Frauen, könnt ihr euch beim Sex unterwerfen und trotzdem Feministinnen sein?

Wie wichtig ist euch Gleichberechtigung im Bett?
Aus der jetzt-Redaktion

Feminismus und unterwürfiger Sex – geht das zusammen?

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Hetero-Frauen,

es war vor etwa zwei Jahren, MeToo war sehr präsent in dieser Zeit und so ging es auch an diesem Abend auf dem Balkon mit drei Freundinnen um dieses Thema. Wir tranken Wein, es wurde spät. Irgendwann kam die Frage darauf, wie man es denn im Bett hält mit der Gleichberechtigung. Die Freundinnen, die sich reihum als Feministinnen bezeichnen würden, sagten, sie seien beim Sex gern devot. Eine erzählte sogar: „Männer sollen mir nicht vorschreiben, was ich zu tun habe. Aber im Bett unterwerfe mich gern.“

Mich irritierten die Antworten für einen Moment, aber vielleicht war das auch der Wein. Denn als ich selbst erzählte, fielen mir meine eigenen Erfahrungen ein und die Erfahrungen meiner männlichen Freunde: Im Bett ist es trotz aller Emanzipation tendenziell eher der Mann, der sagt und zeigt, wo es lang geht. Und die meisten Frauen, so mein Eindruck, erwarten bei Hetero-Sex, dass der Mann dominant ist. Er soll die Initiative übernehmen und zeigen, dass er Sex haben will. Er macht klar, wenn es Zeit für einen Stellungswechsel wird oder es jetzt auch mal gut ist mit dem Vorspiel.

Männer kommen Sex nach ihren Vorstellungen wahrscheinlich näher, wenn sie die Regeln vorgeben

Natürlich, es gibt auch Männer, die sich gern unterwerfen. Es gibt dominante Frauen. Und logisch, egal, wie die Rollen verteilt sind: Immer, wirklich immer sollte man sicher sein, dass Konsens herrscht im Bett und niemand etwas mit sich tun lässt, das er oder sie nicht will.

Für uns Männer ist die Situation, eher dominant zu sein, einerseits angenehm. So kommen wir dem Sex nach unseren Vorstellungen wahrscheinlich näher. Dafür ist es manchmal gleichzeitig auch ziemlich seltsam, dass die Rollen ausgerechnet im Bett fest verteilt sind und wir Männer dadurch eine besondere Verantwortung dafür haben, dass der Sex gut ist. Darüber denken wir natürlich auch oft nach.

Also, ist es nicht seltsam, dass Frauen mit allem Recht in jedem Bereich des Lebens nach Gleichberechtigung streben, im Bett aber offenbar andere Regeln gelten lassen? Wie könnt ihr, liebe Frauen, das mit euch vereinbaren, dass ihr euch tagsüber im Büro und auf Instagram Feministin nennt und im Haushalt mit Recht nicht einseht, alleine fürs Kochen, Putzen und Bügeln verantwortlich zu sein, aber nachts im Bett die Kontrolle aus der Hand gebt? Oder ist das ein naiver Vergleich, und wir Männer verstehen etwas völlig falsch?

Klärt uns bitte mal auf.

Eure Hetero-Männer

Die Antwort:  

Liebe Hetero-Männer,

unterwerfen – das ist im Sex-Kontext ein Wort, das viel bedeuten kann. Es kann bedeuten, dass man gern härter angepackt werden will – hier ein bisschen stranguliert, dort etwas härter penetriert. Aber auch, dass der Typ einen von Seite zu Seite wirft, während man mit großen Augen „besorg’s mir, mein Master“ haucht. Oder eben, wie ihr ja auch beschreibt, dass man den anderen einfach ein bisschen mehr machen lässt. Über Letztes sprechen wir jetzt mal. 

Im Bett nicht den Ton anzugeben, hat nichts mit Machtlosigkeit zu tun

Die Annahme, dass Frauen – gerade junge Frauen – im Bett nicht gerade dominant sind, sondern erst mal schauen, was der Gegenpart so macht, würde ich sofort unterschreiben, aus eigener Erfahrung und von dem, was ich von Freundinnen so weiß. Das Schöne am Passiv-Sein ist, dass man genau weiß, dass der andere einen so richtig will. Gibt es überhaupt einen größeren Turn-on, als begehrt zu werden? Dazu die Sicherheit, nichts falsch zu machen (weil man ja keine Ansagen machen muss), die Gemütlichkeit, einfach mal zu gucken, was auf einen zukommt und wie sich das dann für einen anfühlt: Frau wär ja schön blöd, das nicht auszunutzen. Dass man die Passivität auch als Repräsentation eines überkommenen Rollenklischees sehen könnte, ist einem gerade am Anfang der sexuellen Karriere vielleicht erst mal egal: Es gibt schließlich so viel anderes zu entdecken und zu erfahren.

