Männer, habt ihr Angst, traurige Midlife-Crisis-Dudes zu werden?

Oder haltet ihr den Wendler eigentlich für ein top Vorbild?
Von Charlotte Haunhorst und Niko Kappel
querfragen midlifecrisis dude cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Männer,

ich erzähle es ja immer wieder gerne: Ich habe eine große Schwäche für die Bunte. Da deren Zielgruppe primär Menschen in Wartezimmern sind und ihr coronabedingt vielleicht länger nicht mehr bei der Ärztin oder beim Friseur wart: In den vergangenen Wochen ging es dort oft um den Schlagersänger „Der Wendler“ (48) und seine „junge Ehefrau“ Laura Müller, die tatsächlich erst 19 ist. Wenn ich solche Storys lese, streiten sich immer zwei Gefühle in mir: Zum einen kann ich verstehen, dass man es als mittelalter Mann, sagen wir, „interessant“ findet, eine junge Freundin zu haben. Jemanden, der alles, was man bereits erreicht hat, vermutlich total bewundernswert und krass findet. Und meist spielt das ziemlich gute Aussehen der neuen Freundinnen sicher auch eine Rolle.

Zum anderen finde ich diese Geschichten von Männern mit ihren jungen Freundinnen aber auch tragisch, weil da dramatisch formuliert doch immer die Angst vor dem eigenen Tod mitschwingt. In den meisten Fällen wurde die gleichaltrige Partnerin zuvor verlassen und für ein jüngeres Modell eingetauscht, mit dem man sich dann nochmal 20 Jahre länger reproduzieren kann, um dann im schlimmsten Fall wie Bernie Ecclestone mit 89 nochmal Vater zu werden. Dazu kaufen sich diese Männer dann noch mit Mitte 40 ein Motorrad und eine Haartransplantation. In Würde altern sieht für mich irgendwie anders aus.

Ist der Wendler für euch ein Vorbild?

Nun soll es heute aber gar nicht um meine Haltung zu Laura und dem Wendler gehen, auch wenn die euch sicher brennend interessiert. Stattdessen will ich wissen: Was machen diese Geschichten von Midlife-Crisis-Dudes mit euch, wenn ihr eben noch keine mittelalten Männer seid? Denn auch, wenn die meisten von euch jetzt gerade vermutlich in Beziehungen mit gleichaltrigen Frauen sind – habt ihr da perspektivisch Angst vor? Denkt ihr oft an die vielen Männer in eurer oder anderen Familien, die mit Anfang 40 auf einmal alles hinschmeißen mussten, um mit einer jüngeren Frau zusammen zu sein? Wie fühlt ihr euch da? Denkt ihr „Peinlich, sowas wird mir nie passieren“? Oder ist da vielleicht doch eine leise Stimme, die flüstert: „Das haben die in deinem Alter bestimmt alle gedacht“?

Vielleicht schätzen wir das aber auch alles völlig falsch ein und ihr findet, der Wendler sei ein ganz fantastisches Vorbild, was Altersvorsorge angeht? Erzählt doch mal!

Eure Frauen

P.s.: Klar wissen wir, dass es auch Frauen gibt, die für einen jüngeren Mann alles hinschmeißen. Aber come on – wie oft steht darüber schon was in der Bunten?

Die Antwort:

Liebe Frauen,

natürlich ist die viel jüngere Frau das, was uns beim Thema Midlife-Crisis sofort präsent ist. Dazu kann ich sagen, dass ich das genauso tragisch finde wie ihr. Bei älteren Männern mit jüngeren Frauen schwingt oft etwas mit, was ich extrem belastend finde. Nämlich, dass der alte Mann zufälligerweise viel mehr Geld hat als die junge Frau. Aber wer bin ich, um über „den Wendler“ und „die Laura“ zu urteilen? Vielleicht lieben sie sich wirklich, vielleicht sind sie nur für die Promo zusammen. Trotzdem: Dieses Macht-Geld-Gefälle klingt für eine Beziehung ziemlich toxisch. Aber ich habe schon diese Stimme im Kopf, von der ihr sprecht: „Das haben die in diesem Alter sicher auch gedacht.“ Vielleicht fand der Wendler ja Paare mit großem Altersunterschied früher auch panne. Und es gibt es ja auch noch andere Midlife-Crisis-Moves – und vor denen habe ich Angst.

Zum Beispiel die Angst, mit einer Glatze nicht zurecht zukommen. Haarmäßig ist bei mir noch alles in Ordnung, aber ich sehe es genau vor mir. Irgendwann mit Mitte vierzig hilft auch das sauteure Anti-Haarausfall-Shampoo nichts mehr und die Geheimratsecken rücken immer weiter Richtung Schädelmitte. Ich werde dann panisch versuchen herauszufinden, wer Jürgen Klopps Haare so geil hingekriegt hat und mich in den nächsten Flieger nach Istanbul zur Haartransplantation setzen. Nicht, dass Haartransplantation an sich schlimm wäre. Aber irgendwie finde ich es aus heutiger Perspektive absurd, sich einen natürlichen Prozess wie den Haarverlust künstlich wegpflanzen zu lassen. Auf der anderen Seite: Ich bin halt gar kein Mützentyp und eine Glatze sieht bei mir bestimmt ziemlich scheiße aus. Deshalb: Wer weiß?

Dass es im Alter uninteressant wird, wer dich peinlich findet, klingt ziemlich gut

 

Eine andere Gefahr, die ich bei mir sehe, ist die des Midlife-Crisis-bedingten Motorradkaufes. Bis jetzt sind Motorräder bei mir kein Thema. Aber mit Mitte 40? Den Motorrad-Führerschein nachmachen. Nochmal was wagen. Nochmal alles riskieren. Und dann: Vielleicht eine Harley Davidson? Den Soundtrack von „Easy Rider“ ballern und zu „Born To be Wild“ von Steppenwolf auf den Airpods mit wehenden, fransigen Lederklamotten durch die Gegend fahren. Oder nochmal was völlig Verrücktes machen? Nochmal allen da draußen zeigen, was für ein krasser Typ man ist und sich wie Till Lindemann von Rammstein mit über 50 noch ein Piercing durch die Nasenscheidewand rammen lassen? Damit würde ich wirklich allen beweisen, wie young, wild and free ich noch bin.

Aus heutiger Perspektive macht es mir Angst, dass ich vielleicht irgendwann solche Dinge tun könnte, um mich wieder jünger zu fühlen. Weil es mir heute eben peinlich vorkommt, wenn ältere Männer sich nicht ihres Alters entsprechend verhalten. Aber vielleicht ist es auch zu kurz gedacht, den Midlife-Crisis-Dude so zu verachten. Es kann mir doch eigentlich egal sein, ob sich ein 50-Jähriger nochmal jung fühlen will. Soll er sich doch ein neues Piercing stechen oder sich Haare vom Popo auf den Kopf transplantieren lassen. 

Anscheinend ist es ja so: Je älter man wird, desto egaler wird es einem, ob andere einen gerade peinlich finden oder nicht. Wenn ich mich mit meinem zehn Jahre jüngeren, 14-jährigen Ich vergleiche, dann trifft das zumindest zu. Dass Jürgen Klopp so offen über seine Haartransplantation gesprochen hat, war mutig und deswegen cool. Und dessen Frau ist übrigens vier Jahre älter als er selbst.

Deshalb, keep rolling und rock on, ihr Verrückten. Stellt euch jetzt bitte vor, wie ich einen Rock ‘n’ Roll Gruß in eure Richtung mache. Yeah!

Es winken euch auf der Harley Davidson von der Route 66,

Eure Männer

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