Lesbische Frauen, welche Vorurteile nerven euch am meisten?

„Kampflesbe“, „Wichsvorlage für Männer“, „die probiert sich doch nur aus“ – welches Klischee könnt ihr nicht mehr hören?
Von Nora Pauelsen und Florine Pfleger

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Lesben,

letztens habe ich einem männlichen Bekannten erzählt, dass mich meine lesbischen Freundinnen besuchen. Er reagiert augenzwinkernd mit: „Oh, kann man da mal mitmachen?“ Ich war entsetzt. Es scheint wohl immer noch das Klischee zu geben, dass lesbische Frauen dazu dienen würden, Männer aufzugeilen. Nicht ohne Grund erzählen die meisten meiner männlichen Freunde, dass sie über einen Dreier mit zwei Frauen fantasieren, niemals aber über einen Dreier mit einem weiteren Typen. Außerdem erfreuen sich lesbische Pornos viel größerer Beliebtheit als schwule. Und das ist ja nicht das einzige Klischee, das es über euch gibt. Ich stelle mir das ziemlich nervig vor. 

Viele denken: Die braucht nur den richtigen Mann, um doch noch richtig glücklich zu werden

Ich habe auch schon erlebt, dass lesbische Sexualität nicht ernst genommen wird. Frauen seien ja sowieso touchier miteinander und wenn sie sich dann mal küssen, sei das nur Spielerei. Ich kann mich als heterosexuelle Frau mit anderen Frauen ausprobieren, ohne als lesbisch zu gelten. Leidet darunter die Ernsthaftigkeit eurer Sexualität? Wird euch manchmal unterstellt, dass ihr eigentlich ja schon einen Mann bräuchtet, um glücklich zu sein? Dass ihr gerade nur eine Phase mit Frauen habt, weil ihr mal von einem Mann enttäuscht wurdet? 

Und dann ist da noch ein besonders hartnäckiges Klischee: das der Kampflesbe, das so geht: Ihr habt alle kurze Haare, tragt weite Klamotten, nie hohe Schuhe und Make-up fasst ihr niemals an. Wie oft hört ihr sowas denn – oder habt ihr das Gefühl, dass solche Sachen eher hinter eurem Rücken erzählt werden? Und welche Klischees haben wir hier jetzt vergessen? Ich wette, da gibt es noch mehr. Vielleicht ja sogar noch ätzendere. 

Eure Hetero-Frauen 

Die Antwort:

Liebe Hetero-Frauen,

vor ein paar Wochen wollte ich etwas über lesbische Literatur recherchieren. Ich gab also entsprechende Suchbegriffe ein – und bekam als ersten Treffer: Amazon/Bücher/Erotik.

Ich war wütend, und wenn ich ganz ehrlich bin, kurz sogar überrascht. Über die Jahre ist meine Blase zur schönsten aller Blasen geworden, aufgeklärt, tolerant, bunt, Regenbögen und Zuckerwatte; und ab und zu lässt sie mich vollkommen vergessen, dass dieses sumpfig-düstere Außerhalb existiert. Dass es immer noch Männer gibt, die augenzwinkernd fragen, ob man da mitmachen könne. Dass es immer noch Männer gibt, die meinen, dass es nur mal einen ordentlichen XXL-Long-Dong brauche, um uns zur Vernunft zu reiten. Dass es Männer gibt, denen man erst mal beweisen muss, dass man lesbisch ist, wenn man Louboutins trägt. Dass es diese Männer gibt.

Manche Männer können es nicht ertragen, wenn sie nicht „mal mitmachen“ dürfen

Ich spreche nicht von Kollegen, die mal etwas ungeschickt nachfragen. Ihnen und all den Männern ihres Schlags unterstelle ich das, was ich auch euch unterstelle, liebe Hetero-Frauen: Interesse. Euch geht es um Wissen. Zwinkernden Long-Dong-Männern geht es um Sex und Macht.

Mich stört deshalb kein bestimmtes Klischee. Mich stören alle Klischees, die dieser ganz bestimmte Typ Mann von sich gibt. Der zu viel sumpfig-düsteres Patriarchat inhaliert hat und jetzt so ein Drücken auf der Brust spürt, wenn er irgendwo nicht dirigieren darf, nicht „mal mitmachen“ darf, vielleicht sogar, aufgepasst: nicht mal zugucken darf.

Klischees sollen ihn dann über seine Machtlosigkeit hinwegtäuschen. Er fantasiert uns gefügig. Wir werden zu seinem Pornoinhalt, zu seiner Dreierchance, zur Zukunftsoption, wenn die Phase rum ist, oder wenn wir endlich verstehen, dass wir Louboutins tragen, also offensichtlich hetero sind.

Wenn wir dann wirklich nicht wollen, werden wir auch mal als „Verschwendung“ bezeichnet

Und wenn das dann alles nicht so richtig hinhaut, wir weder Wichsmaterial noch Dreiermaterial sein wollen, wenn wir doch keine Hetero-Erleuchtung haben, wenn wir auch mit hohen Hacken und langen Haaren lesbisch bleiben, dann werden wir eben — und das habe ich erlebt — als „eine Verschwendung“ bezeichnet. Eine Verschwendung.

Also ja, liebe Hetero-Frauen, manche Klischees nerven ein bisschen, aber bestimmte – und auf die sollte man achten – sind widerlich und gefährlich. 

Wenigstens ein Lichtblick noch zum Schluss: Mein Algorithmus bei Google hat mittlerweile eingelenkt. Er zeigt mir echte lesbische Literatur.

Eure lesbischen Frauen

 

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