Männer, nervt es euch, dass ihr immer die Waschmaschine tragen müsst?

Männer tragen beim Umzug fast immer die richtig schweren Sachen.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Männer, 

eine Bekannte hat mir neulich erzählt, dass sie bald umzieht – und ihr direkt geraten wurde, sich ein paar starke Männer als Umzugshelfer zu organisieren. Irgendjemand muss eben die Waschmaschine und andere schwere Gegenstände die Treppen runter und wieder rauf schleppen. Und diese Arbeit bleibt oft an Männern hängen. Dabei gilt es ja (in der Theorie) oft als ein Klischee, dass Männer das stärkere Geschlecht sind und mehr Kraft als Frauen haben. In der Praxis sieht es aber eben doch manchmal anders aus.

So auch, als ich mit einer Freundin neue Möbel für ihr Zimmer gekauft habe: Wir hatten absolut kein Problem damit, die Sachen vom Einkaufswagen direkt in den Kofferraum zu heben. Doch als es darum ging, die schweren und unhandlichen Kartons in den dritten Stock zu tragen, baten wir ihren Bruder um Hilfe. Etwas murrend schleppte er die Pakete nach oben. Vielleicht hätten wir das auch zu zweit hinbekommen, aber so war es irgendwie einfacher und schneller. Und wie oft haben wir in der Schule gehört: „Es braucht ein paar starke Jungs, die die Tische tragen“?  

Behauptet ihr manchmal einfach, ihr hättet Rückenschmerzen?

Ich sehe da einen Widerspruch. Es wird so oft davon gesprochen, dass Geschlechterklischees abgeschafft werden müssen und eben auch Frauen stark sind. Gleichzeitig wird von euch Männern irgendwie automatisch erwartet, dass ihr unsere Waschmaschinen und Holzschränke in den fünften Stock schleppt. Dass Männer aufgrund des höheren Testosteronspiegels in ihrem Körper durchschnittlich mehr Muskelmasse haben, ist jetzt auch nicht der beste Grund – aber leider der einzige, der mir einfällt.

Nervt es euch nicht, dass oft wie selbstverständlich angenommen wird, dass ihr die schweren Sachen beim Umzug tragt? Wie geht ihr mit diesem Klischee um? Und wie sind eigentlich die Reaktionen, wenn ihr dann doch mal keine Lust zum Schleppen habt? Sagt ihr das dann ganz offen und ehrlich – oder behauptet ihr einfach, ihr hättet Rückenschmerzen? 

Erzählt doch mal,

Eure Frauen

PS: Für die Männer, die keine Lust auf Rückenschmerzen haben und die Frauen, die das irgendwie alleine getragen bekommen wollen: Manchmal hilft eine Sackkarre, solange man damit keine alten Treppen und Böden beschädigt. Und man eine zweite Person an der Seite hat, die aufpasst, dass die Waschmaschine nicht runterfällt. 

Die Antwort:

Liebe Frauen, 

ich hasse es, Waschmaschinen zu tragen. Wirklich. Zutiefst. Ich glaube, es gibt nichts Nervigeres, als diese unhandlichen 100-Kilo-Dinger in den fünften Stock einer Altbauwohnung zu tragen, ständig die Angst im Nacken, dass die Waschmaschine aus den Händen rutscht, die Treppe herabfällt und jemanden erschlägt. Bauernschränke, Massivholz-Kommoden und Bücherkisten sind auch sehr nervig, aber nichts kommt ansatzweise in die Nähe einer Waschmaschine. 

Aber finde ich es ungerecht, dass bei Umzügen eher ich gebeten werde, die schweren Kisten zu nehmen, als meine Freundin? Nö. Es ist ja wirklich kein Geschlechterklischee, dass Männer durchschnittlich stärker sind als Frauen. Das ist ein wissenschaftlicher Fakt. Bei Männern sind ungefähr 45 Prozent des Körpergewichts Muskeln, bei Frauen sind es circa 30 Prozent. Männer sind durchschnittlich größer und schwerer. Zusätzlich gibt es auch eine gesellschaftliche Erwartungshaltung an Männer, dass sie stark zu sein haben, was diese ohnehin schon natürlich vorhandenen Unterschiede noch einmal verstärkt. 

Da ich wirklich helfen will, mache ich eben das, womit ich am meisten helfen kann: schwere Sachen tragen

Klar gibt es auch sehr starke Frauen, auch viele Frauen, die deutlich stärker sind als ich. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch diese Frauen regelmäßig gefragt werden, ob sie bei Umzügen helfen können. Genauso werden sehr schmächtige und schwache Männer nicht die erste Wahl sein, wenn es um’s Tragen der Waschmaschine geht. 

Aber wenn ich Freund*innen beim Umzug helfe, dann bin ich für gewöhnlich einer der drei, vier stärksten Menschen, die anwesend sind. Und da ich ja wirklich helfen will, mache ich eben das, womit ich am meisten helfen kann: schwere Sachen tragen. Das war auch schon so, als ich mit 15 Jahren stärker war als meine Mutter – und dann eben ich es war, der die Autoreifen zum Kofferraum getragen hat, wenn sie gewechselt werden mussten. Das hat für mich wenig mit Ungerechtigkeit zu tun, sondern im Gegenteil mit einer solidarischen Gesellschaft, in der aufeinander Rücksicht genommen wird, in der  Unterschiede akzeptiert werden und jeder den anderen unterstützt, in dem, worin er oder sie am besten ist.

Rückenschmerzen vorzugaukeln, ist tatsächlich das einzig effektive Mittel

Aber klar, manchmal nervt es schon ordentlich, bei einem Umzug helfen zu müssen. Gerade, wenn man zufällig in einer Phase ist, in der gefühlt alle zwei Wochen ein anderer Mensch Hilfe beim Kistenschleppen braucht. Aber so ist das Leben eben. Um gute Freund*innen zu sein, müssen wir eben ab und an eine Waschmaschine hochheben oder dem Geheule zuhören, wenn beste Freund*innen zum 50. Mal dem gleichen toxischen Menschen eine Chance geben.

Wenn es tatsächlich mal zuviel ist, gibt es beim Umzug unterschiedliche Strategien, um zumindest der Waschmaschine zu entkommen. Man kann anhand der noch unten stehenden Kisten und Möbel abschätzen, wann ungefähr die Waschmaschine dran sein wird und eine gut getimte Trinkpause in der Wohnung einlegen. Oder wirklich ehrlich sagen, dass man gerade keinen Bock hat. Leider führen diese Strategien nur selten zum Erfolg. Rückenschmerzen vorzugaukeln, ist tatsächlich das einzig effektive Mittel.

Aber, so cheesy es klingt, selbst an den Tagen, an denen man gar keinen Bock hat, tritt nach der ganzen Schlepperei – und wenn nach zehn Minuten voller Flüche, Schweiß und Nahtoderfahrungen, wenn die Waschmaschine aus der Hand zu rutschen droht, das verdammte Teil endlich oben steht – das mein Unwille und das Genervt-sein eigentlich immer in den Hintergrund. Denn je mehr man trägt, desto größer ist auch die Dankbarkeit und Wertschätzung – und der Anteil an der bestellten Pizza.

Schleppende Grüße

Eure Männer

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