Wie verhält man sich als Mann rücksichtsvoll im Beruf?

Sollten Männer zugunsten der Gleichberechtigung auf Stellen und Nominierungen verzichten?
Von Niko Kappel
pro feminismus job

Unser Autor fragt sich, ob mehr Männer auf Stellen verzichten sollten, um dadurch Frauen den notwendigen Raum zu bieten.

Illustration: FDE

Im September 2020 ging eine Nachricht durch die Medien, die mich nachdenklich machte. Der CDU-Stadtrat Jesse Jeng aus Hannover verzichtete freiwillig auf seine Kandidatur für einen der vier Wahlkreise von Hannover für die kommende Bundestagswahl – weil keine einzige Frau auf der CDU-Liste stand. Jesse Jeng ist 32 Jahre alt, eigentlich bestes Nachwuchspolitiker-Alter. 

Es ist schwierig zu sagen, ob er bei der Bundestagswahl wirklich eine Chance gehabt hätte. Manche witterten hinter dem Verzicht vielleicht eine PR-Aktion. Ich fand den Verzicht trotzdem ziemlich nobel und profeministisch. Ich habe mich dann aber auch gefragt: Könnte ich genauso handeln? Ich bin Mitte 20 und arbeite als Journalist. Die Jobs sind knapp. Könnte ich zugunsten von Geschlechtergerechtigkeit auf einen Job verzichten?

Männer, die verzichten, gibt es nicht nur in der Politik

Ich rufe Kristina Lunz an, Mitbegründerin des Centre for Feminist Foreign Policy, Feministin und auf der „30 under 30“-Liste des Forbes Magazins. Braucht es mehr Männer wie Jeng, um Frauen in Führungspositionen zu heben? „Ja, braucht es”, sagt Kristina Lunz. „Jesse Jeng scheint mehr Verständnis für systematische Unterdrückung zu haben als der Durchschnitts-CDUler“, sagt sie. „Männer waren Jahrhunderte lang überrepräsentiert. Deshalb sollten manche von ihnen jetzt Macht abgeben.“ Männer, die verzichten, damit Frauen präsenter sein können: Das gibt es nicht nur in der Politik. 

Für den deutschen Comedypreis 2020 wurde eine neue Kategorie eingeführt: „Bester Comedy-Podcast“. Die Nominierten waren „Baywatch Berlin“, „Fest & Flauschig“ und „Gemischtes Hack“. Alles Podcasts, in denen sich Männer mit Männern unterhalten. Die beschwerten sich über die Ungleichheit der Jury, „Baywatch Berlin“ trat sogar von seiner Nominierung zurück. Der Comedypreis führte daraufhin zwei neue Kategorien ein: „Beste Comedy-Podcasterin“ und „Bester Comedy-Podcaster“. 

Die Geschichte mit dem Comedypreis zeigt, dass es den Männern nicht einmal weh tun muss, auf Nominierungen zu verzichten. Sie konnten am Ende immer noch einen Preis gewinnen. Kristina Lunz sagt, dass sie deshalb die Diskussion um eine PR-Aktion von Jesse Jeng müßig findet. „Der Vorwurf, dass man sich über so einen Verzicht profilieren will, ist meiner Meinung nach nur ein Versuch, Frauen weiter kleinzuhalten“, sagt sie. 

Also ist Profeminismus immer gut, auch wenn er zur Selbstprofilierung dient? „Nein, das nicht“, sagt Kristina. „Wenn eine privilegierte Person zugunsten einer nicht-privilegierten Person auf ihr Jobangebot verzichtet, dann ist das ein Dienst an der Gesellschaft, für den man keine Dankbarkeit erwarten darf.“ Kristina vergleicht das mit dem Phänomen des greenwashing in der Klimakrise. „Wir brauchen keine grünen Wochen von Shell, während die weiter die Umwelt zerstören. Genauso wenig brauchen wir Männer, die sich dafür feiern, dass sie einmal in ihrem Leben profeministisch gehandelt haben.“

