Nicht-binäre Menschen, wie wollt ihr genannt werden?

Und warum ist euch das richtige Pronomen so wichtig?
Von Sophie Aschenbrenner und René_ Hornstein

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe nicht-binäre Menschen,

unsere Gesellschaft war ziemlich lange in zwei Kategorien eingeteilt: männlich und weiblich. Das spiegelt sich auch in unserer Sprache wider – im Duden stehen die Pronomen „er“ für Männer und „sie“ für Frauen. Das Problem dabei: Das schließt all diejenigen aus, die sich eben nicht als Mann oder als Frau identifizieren, sondern jenseits von diesen beiden Geschlechtern. Wenn ich sagen möchte, dass ein nicht-binärer Mensch mir etwas erzählt hat, dann habe ich dafür keine offizielle Lösung. 

Im Englischen hat sich das Pronomen „they“ für Nicht-Binäre ziemlich konsequent durchgesetzt und auch Einzug in ein Wörterbuch gefunden. They steht dann nicht für mehrere Menschen, sondern für eine Person, die sich als nicht-binär identifiziert. 

Doch das ist für viele ungewohnt: Kürzlich schrieb eine Autorin im Guardian, die Verwendung von „they“ schüchtere sie ein. Denn wie viele andere Menschen fühlen sich komisch und unsicher dabei, plötzlich Pronomen in ihre Sätze einzubauen, die sie niemals zuvor verwendet haben. Bei manchen führt diese Verunsicherung zu einer Abwehrhaltung. Die Autorin schreibt aber ganz richtig: Die eigene Unsicherheit sollte uns einfach komplett egal sein, wenn das richtige Pronomen dafür sorgt, dass ihr euch respektiert fühlt. 

Deswegen: Wie wollt ihr genannt werden? Welche Pronomen wünscht ihr euch? Ist euch das englische „they“ lieb, oder wollt ihr lieber eine der vielen deutschen Alternativen, die man findet, wenn man googlet – xier, em, sel oder ay sind nur wenige Möglichkeiten. Gibt es auch nur ansatzweise Konsens innerhalb der Community? Oder entscheidet jede*r für sich selbst? Und: Wie sollen wir herausfinden, was die Person vorzieht? Einfach nachfragen? 

Helft uns bitte.

Eure binären Menschen 

Die Antwort:

Liebe binäre Menschen,

vielen Dank für diese super Frage! Eine Sache würde ich gern vorab sagen: Wenn ihr eine Person neu kennenlernt, nehmt besser nicht an, dass ihr wisst, wie sie genannt werden will. Ich rate insgesamt davon ab, nach dem Aussehen, dem Klang der Stimme oder anderen Merkmalen einer Person darauf zu schließen, welches Geschlecht oder gar welchen Pronomenwunsch sie hat. Fragt lieber danach, ob sie sich ein Pronomen wünscht und wenn ja, welches oder welche verschiedenen Pronomen. 

In manchen deutschsprachigen Regionen gibt es die Sprachgewohnheit, vor den Vornamen noch einen Artikel zu setzen, z.B. die Anne oder der Matthias. Wenn ich in solchen Regionen unterwegs bin, dann bin ich immer sehr angespannt, weil ich Angst davor habe, „der René_“ genannt zu werden. Eine Person mit einem anderen als dem von ihr gewünschten Geschlecht anzusprechen, wie in diesem letztgenannten Fall, wird auch als „misgendern“ bezeichnet. Das heißt so viel wie „das falsche Geschlecht zuschreiben“. Und das tut ziemlich weh.

Misgendern kann neben dem falschen Artikel auch über Adjektive und über Substantive passieren. „Die engagierte Referentin“ wäre für mich als Person mit nicht-binären Genderungswünschen eine Misgenderung. Bei mir wäre dann „die*der engagierte*r Referent*in“ oder „René_ referiert engagiert“.

 

Wenn Menschen sich viele Namen merken können, dann sollte das auch bei Pronomen möglich sein

Ich lebe jetzt seit ungefähr sieben Jahren mit nicht-binären Pronomen. Dabei habe ich viel Übung darin bekommen, mit Situationen umzugehen, in denen ich misgendert werde. Mein aktueller Pronomenwunsch ist das Pronomen „em“. Beispielsätze mit diesem Pronomen sind: „René_ Hornstein ist ein*e neue*r Kolumnist*in bei jetzt. Ems Artikel sind manchmal kontrovers, aber em gibt sich immer Mühe, die eigenen Worte gut abzuwägen.“ Das Wort „em“ hat meines Wissens nach keine Bedeutung. 

