Frauen, trennt ihr Kunst und Sexismus?

Oder lässt ein sexistisches Kunstwerk immer auf einen sexistischen Künstler schließen?
Von Niko Kappel und Katharina Forstmair
querfrage kunst oder sexismus cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Frauen,

ich bin davon überzeugt, dass ich schon sehr oft Quatsch erzählt habe, wenn es um Kunst oder auch vermeintliche Kunst ging. Denn Meinungen ändern sich. Musik, die ich heute abscheulich finde, fand ich früher sehr gut. Zum Beispiel die von der 187 Straßenbande, im Speziellen von Gzuz und Bonez MC. Für mich waren sie 2015 eine Revolution des Deutsch-Rap, das Aggro Berlin der 10er Jahre. Durch sie wurde Rap für mich wieder real und ich sage mal so – diese Realness ist nicht gut gealtert. Weil die Realness im Rap von der echten Realität eingeholt wurde. Denn ja, ich gehörte zu den Deppen, die sich wirklich darüber wunderten, dass die Mitglieder von 187 nicht nur darüber rappten, sondern wirklich schlecht mit Frauen umgingen. Als die damalige Ex-Freundin von Gzuz an die Öffentlichkeit ging und über die Übergriffe berichtete, war ich schockiert. Als sich Bonez MC darüber lustig machte eben so.

Seitdem kann ich diese Musik nicht mehr hören. Ich werde nie wieder Gzuz unglaublichen Part bei „Standard“ genießen können, weil ich weiß, wie er mit Frauen umgeht. Ich habe mich jahrelang auf das Debütalbum von Bonez MC gefreut. Wenn es jetzt Ende August rauskommt, werde ich es mir nicht mal anhören. Geht euch das ähnlich? Als die, die davon ja beleidigt werden? Wenn mir das schon so geht – wie geht es euch, wenn Gzuz rappt „Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt; ganz normal, danach landet dann das Sextape im Netz.“ Vermutlich stellt ihr euch schon bei Lines im Rap, die nicht so eindeutig frauenfeindlich sind, die Frage „Kann man Werk und Autor trennen“? Welche Antwort findet ihr darauf?

Wo liegt bei euch die Grenze, wenn es um sexistische Kunst geht?

Bei anderen Deutsch-Rappern gelingt es mir, Kunst und Sexismus zu trennen. Sexismus ist immer problematisch und das weiß ich, aber vor mir selbst rede ich mir ein, dass der alte Sido in einer anderen Zeit seine sexistischen Texte geschrieben hat, dass bei K.I.Z die Ironie im Vordergrund steht und dass es Cro als verkiffter Skater mit Pandamaske einfach nicht besser wusste. Alle drei schreiben außerdem heute andere Texte. Bonez und Gzuz nicht. Das ist für mich zum Beispiel eine Grenze: Wenn man sein Verhalten ändert. Wo liegt bei euch die Grenze, wenn es um sexistische Kunst geht?

Geht das bei euch auch über Musik hinaus? Könnt ihr euch bestimmte Filme nicht mehr anschauen, weil da Sexismen reproduziert werden? Kennt ihr Beispiele aus der bildenden Kunst? Ich schäme mich heute dafür, dass ich 187 für ihre vermeintliche Realness gefeiert habe, die schon damals eindeutig problematisch war. Habt ihr auch Momente, in denen ihr denkt: Wie konnte ich mir das nur reinziehen? Erzählt doch mal.

