Wieso sind auch Frauen manchmal frauenfeindlich?

Damit beschäftigt sich das Prinzip der „Lateral Violence“. Eine Expertin erklärt, welche Ursachen das Verhalten hat – und was man dagegen tun kann.
Interview von Lena Mändlen
lateral violence

Bettina Kleiner forscht an der Goethe Universität Frankfurt auf dem Gebiet der Gender Studies.

Foto: Kathleen Wohlrath

Ob Bodyshaming, Slutshaming oder der Verurteilung von Frauen, die ihre Karriere der Familiengründung vorziehen: Auch Frauen äußern sich abwertend über andere Frauen. Das wohl prominenteste Beispiel dafür ist der Satz: „Ich hänge lieber mit Männern ab, Frauen sind mir zu anstrengend.“ Klingt erstmal nicht sonderlich schlimm, ist bei näherer Betrachtung jedoch ziemlich frauenfeindlich – schließlich liegt der Aussage die Vorstellung zugrunde, dass Frauen von Grund auf das „nervige“ Geschlecht seien.

Hinzu kommt, dass auch Frauen strukturelle Ungleichverhältnisse relativieren, indem sie Sätze wie „Frauen, die mit Sexismus nicht umgehen können, sind nicht schlagfertig genug“ oder „Frauen, die sich in einer Männer-Domäne nicht durchsetzen können, sind nicht selbstbewusst genug“ sagen. Woher kommt es, dass auch Frauen Sexismus reproduzieren und der eigenen Gleichstellung somit – wenn auch unbewusst – im Weg stehen?

Eine Antwort darauf findet sich in dem Begriff „Lateral Violence“. Das Phänomen beschreibt, dass sich auf gesamtgesellschaftlicher Ebene benachteiligte Menschen als Reaktion auf ihre Unterdrückung gegeneinander wenden. Bettina Kleiner forscht an der Goethe Universität Frankfurt auf dem Gebiet der Gender Studies und erklärt aus sozialpsychologischer Perspektive, wie sich Lateral Violence genau äußert, welche Ursachen dieses Verhalten hat – und wie sich dem entgegenwirken lässt.

jetzt: Was beschreibt der Begriff Lateral Violence?

Bettina Kleiner: Lateral Violence beschreibt, dass Menschen, die selbst gesellschaftlich diskriminiert sind, unterdrückende Denkschemata und Praktiken annehmen und diese reproduzieren – beispielsweise Rassismus, Sexismus und Homophobie. Das kann erstens zur Selbstabwertung und Scham und zweitens – damit verbunden – zur Abwertung anderer Personen führen, die in einer ähnlichen Weise gesellschaftlich benachteiligt sind. Diese Einverleibung diskriminierender Vorstellungen und Muster findet meist unbewusst statt.

„Im Grunde geht es hierbei um eine Selbstaufwertung durch die Abwertung anderer“

Wie kann das konkret aussehen?

Beispielsweise können Frauen Sexismus reproduzieren, indem sie andere Frauen abwerten – weil sie angeblich zu laut, zu mächtig oder zu sexuell aktiv sind, weil sie Karriere machen oder weil sie körperlich zu viel Raum einnehmen, indem sie breitbeinig sitzen. Oder schwule Männer können Homophobie reproduzieren, etwa durch Abwertungen, die sich gegen die Inszenierung von Weiblichkeit durch Männer richten.

Ob bewusst oder unbewusst: Was möchten Menschen mit diesem Verhalten bewirken?

Benachteiligte Menschen können sich vermeintlich Vorteile verschaffen, wenn sie sich an gesellschaftliche Verhältnisse und Normalitätsvorstellungen anpassen – im Grunde geht es hierbei um eine Selbstaufwertung durch die Abwertung anderer Personen. Ein Beispiel hierfür sind Frauen, die in männlich dominierten Bereichen arbeiten und andere Frauen vor männlichen Kollegen abwerten. Durch dieses Verhalten können sie zum einen die Solidarität der männlichen Kollegen ernten, zum anderen können sie sich dadurch von anderen Frauen abgrenzen und sich selbst als besser darstellen. Doch auch, wenn man sich durch dieses Verhalten eine Form von Vorteil verschaffen kann: Man wirkt an der eigenen Unterdrückung mit.

Gibt es weitere Ursachen für Lateral Violence?

Der Begriff Lateral Violence geht ursprünglich auf Konzepte der postkolonialen Theorie zurück. Hierbei wurde beschrieben, dass sich Gewalt von Kolonisatoren gegen kolonisierte Menschen auch so auswirken kann, dass Kolonisierte die unterdrückenden Mechanismen der Kolonisatoren übernehmen und sie gegen andere Kolonisierte anwenden – zum Beispiel in Form von körperlicher Gewalt oder von Praktiken der Beschämung. Die Ursache dafür liegt in den Unterdrückungsverhältnissen, in diesem Fall Kolonisierung und Rassismus. So auch in Bezug auf Frauen: Die Ursachen für Lateral Violence liegen zum einen in materiellen Verhältnissen und gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen. Zum Beispiel, dass Frauen in heterosexuellen Beziehungen dafür zuständig sind, sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Zum anderen sorgt Sexismus dafür, dass alles, was weiblich assoziiert wird, als minderwertig gilt und dass die Arbeit von Frauen oft unsichtbar gemacht wird. Lateral Violence ist also immer ein Effekt von gesellschaftlichen Macht- und Ungleichverhältnissen – dieses Verhältnis von Ursache und Wirkung wird in der Öffentlichkeit jedoch oft verzerrt.

