabenden. Das ist schön, aber nicht dasselbe: Wir wissen mittlerweile wahrscheinlich alle, dass Zoom und Skype echte Nähe nicht ersetzen. Oder echtes Feiern. Außerdem kann ich, wenn ich den ganzen Tag am Computer gearbeitet habe, abends einfach keinen Bildschirm mehr sehen.

Und klar, ich habe auch andere Dinge zu tun, andere Hobbys und Probleme: Lesbisch zu sein, ist ja nicht alles, was mich ausmacht.

Trotzdem freue ich mich auf die Zeit, wenn queere Clubs, Bars und Cafés wieder öffnen. Ich freue mich, all das zu tun, wofür ich jetzt unfreiwillig monatelang Mut sammeln konnte – Stichwort flirten, zum Beispiel –, und einfach mal wieder ausgelassen zu feiern. Ich bin froh, wenn Beratungsstellen wieder leichter zugänglich sind. Zumindest hoffe ich, dass all diese Orte wieder da sein werden: Ihnen fehlen oft seit Monaten Einnahmen, da ist unklar, wie es weitergeht.

Ich würde mir wünschen, dass die Politik diese Probleme sieht. Dass sie deswegen queere Safe Spaces nicht sofort wieder öffnen kann, weiß ich auch. Aber vielleicht finanziell unterstützen, sodass sie überleben. Und sie könnte queere Menschen mitdenken, anders als an Weihnachten zum Beispiel, als es spezielle Ausnahmen für Treffen mit engsten Verwandten gab: Wir leben nun mal nicht alle in traditionellen Familien.

Alles Liebe

Eure Queers

Und hier gibt es unsere Querfragen auch zum Hören:

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