Eure Männer

Die Antwort:

Liebe Männer,

mit Deutschrap konnte ich noch nie besonders viel anfangen. Und zwar nicht nur deshalb, weil es einfach nicht mein Musikgeschmack ist. Sondern auch, weil mir durchaus bewusst ist, was einige Rapper in ihren Texten von sich geben. Und das ist, wie du schon schreibst, teilweise ziemlich sexistischer Mist. Deshalb ist es mir vollkommen unerklärlich, warum meine Freunde voller Begeisterung zu AK Ausserkontrolle „Sie hat zwar kleine Titten, doch einen Arsch wie ein Pfirsich. (...) Wir nehmen sie mit und geben ihr zu dritt“ mitgrölen. Auch wenn das doch alles gar nicht ernst gemeint und einfach nur witzig sei; wer solche Lieder in meiner Anwesenheit spielt, erntet sofort trotzige Blicke und spätestens beim zweiten Lied lauten Protest. Das scheint bisher jedoch noch keinen meiner Freunde vom Hören abgehalten zu haben. Wahrscheinlich, weil es inzwischen Routine geworden ist: „Jim Beam & Voddi“ läuft. Die Männer gehen dazu ab. Mindestens eine Frau im Raum stöhnt genervt. Was soll’s, die Männer sind ja in der Mehrheit.

Nach einer gewissen Zeit ist es mir eben einfach zu anstrengend, jedes Mal wieder bei voller Lautstärke gegen fünf alkoholisierte Möchtegern-Rapper ankommen zu müssen. Trotzdem geht es mir ziemlich gegen den Strich. Denn auch, wenn meine Freunde sonst keine sexistischen Arschlöcher sind und auch wenn man die meisten Texte nicht zu ernst nehmen sollte, sie sind einfach frauenverachtend. Und natürlich bekomme ich nicht gerne von einer voll aufgedrehten Musikbox und meinen besten Freunden sexistische Dinge ins Gesicht gebrüllt. Vielleicht sollte man als Mann so feinfühlig sein und einfach weiterschalten, wenn sich eine Frau völlig zurecht davon angegriffen fühlt.

Ein Rapper, der sogar in seinem Alltag ein Sexist ist, kann kein gutes Vorbild sein

Meine Freunde hören übrigens auch die von dir genannten Beispiele Gzuz und Bonez MC. Da sie mich nicht jedes Mal provozieren wollen, tun sie das vor allem alleine oder in einer reinen Männerrunde. Dagegen habe ich bisher nie etwas gesagt. Nachdem du mich jetzt nochmal darauf hingewiesen hast, dass die beiden Rapper auch abseits der Bühne ein Sexismus-Problem haben, könnte sich das ändern. Denn da stimme ich dir zu, das ist definitiv eine Grenze. Ich weiß nicht, ob das Hören von frauenfeindlicher Musik dazu führt, dass man irgendwann auch im realen Leben zu frauenfeindlichem Reden und Handeln neigt. Aber einen Rapper, der nicht nur in seiner Kunst, sondern auch in seinem Alltag ein Sexist ist, kann doch eigentlich kein gutes Vorbild sein?

Ich muss zugeben, dass ich früher nicht so sehr wie heute über sexistische Musik nachgedacht habe. Ich habe zwar noch nie gerne Deutschrap gehört, aber auch die Texte von Snoop Dogg, Eminem und Kanye West sind voll von frauenfeindlichen Bildern. Wenn deren Songs auf den Playlists meiner Freunde auftauchen oder im Club laufen, stört mich das komischerweise weniger. Vielleicht weil es durch das Englisch weniger direkt ist, vielleicht weil „bitch“ und „hoe“ einfach zum Jargon des amerikanischen Gangsta-Raps gehören – auch bei weiblichen Künstlerinnen. Oder vielleicht, weil die Texte der meisten Lieder, die ich dann höre, nicht ganz so krass sind wie die von 187. Damit will ich nicht sagen, dass ich die Texte heute immer noch nicht hinterfrage. Mein Blick ist viel kritischer geworden und meine Sensibilität für Sexismus viel größer.

