„Sex ist ein krasser Spiegel unserer Gesellschaft“

Diese Erkenntnis hatte Sexbloggerin Theresa Lachner, als sie ihr Buch „Lvstprinzip“ schrieb.
Interview von Katja Lewina

Theresa Lachner schreibt seit zehn Jahren über Sex – und lernt immer noch täglich Neues, wie sie sagt.

Foto: Paula Winkler

In ihrem Buch „Lvstprinzip“ schreibt Deutschlands erfolgreichste Sexbloggerin Theresa Lachner, 32, die Geschichte ihres gleichnamigen Blogs auf — und wirft dabei die Frage auf: Wie frei kann eine Frau heute sein? Wir haben mit ihr über ihren ungewöhnlichen Beruf, das Leben im Patriarchat und weiblichen Körperhass geredet.

jetzt: Theresa, dein Job als Sexbloggerin ist alles andere als alltäglich. Wie kamst du dazu?

Theresa Lachner: Wahrscheinlich hat Carrie Bradshaw aus „Sex and the City“ da gute Lobbyarbeit geleistet. Als ich vor zehn Jahren einfach nur irgendein Praktikum in Berlin machen wollte, gab es da eins bei einem erotischen Kulturmagazin und ich dachte mir „why the hell not?“ Da habe ich total schnell gemerkt, dass mir das liegt, und ich zum ersten Mal richtig Spaß bei der Arbeit hatte. Nach dem Praktikum wurde ich als Bloggerin übernommen, da war das noch ein kleiner Studierendenjob. Aber weil ich eine der wenigen bin, die das überhaupt machen, bekam ich immer viele Anfragen von verschiedenen Redaktionen.

Inzwischen machst du das seit zehn Jahren.

Und es wird nach all der Zeit nie langweilig, ich lerne jeden Tag so viel Neues! Sexualität betrifft einfach jeden von uns, selbst Asexuelle beschäftigen sich damit. Und: Sex ist ein krasser Spiegel unserer Gesellschaft, man kann so vieles daran ablesen — soziale Normen zum Beispiel oder das Verhältnis zwischen den Geschlechtern; das ist wahnsinnig spannend. Ich habe definitiv schon Jobs gemacht, die sich sinnloser angefühlt haben.

Gleich am Anfang deines Buchs „Lvstprinzip“ beschreibst du, wie du von deinem damaligen Freund missbraucht wirst. Danach triffst du viele Entscheidungen, die dich zum eigenen Blog führen. Was hatte sich bei dir verändert?

Nach meiner Trennung hatte ich erst mal keine Angst mehr. Der statistisch unsicherste Ort für eine Frau ist ihr Zuhause. Ich wusste, wenn ich auf mich allein gestellt bin, bin ich sicherer. Dieser Missbrauch funktionierte in meinem Fall wohl auch nur, weil ich das ein Stück weit mitgemacht und mir die Dinge schöngeredet habe. Und ich habe mir damals geschworen, das nie wieder zu tun. Also habe ich einfach mal all meine Sachen verkauft und bin fünf Jahre auf Weltreise gegangen. Mut ist ein Muskel, und den kann man trainieren!

„Ich wollte den Raum einnehmen, der mir zusteht“

Und wie ist dein Blog dann entstanden?

Ich wollte etwas machen, bei dem kein Medium dahintersteht. Etwas, wo ich ganz allein bestimme, was ich schreibe und was nicht — meine eigene Marke eben. Ich wollte den Raum einnehmen, der mir zusteht, und mich nie wieder von jemandem kleinmachen lassen. Und jetzt habe ich diesen Raum in einem ganzen Buch! Mit 32 die eigenen Memoiren zu veröffentlichen, ist ja schon ein ziemlicher Chefboss-Move.

Du bist eine der wenigen Frauen im deutschsprachigen Raum, die über Sex schreiben und sich dabei mit Gesicht und Namen zu erkennen geben. Warum, glaubst du, machen das so wenige?

Die meisten von uns bewegen sich in Strukturen, in denen man sich nicht unbedingt verletzlich machen möchte. Und das aus gutem Grund: Eine Journalistin, die ich kenne, hat zum Beispiel mal eine Reportage über ihren Swingerclub-Besuch geschrieben. Das ist ihr in ihrer Redaktion noch Jahre später nachgelaufen, weil Kollegen sie damit aufgezogen haben. Viele Sexbloggerinnen machen das nicht hauptberuflich, die sind darauf angewiesen in ihrem eigentlichen Job nicht erkannt zu werden. Ich kann das total nachvollziehen, aber ich habe für mich entschieden, das anders zu machen. Wenn ich mich zu erkennen gebe, mache ich mich für meine Leserinnen und Leser greifbarer. Das sichert mir auch eine Art Vertrauensvorschuss.

Außenstehende wundern sich oft, warum du dich so viel mit Sex beschäftigst. Was antwortest du?

Ich erinnere sie daran, dass sie selbst auch nicht hier wären, wenn ihre Eltern nicht irgendwann mal Sex gehabt hätten, dass literally keiner von uns hier wäre ohne Sex. Und frage sie, warum es eigentlich so viele Kochblogs gibt aber nur so wenige Sexblogs. Interessant ist doch eher, dass Leute das komisch finden, wo es doch eigentlich so was unglaublich Normales, Alltägliches sein könnte.

