Männer, definiert ihr euch über Muskeln?

Zwei Männer sprechen über abschätzige Blicke im Schwimmbad, verstaubte Fitness-Mitgliedskarten und Selbstvertrauen.
Von Raphael Weiss und Johannes Angermann

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe (andere) Männer,

als ich 15 war, fiel mir zum ersten Mal auf, dass ich keine Muskeln hatte. Also, Muskeln hatte ich schon, aber an den falschen Stellen. Denn zu dem Zeitpunkt war ich seit mehr als zehn Jahren im Fußballverein, hatte gerade mit Tennis angefangen und auch sonst habe ich mich eigentlich nur für Sport und meine Playstation interessiert. Naja, und für Mädchen. Nur, die haben sich irgendwie nicht so richtig für mich interessiert. Zumindest nicht im Schwimmbad oder am Strand. Denn während meine Freunde mit Sixpacks und definierten Brustmuskeln Blicke ernteten, wollte mich seltsamerweise keines der Mädchen für meine kräftigen Oberschenkel und Waden bewundern.   

Auch wenn Männer nicht dem selben gesellschaftlichen Druck unterworfen sind wie Frauen, auch für uns gibt die Gesellschaft ein ganz klares Schönheitsideal vor. Kantiges Gesicht, groß und vor allen Dingen bepackt mit Muskeln. Nicht so viele, dass man gar nicht mehr woanders hinschauen kann, aber doch ziemlich viele. So wie Brad Pitt in Fight Club ungefähr. Und dass das nicht nur ein Bild ist, das das Fernsehen einem spiegelt, sondern tatsächlich ein Schönheitsideal, das Auswirkungen auf mich hat, merkte ich in diesem pubertären Sommer.

In Clubs kam es vor, dass Frauen versuchten, mir das T-Shirt hochzuziehen

Seit dieser Erkenntnis wuchs der Wunsch, endlich auch so einen muskulösen Körper wie meine Freunde zu bekommen. Ich holte mir Tipps, begann Sit-Ups und Liegestütze zu machen, ging auf Trimm-dich-Pfade und schlich mich in Fitnessstudios, für die ich eigentlich zu jung war. Doch so oft ich mich auch im Spiegel anschaute, irgendwelche Schatten auf meinem Bauch als Fortschritt deutete: Das Sixpack kam einfach nicht.

In den Jahren danach blieb eigentlich alles ähnlich. Ich meldete mich mit 18 im Fitnessstudio an, trainierte manchmal drei Mal die Woche, manchmal drei Mal im Monat. In Zeiten, in denen ich Single war, deutlich häufiger. Damals dachte ich, Muskeln wären gleichbedeutend mit Männlichkeit, würden fehlendes Selbstvertrauen verschwinden lassen und mich zu einem interessanteren Menschen machen. In Clubs kam es vor, dass Frauen versuchten, mir das T-Shirt hochzuziehen, wenn ich erzählte, dass ich Sport studiere, was mich in meiner Ansicht bestätigte. 

Das ist alles mittlerweile eine ganze Weile her. Im Januar habe ich es endlich geschafft: Nach fast zwei Jahren kompletter Inaktivität zahle ich kein Geld mehr an ein Fitnessstudio. Mittlerweile weiß ich, dass kein Mensch – zumindest keiner, der mir wichtig wäre – mich auf Dauer interessanter finden würde, wenn ich einen Sixpack hätte. Doch Muskeln sind mir noch immer wichtig. Sport hat in meinem Leben eine große Bedeutung und ich finde, dass ich mit einem sportlichen Körper deutlich besser aussehe als mit Faulheitswampe. Auch wenn ich nicht mehr ins Fitnessstudio gehe, treibe ich relativ regelmäßig Sport und mache immer noch meine Sit-Ups und Liegestütze. Aber liebe andere Männer, wie ist es bei euch? Hattet ihr auch einen Sommer der gefühlten Erkenntnis? Wie steht ihr zu euren Muskeln? 

Euer Geschlechtsgenosse

Liebe andere Männer,

schon als Kind hatte ich eine Jan-Böhmermann-Statur. Wenn im Sportunterricht Mannschaften gewählt wurden, dann war ich meist der, der zum Schluss noch auf der Bank saß. Ich war eben unsportlich. Das habe ich so hingenommen – schließlich kannte ich es nicht anders. Mir ist auch nie vermittelt worden, dass man daran etwas ändern könne. Die didaktischen Methoden meiner Sportlehrer waren wie meine sportlichen Leistungen: ausbaufähig. Das alles hat mich nie beschäftigt. Mein Körper war halt einfach da und ich war zufrieden.