Dieses Gefühl, sich nicht kümmern zu müssen und dennoch zu genießen, das finden viele Frauen auch später noch ziemlich gut. Und das hat nichts mit Machtlosigkeit zu tun – denn theoretisch können wir ja immer sagen: Jetzt will ich einen Stellungswechsel. Komm jetzt endlich in mich. Fass meine Brüste an. Mach schneller. Und so weiter. 

In der Fantasie kann es auch, ich nenn’ uns jetzt mal „Normalo-Sex-Frauen“, anmachen, richtig devot zu sein und nicht nur ein bisschen passiv. Ich weiß von mehreren Frauen aus meinem Bekanntenkreis, dass sie mit um die 30 Jahren in ihren Sex-Fantasien unterwürfiger sind, als sie sich dann tatsächlich im Bett verhalten. Keine Frau hat jemals zu mir gesagt, „am besten war, als er mir so richtig ins Gesicht gespuckt hat“. Die drei Dinge, die ich dafür immer wieder von anderen Frauen höre, sind: Sexualpartner sollten sich Zeit lassen, mit der Vulva und Vagina sollten sie lieber lieber zu sanft als zu grob umgehen, und generell ist „lange“ nicht immer besser – in jeglicher Hinsicht.

Keiner dieser drei Punkte passt so richtig in das Raster dominant/devot. Und genauso ordnet sich Frau in sexuelller Hinsicht auch nicht immer dort ein. Personen und Vorlieben verändern sich. Während all meine Freundinnen mit 18 Jahren darauf gewartet haben, dass der Typ den ersten Schritt macht, geht es bei abendlichen Wein-Gesprächen unter Freundinnen inzwischen eher darum, wie man eine Situation schafft, in der man selbst und der Partner abschalten und sich gegenseitig verwöhnen kann (wäh, das klingt so sehr nach Doktor Sommer – aber es stimmt!): Wer mag es dunkel, wer macht Musik an, Bettdecke oder nicht, so Stuff eben. 

Wenn ich in zehn Jahren beschließe, dass ich volle Deep-Throat-Action am heißesten finde, dann liegt das auch in meiner Kontrolle

Dieser Anspruch, eine Situation zu schaffen, von der man weiß: Jetzt macht es Spaß, zu vögeln, das ist auch eine Art der Kontrolle – und damit das Gegenteil von Devotheit. Auch, wenn ich dann in dieser Situation nicht gleich bestimme, wer oben ist. Und wenn ich in zehn Jahren beschließe, dass ich volle Deep-Throat-Action am heißesten finde, dann liegt das auch in meiner Kontrolle. Insofern: Ja, man kann Feministin sein, und trotzdem unterwürfig im Bett – genauso, wie man als Feministin Hausfrau sein darf und RomComs mögen. Nur weil ich beim Sex gerne gefesselt werde, heißt das ja nicht, dass ich denke, dass Männer die kompetenteren CEOs abgeben. 

Trotzdem ist es vermutlich nie ein Fehler, ein bisschen in sich hineinzuhören: Woher kommt eigentlich meine Lust auf bestimmte Sachen im Bett? Geht es darum, eine andere Seite von sich zu spüren, Neues auszuprobieren, den Reiz des Verbotenen? Oder mache ich stumpf das, von dem ich denke, dass es von mir erwartet wird? Versuche ich beim Sex nur zu gefallen? Eine solche Spurensuche in die eigene Lust ist meiner Meinung nach für Männer mindestens genauso wichtig wie für Frauen. Und wenn da rauskommt: Ich finde Doggy-Style und Würgesex nur geil, weil ich das mal in einem Porno gesehen habe und davon angetörnt war – dann sollte ich das zumindest hinterfragen.

Insofern – tschau mit Au,

eure superfeministischen Frauen

Unsere Autor*innen wollen lieber nicht, dass sich viele fremde und ihnen bekannte Menschen Gedanken darüber machen, ob sie im Bett eher dominant oder zurückhaltend sind. Deswegen bleiben sie hier anonym.

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