Inwiefern?

Ein gutes Beispiel sind die Schlägereien in Unterkünften für geflüchtete Menschen. Während die Schlägereien – also Lateral Violence im Zusammenhang mit globalen Ungleichverhältnissen – in der Presse skandalisiert wurden, sind die Ursachen, also die menschenunwürdigen Zustände in den Unterkünften und die deutsche Asylpolitik, in den Hintergrund gerückt. Stattdessen wurden die Geflüchteten mit kolonialen Bildern in Verbindung gebracht. Es gibt einen Fokus auf die Effekte, aber die eigentlichen gesellschaftlichen Ursachen werden nicht thematisiert.

„Die Idee, dass Frauen per se eine Gruppe sind, ist falsch“

In Bezug auf Frauen passiert das beispielsweise, indem erfolgreiche Frauen in der Musikbranche automatisch in Konkurrenz zueinander positioniert werden – der dadurch tatsächlich entstehende Konkurrenzkampf wird medial als klischeehafter „Zickenkrieg“ thematisiert, jedoch nicht die Tatsache, dass sie gesellschaftlich in erster Linie in diese Position gebracht werden, da es in der Musikbranche weniger Raum für Frauen als für Männer gibt.

Genau, das ist eine ähnliche Dynamik. In Bezug auf Frauen würde ich jedoch immer eine intersektionale Vielfalt sehen: Die Idee, dass Frauen per se eine Gruppe sind, ist falsch. Schwarze Frauen haben manchmal mehr mit Schwarzen Männern gemeinsam als mit Weißen Frauen, und Ausgrenzungsmechanismen können sich unterscheiden – je nachdem, ob sie sich auf Sexismus, Homophobie, Rassismus oder auf alle Systeme gleichzeitig beziehen. Es gibt Mechanismen und bestimmte Formen des Shamings, die besonders bei weißen heterosexuellen Frauen greifen, während gegenüber LGBTQI*-Frauen oder Schwarzen Frauen andere Stereotype und Praktiken des Abwertens prominent sind. Trans Frauen wurden und werden beispielsweise von cis Frauen mit dem diskriminierenden Argument ausgegrenzt, dass sie keine „wirklichen Frauen“ seien, während gegen Schwarze Frauen auch rassistische Formen der Abwertung gebraucht werden.

Als Alternative für „Lateral Violence“ stößt man auch auf den Begriff „Lateral Oppression“. Finden Sie, dass der Begriff „Unterdrückung“ in dem Fall passend ist? Kann man sich quasi selbst unterdrücken?

Unterdrückung ist ein starker Begriff, da sich dafür schon eine Hierarchie manifestiert haben muss. Sobald es jedoch eine Art gesellschaftlich legitimierter Hierarchie gibt, die es ermöglicht, einzelne Menschen abzuwerten und auszugrenzen, gibt es auch eine Unterdrückungsmöglichkeit – also kann auch Lateral Violence eine Form von Unterdrückung darstellen.

Wie kann man Lateral Violence am besten entgegenwirken – sowohl auf individueller Ebene, beispielsweise im Gespräch, als auch auf gesamtgesellschaftlicher?

Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene muss man natürlich den Verhältnissen entgegenwirken – beispielsweise der vergeschlechtlichten Arbeitsteilung, der Norm, dass es nur zwei natürliche Geschlechter gibt, und der Vorstellung davon, wie diese auszusehen haben. Lateral Violence auf individueller Ebene zu thematisieren, kann jedoch schwierig sein.

Wieso?

Zu realisieren, dass man unterdrückende Muster wiederholt und dadurch an der eigenen Unterdrückung mitarbeitet, ist schmerzhaft – auch, wenn dieses Verhalten ein sehr menschlicher Zug zu sein scheint. Deswegen wehren Personen, die sich dessen nicht bewusst sind, das Gespräch oft erst einmal ab. Ich kann mir aber vorstellen, dass pädagogische Maßnahmen dazu beitragen könnten, abwertende Denkmuster und ihre Auswirkungen bewusstzumachen und deutlich zu machen, wie sie mit gesellschaftlichen Verhältnissen zusammenhängen. Es geht also sowohl um ein Verlernen als auch um ein Neu-Lernen, und das wenden Betroffene dann im Idealfall nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf andere an – wodurch Lateral Violence und Ungleichbehandlung entgegengewirkt werden kann.

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