Ich frage Kristina, ob sie Tipps für mich hat, wie ich mich selbst profeministisch im Job verhalten kann. Sollte ich als Mann zum Beispiel auf eine Stelle in einer Redaktion verzichten, in der Frauen unterrepräsentiert sind? „Wenn es die Gesellschaft gerechter macht, ist es immer eine Überlegung wert, zu verzichten. Es hilft aber auch, einfach darüber zu sprechen. Du könntest zum Beispiel deine Chefin oder deinen Chef fragen: ‚Habt ihr das Gefühl, dass mein Rückzug dazu führen würde, dass Zugänge fairer verteilt werden?“ 

„Männer verzichten nicht so oft, wie ich das mir wünsche“

Ich rufe meine ehemalige Chefin an, Charlotte Haunhorst, die frühere Redaktionsleiterin von jetzt. „Wenn wir über Journalismus sprechen, dann habe ich noch nie erlebt, dass ein Mann freiwillig ein Thema oder einen Job zu Gunsten einer Frau aufgibt“, sagt sie. Man muss dazu sagen, dass bei jetzt neun Frauen und fünf Männer arbeiten. Männliche Rücksicht ist im Bezug auf Stellenbesetzung nicht so oft gefordert, wie das sonst gesamtgesellschaftlich der Fall ist. Und trotzdem sagt Charlotte: „Männer verzichten nicht so oft, wie ich das mir wünsche.“ Nur einmal sei das in ihrer Karriere der Fall gewesen.

Charlotte erzählt, dass sie nachträglich zu einem Panel eingeladen wurde, weil Beschwerden kamen, dass dort zu viele männliche Experten sprechen würden. So eine Korrektur sei mutig und wichtig, sagt sie. Gleichzeitig frage man sich da als Frau, ob man nicht nur für eine Quote da sei – und wenn ja, ob das schlecht oder egal sei. „Ich habe nachgefragt. Dann sagen natürlich alle: ‚Auf gar keinen Fall. Sie sind eingeladen, weil sie so qualifiziert sind.’“

Meine frühere Chefin fragt mich: „Sagen wir, es wird eine Korrespondentenstelle in Berlin frei. Du willst die. Und du bist qualifiziert. Da sind aber gerade 15 Männer und zwei Frauen. Was machst du? Würdest du freiwillig einer Kollegin den Job abgeben?“ Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich glaube, ich könnte das nicht. Wenn man mir sagen würde, dass ich den Job nicht bekomme, weil sie eine gleich qualifizierte Frau für ein besseres Geschlechterverhältnis einstellen wollen, dann hätte ich damit kein Problem. Aber von selbst darauf verzichten? Schwierig. 

Charlotte sagt, dass sie es auch als Chefin schwierig findet, das von einem männlichen Kollegen zu erwarten. Auch sagt sie, genau wie Kristina: „Wir müssen in Einzelfällen mehr darüber sprechen, wie gerecht es ist, dass diese oder jene Position jetzt den Job bekommt.“

Männlicher Verzicht zahlt sich aus, das zeigt das Beispiel vom Comedypreis oder von Jesse Jeng. Als Mann finde ich sowas bemerkenswert: Männer müssen darüber nachdenken, ob sie einen Job wollen, in dem nur Männer arbeiten. Kristina meint, dass Menschen oft Gleichberechtigung und Gerechtigkeit verwechseln würden. „Gleichberechtigung heißt, ab jetzt bekommen wir alle dasselbe. Gerechtigkeit heißt, dass wir die historische Marginalisierung mit einbeziehen und Themen auch rückwärts blickend gerechter machen.“ Gleichberechtigung hieße demnach also, dass wir jetzt auf Stopp drücken und alle Menschen gleich behandelt und bezahlt werden. Gerechtigkeit hieße aber, dass jetzt eine Zeit beginnt, in der Frauen überrepräsentiert sind. Und Kristina weiß auch, was sie präferieren würde: „Als Feministin bin ich ein Fan von der Gerechtigkeits-Perspektive.“

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