Ich habe es von einer anderen nicht-binären Person als Pronomenwunsch gehört und fand es so schön, dass ich es mir auch gewünscht habe. Es ist kurz und klingt gut in meinen Ohren. Mir ist es wichtig, den Menschen in meiner Umgebung ein nicht-binäres Pronomen anzubieten, damit sie nicht immer meinen Namen wiederholen müssen, wenn sie über mich sprechen. Denn das fanden viele mühsam. Außerdem finde ich es schön, dass es eine positive Bezeichnung für mich gibt und nicht einfach nur kein Pronomen. Damit fühle ich mich wahrnehmbarer und anwesender.

Doch nicht alle nicht-binären Menschen wollen mit dem Pronomen „em“ bezeichnet werden. Es gibt keine einheitliche Regel. „Es“ ist vermutlich das bekannteste geschlechtsneutrale Pronomen und ich kenne nicht-binäre Menschen, die sich wünschen, dass mit „es“ über sie gesprochen wird. Darüber hinaus gibt es sehr viele neu geschaffene Pronomen wie sie_er, xier, per, em oder hen (vgl. die Broschüre Mein Name Mein Pronomen). Diese sogenannten Neopronomen sind ein Versuch vieler einzelner Menschen der Community, etwas zu finden, das sich stimmig anfühlt. Ich kann mit dieser Vielfalt leben und finde sie nicht schlimm. Der Wunsch nach Vereinheitlichung ist für mich eher ein Zeichen für Abwehr oder  Überforderung. Wenn Menschen sich so viele Namen merken können, dann sollte das auch bei Pronomen möglich sein.

Wenn wir mit dem falschen Pronomen bezeichnet werden, ist das für uns  sehr schmerzhaft 

Viele Menschen fragen mich, ob es nicht ein einheitliches nicht-binäres Pronomen gibt, das würde alles viel einfacher machen. Doch es gibt keinen community-basierten, zentralen Sprachrat, der so etwas vorschlagen würde. Stattdessen haben wir diese Pronomenvielfalt, die auch andeutet, wie vielfältig geschlechtliche Identitäten sein können. Deswegen rate ich euch: Fragt nach, wie eine Person bezeichnet werden möchte.

Wenn wir mit dem falschen Pronomen bezeichnet werden, ist das für uns  sehr schmerzhaft und fühlt sich wie ein Gefängnis an, in das uns die Gesellschaft immer wieder einsperren will. Wenn wir mit unseren Wunschpronomen bezeichnet werden, dann wissen wir auch: Unsere Identität wird bestätigt. Werde ich misgendert, dann habe ich das Gefühl, dass meine Verletzlichkeit, meine Bedürfnisse und meine Grenzen egal sind, dass ich nichts wert bin und mensch einfach auf mir herumtrampeln darf. Auch mir nahe stehende Menschen misgendern mich noch, obwohl sie darin schon viel Übung haben. Das macht mich oft sehr traurig und es fühlt sich so an, als ob ich dieser falschen Geschlechtszuschreibung nie entkommen werde. Ich verstehe zwar, dass es ungewohnt ist, ein Pronomen wie „em“ zu verwenden. Doch unabhängig von meiner Einsicht darin, dass die wenigsten Menschen mich absichtlich verletzen wollen, tut es mir weh, wenn ich misgendert werde.

Abschließen möchte ich diese Antwort mit einem Comic, den ich auf Twitter gefunden habe und der das Thema für mich sehr gut zusammenfasst: 

Bis bald.

Eure non-binären Menschen

René_ Rain Hornstein, ist weiß, deutsch, Jahrgang 1986, Akademiker*in und Aktivist*in. René_ identifiziert sich als nicht-binär und wünscht sich das Pronomen „em“ oder andere nicht-binäre Pronomen. Em macht psychologische Forschung u.a. zu Trans*verbündetenschaft und internalisierter Trans*unterdrückung. Außerdem streitet René_ für die Rechte nicht-binärer, trans* und inter* Personen, z.B. über juristischen Aktivismus. Mehr Infos unter: www.rhornstein.de und @HornsteinRene_

  • teilen
  • schließen