„Acht setzten die Pille ab, nachdem ich über meine Erfahrungen damit geschrieben hatte“

Manche Hater machen dich für Erektionsstörungen verantwortlich. Das sind aber vermutlich nicht die einzigen Reaktionen von Leserinnen und Lesern?

Nein, das sind zum Glück Ausnahmen. Am Ende kommt es darauf an, wo ich veröffentliche. Wenn ein Text auf meinem Blog erscheint, kann ich sichergehen, dass 98 Prozent der Zuschriften total süß sein werden. Menschen schreiben mir, ich hätte ihr Leben verändert. Eine Leserin wurde davon inspiriert und studiert jetzt Psychologie und forscht zu Geschlechterdiskriminierung. Acht setzten die Pille ab, nachdem ich einen Text über meine eigene Erfahrung damit veröffentlicht hatte.

Ich merke, dass ich Einfluss auf die Menschen habe, und das hat mich auch darin bestärkt, das Buch so zu schreiben, wie ich es geschrieben habe. Man kann sich in meinen sexuellen oder Beziehungs-Erfahrungen wiederfinden und fühlt sich dadurch weniger allein. Trotzdem: Den Ratschlag „Scheiß auf Hate-Kommentare!“ geben nur Menschen, die selbst nicht in dieser Position sind. Ich glaube niemandem, der behauptet, ihn würde das komplett kalt lassen.

Du schreibst, unsere Gesellschaft mache es Frauen schwer, sich genau richtig zu fühlen: „Immer sind wir irgendwie ‚zu‘ oder ‚nicht genug‘“. Hast du es geschafft, dich wenigstens „okay“ zu fühlen?

Ich bin auf jeden Fall schon weiter als vor ein paar Jahren, aber ich kann immer noch nicht sagen, dass alles voll geil wäre. Denn ganz egal, wie fein ich mit mir selber bin, die Welt ist nach wie vor voll mit Botschaften, die uns allen sagen, dass wir nicht zufrieden mit uns selbst sein sollen. Die einen finden, wir sollten dünner oder jünger sein, die anderen fordern, wir müssten uns nur genug selbst lieben. Aber ich übe mich in Akzeptanz. Ich verlange von mir selbst nicht mehr, dass ich immer und alle Zeit glücklich sein muss, das ist ja auch nur ein weiterer unrealistischer Anspruch.

Beim Reisen habe ich gelernt, dass ich vieles nicht kontrollieren kann. Darin werde ich immer besser: Sachen einfach zur Seite zu schieben, an denen ich nichts ändern kann. Und frage mich öfter mal: „What would a mediocre white man do?“ Ich sehe so viele Typen, die bestenfalls mittelmäßig sind in dem, was sie so tun, aber sich fühlen als wären sie die Allergeilsten. Das sollten wir Frauen einfach auch mal nachmachen.

„Ernsthaft, ist es schon mutig Kleidergröße 42 zu haben?“

Gerade mit ihren Körpern sind Frauen oft unzufrieden. Was ist da los?

Das Patriarchat fickt mit seinen Schönheitsidealen unsere Körper — und wir können nichts dagegen machen, außer den Schwachsinn, der uns von allen Seiten eingeredet wird, nicht zu glauben. Ich kenne kaum jemanden, der keinen latenten Körperhass hätte, der nicht nicht irgendwas an sich verändern wollte. Ich bin zum Beispiel nicht besonders dünn. Und die Reaktion darauf ist oft: „Wow, bist du mutig!“ Ernsthaft, ist es schon „mutig“, Kleidergröße 42 zu haben und sich trotzdem noch auf die Straße zu trauen?

Das ist das, was Frauenzeitschriften einem vermitteln: „Du musst dich nur ein kleines bisschen anstrengen, dann kannst auch du das schaffen!“ Aber das stimmt in den meisten Fällen einfach nicht. Immer, wenn sich in meinem Umfeld jemand operieren lässt, frage ich mich: Muss ich das jetzt auch machen? Das finde ich extrem beängstigend.

Klingt nach einem Spiel, das man nicht gewinnen kann.

Absolut. Man kann es nur falsch machen: Entweder man unterwirft sich dem Druck und fühlt sich, als hätte man aufgegeben. Oder man hält dagegen und hat die ganze Zeit eine Stimme im Kopf, die flüstert: „Da geht doch noch was!“

Was ist das heute, eine freie Frau?“, fragt der Klappentext. Hast du eine Antwort gefunden?

Eine freie Frau ist angepisst. Weil sie deutlicher sieht als andere, wo sie eingeschränkt wird. Wenn mir Freundinnen erzählen, wo sie überall als Mutter diskriminiert werden oder wenn ich sehe, wie viel Beziehungsarbeit von Frauen geleistet werden muss, schmerzt mich das sehr. Und wenn du dich weigerst, da mitzumachen, eckst du an. Das ist anstrengend, und man fällt damit aus der Rolle, wenn man andere Leute ständig darauf hinweist. Freiheit bedeutet oft erstmal, sich aus gesellschaftlichen Erwartungshaltungen rauszuwinden — und dabei zu versuchen, nicht auszurasten.

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