Ich finde sexistischen Rap nicht in Ordnung, nur weil es eben Kunst sein soll

Um also auf deine Frage zu antworten: Nein, wenn AK Ausserkontrolle seine Songs schon „Fick die Hoe“ nennt – und es darin auch wirklich um nichts anderes geht – dann finde ich das nicht in Ordnung, nur weil es eben Kunst sein soll. Wenn du aber nach den nicht so eindeutigen Fällen fragst, ist auch meine Antwort nicht eindeutig. Denn dann kommt es darauf an, in welchem Kontext eine Textzeile steht, wer diesen Text singt oder rappt und wer sich den Text anhört. Dazu gehört dann auch, dass Hörer und Künstler reflektiert mit alten und aktuellen Werken umgehen und diese gegebenenfalls an den gesellschaftlichen Wandel anpassen, anstatt veraltete frauenfeindliche Bilder zu reproduzieren.

Das trifft nicht nur auf Musik zu, sondern natürlich auch auf andere Kunstformen. Mir fallen so viele Filme ein, die ich früher gern angeschaut habe oder die einfach sehr populär waren, die ganz und gar nicht in mein jetziges Frauenbild passen. Teenie-Komödien, in denen sich ein unscheinbares, schüchternes Mädchen in den heißen, beliebten Football-Spieler verliebt. Actionfilme, in denen attraktive Frauen nur die Anhängsel der männlichen Helden sind. Sogar die Rosamunde-Pilcher-Filme meiner Mama, in denen immer irgendwann der Mann die Frau betrügt und nie umgekehrt. Wenn solche Filme heute produziert werden, kann ich sie nicht mehr ohne Bedenken anschauen.

Trotzdem lese ich noch literarische Klassiker wie Stolz und Vorurteil, in denen Frauen nur zum schön Aussehen und Heiraten erzogen werden. Trotzdem besuche ich historische Kunstmuseen, die voll sind von den Abbildern nackter Frauen und von den lüsternen Blicke der dargestellten Männer oder des Künstlers selbst erzählen. Der Unterschied dabei ist, dass diese Werke nun mal in einer anderen Zeit entstanden sind und dass mir das bewusst ist. Die Künstler haben darin ihren Blick auf die Gesellschaft und damit das damalige Wertesystem festgehalten. Da sich dieses seitdem grundlegend geändert hat, ist es im 21. Jahrhundert ja wohl möglich, historische Kunst mit einem reflektierten Blick zu betrachten.

Ich finde, man kann den Künstler und sein Werk nie ganz klar voneinander trennen

Die Frage „Kann man Werk und Autor trennen?“ ist eine ganz grundsätzliche, auf die wahrscheinlich jeder subjektiv eine Antwort findet. Ich finde, man kann man den Künstler und sein Werk nie ganz klar voneinander trennen. Denn in einem Kunstwerk – sei es ein Song, ein Film oder ein Bild - hält der Künstler seine Gedanken fest, zeigt seinen subjektiven Blick auf die Welt, verarbeitet seine Erfahrungen oder lebt seine Phantasien aus. Und so entsteht eben das, was du Realness nennst. Deshalb ist für mich auch Kunst und Sexismus nicht klar trennbar. Dass ich Sexismus in der Kunst mal akzeptiere und mal ablehne, liegt vielmehr am zeitlichen Kontext, in dem das Werk entstanden ist. Heute wäre es für Autoren beispielsweise nicht mehr kritiklos möglich, wie Shakespeare „Schwachheit, dein Name ist Weib“ zu schreiben oder wie Paul Gauguin minderjährige tahitische Mädchen halbnackt zu malen, von denen er selbst mehrere geheiratet haben soll.

Irgendwie scheint dieser Wandel für den aktuellen Deutschrap noch nicht zu gelten. Immerhin gibt es einige Frauen, die genau die Lieder begeistert hören, die wir beide wegen der eindeutig sexistischen Texte ablehnen. Warum sie das tun, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie die Texte nicht so ernst nehmen. Vielleicht weil sie anders als ich Kunst und Sexismus trennen können. Aber hoffentlich nicht nur deshalb, weil sie einfach noch nie darüber nachgedacht haben.

Eure Frauen

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