Dann kamen die oben schon angesprochenen Sommer in der Pubertät. Mädchen kamen ins Spiel. Und auf einmal war es nicht mehr geil, ins Schwimmbad zu gehen. So schlaksig wie ich war, war es mir peinlich, halbnackt am Becken entlang zu watscheln. Ich konnte auch nicht cool ins Wasser springen. Und nichts ist in der Pubertät schlimmer, als uncool zu sein. Dem bin ich aus dem Weg gegangen: Ich ging nicht mehr ins Schwimmbad. Stattdessen habe ich das getan, was mir leicht fiel, worin ich gut war. So habe ich mich über andere Dinge definiert.

Meine Grenzen austesten, mich selbst erfahren, „cool sein“, dazu habe ich keinen Sport, keine Muskeln gebraucht. Ich habe früh festgestellt, dass ich ganz gut mit Worten umgehen kann, und dass das bisweilen gut ankommt. Es kommt auch gut an, wenn man schlau ist. Ich habe mich lieber mit den Menschen um mich herum beschäftigt, mich mehr für sie interessiert als für meine Muskeln. Und ich habe gelernt, wie ich mit dem was ich tue – und wie ich es tue – auf andere wirke. Ich war nie auf mich oder meinen Körperbau zurückgeworfen und nur auf meinen Bizeps beschränkt.

Die Muskeln kamen als reines Nebenprodukt des Spaßes

Der Sport hat mich dann doch noch gekriegt. Irgendwie ist es zwischen „nach Feierabend ein bisschen mit dem Rad rumheizen“ und „zum Spaß 400 Kilometer Rennen fahren“ eskaliert. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Dabei ist der Spaß für mich das entscheidende Element. Ich würde nie sagen: „Ich mache Sport“ oder „Ich trainiere“. Ich tue das aus reiner Lust, frei von jedem Ziel oder Ehrgeiz. Die Muskeln kamen ganz von allein, ein reines Nebenprodukt des Spaßes.

Heute bin ich immer noch lang und schlank: gute Rennfahrerstatur. Ich sage „aerodynamisch“ dazu. Wenn ich in diese hautengen Radklamotten schlüpfe, dann sieht man wirklich alles. Ich fühle mich dann weder komisch noch irgendwie besonders. Was mir aber auffällt und was mir wichtig ist: Durch den Sport und die Muskeln hat sich meine Körperhaltung wesentlich verbessert. Und ich mag dieses Gefühl, diese Körperspannung, wenn ich mich bewege.

Klar freue ich mich heute, wenn ich jemanden am Berg abhänge. Ich freue mich, wenn meine Radler-Waden im Sommer straffer und definierter sind als nach Weihnachten. Im Winter – durch Plätzchen und weniger Zeit für Sport – baut der Körper ab. Das geschieht aber so langsam und allmählich, dass ich es kaum bemerke. Ich verliere dabei nichts, ich vermisse nichts. Was ich vermisse, ist das Radfahren. Sobald die Tage dann länger werden und ich mehr Zeit im Sattel verbringe, kommt die Form ebenso beiläufig und von ganz allein zurück. Und dann schau ich in diesen übertrieben engen Radklamotten an mir herab und denke: Form? Läuft. Dann freu ich mich. Und dann ist mir das auch schon wieder egal.

Meinen Maßstab prägt nicht das Bild von Brad Pitt. Mein Maßstab ist der 13-jährige Junge, der nicht ins Becken springen konnte und trotzdem zufrieden war. Ich habe meine Maskulinität, mein Mann-sein, nie an Muskeln festgemacht. Im Gegenteil, einfach dadurch, dass mir das abging, hatte ich die Freiheit andere Seiten an mir ausleben zu können. Was mich als Mensch ausmacht, ist viel mehr als mein Körper. Das ist das, was ich tue. Das ist, wie ich mit anderen Menschen umgehe. 

Nur ein Mal, da habe ich gezielt trainiert, damit es besser aussieht. Eines Morgens hat mich die Frau, die ich ganz doll in mein Herz geschlossen habe, angegrinst mit den Worten: „Och, so ein bisschen Brustmuskeln fände ich schon ganz schön.“ Ist natürlich klar, dass ich dann daran gearbeitet habe. Es sieht auch ganz nett aus, wenn sich unter dem T-Shirt erste Ansätze abzeichnen. Ich habe das getan, nicht weil mir das irgendwas bedeutet, sondern weil sie mir etwas bedeutet. Nicht ich, sie war mir wichtig. Ich habe ihr damit eine Freude machen wollen. Und ich habe die Freiheit, das zu tun.

Eure Männer

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