Sind Männer gekränkt, wenn die Frau den Heiratsantrag macht?

Immer mehr Frauen machen den Heiratsantrag selbst, statt auf den Mann zu warten.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Liebe heterosexuelle Männer,

es gibt etwas, das mir in letzter Zeit verstärkt aufgefallen ist: Frauen, die auf die Knie gehen und um die Hand ihres Freundes anhalten. Viele posten das dann in den sozialen Medien. Die Youtuberin Jacko Wusch zum Beispiel erzählt in einem Video, aus welchem Grund sie die Initiative ergriffen hat: „Ich habe immer Angst gehabt, dass ich mal einen Heiratsantrag bekomme und mich dann nicht so freuen kann, wie ich mich gerne freuen würde.“ Ich erwischte mich dabei, wie ich zustimmend nickte. 

Eines vorneweg: Ich bin meilenweit von der Thematik Heiraten entfernt. Dennoch denke ich manchmal drüber nach, wie es wohl wäre, so einen Antrag zu bekommen. So geht es vielen Frauen. So wirklich übel kann uns das auch keiner nehmen, schließlich wachsen wir mit der Überromantisierung dieser Frage auf. „Willst du meine Frau werden?“, ist in Filmen fast immer in einem großen Tamtam verpackt, bestehend aus einem Blumen- und Kerzenmeer und einem Mann, der auf die Knie geht. Ich habe noch keinen einzigen Film gesehen, in dem von einer Frau die Frage „Willst du mein Mann werden?“ gestellt wurde. Umso mehr freut es mich, dass das nach meinem Empfinden im realen Leben immer „normaler“ wird.

Früher durfte nicht die Frau entscheiden, wen sie heiratet – die Entscheidung traf ihr Vater

Schließlich ist der Heiratsantrag ein großer Liebesbeweis. Und mit Druck verbunden. Denn an die Reaktion auf den Antrag gibt es schließlich genauso große Erwartungen wie an den Antrag selbst. Schlimm ist doch die Vorstellung, einen zu bekommen – und es eigentlich nicht zu fühlen. Umso fairer wäre es doch, wenn bei diesem Thema ein bisschen mehr Gleichgewicht einziehen würde. Wenn einfach nicht automatisch davon ausgegangen würde, dass der Mann die Initiative ergreifen muss. Aber verletzten wir euch damit?

Um ein Stimmungsbild zu bekommen, fragte ich ein paar Männer aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Was mich dabei wirklich verwunderte: Selbst diejenigen, die sich gerne selbst als Feministen bezeichnen, entgegneten mir Sätze wie „Ich bin ja für Gleichberechtigung und all das, aber irgendwann ist dann auch mal gut“. Liebe Männer, ich möchte wissen, ob das dem allgemeinen Bild entspricht. Würdet ihr euch in eurem Ego gekränkt fühlen, wenn eure Freundin den Heiratsantrag machen würde? Ist bei euch beim Thema Antrag eine Grenze erreicht?

Die Tradition des Antrags vom Mann ist lange gewachsen. Vor 200 Jahren hatten Frauen nicht wirklich ein Mitspracherecht, wenn es darum ging, mit wem sie eine Ehe eingehen. Damals richtete der Bräutigam seinen Heiratswunsch nicht an die Angebetete selbst, sondern an ihren Vater. Heutzutage wird der väterliche Segen höchstens symbolisch eingeholt, wir dürfen – zumindest in Deutschland – selbst bestimmen, wen wir heiraten wollen. Das Muster, dass meist der Mann die Initiative ergreift, ist jedoch geblieben. Doch wenn es nach uns geht, ist damit jetzt Schluss. Wir wollen auch mal die Frage aller Fragen stellen! Aber natürlich ist es uns nicht egal, wie es euch damit geht.

Deswegen hier meine Bitte: Nehmt euch einen Moment Zeit und wagt den Versuch eines Tagtraums. Stellt euch eure Lieblingsbar bei Kerzenschein, ein Konzert oder das Kissenlager an einem Sonntagmorgen vor. Und dann fragt eure Freundin:  „Willst du mein Mann werden?“. Wie fühlt ihr euch bei dieser Vorstellung? Was macht das mit euch? 

Erzählt uns doch bitte davon.

Eure heterosexuellen Frauen

Die Antwort:

Liebe heterosexuelle Frauen, 

es gibt wohl keinen anderen privaten Moment im Leben, der im Vorhinein mit so einer großen Erwartungshaltung verbunden ist wie der Heiratsantrag. Wir alle haben dieses sehr amerikanische Bild vor unseren Augen. Der Mann: Kniend, im Anzug, die Ringschachtel aufgeklappt, schaut erwartungsvoll, ja flehend, zu seiner Partnerin empor, während die herumstehende Menge fremder Menschen gebannt den Atem anhält, während alle auf das „Ja“ warten. Zig Millionen mal haben wir schon gesehen, wie so ein Antrag optimalerweise ablaufen sollte. Ob im Hollywood-Film, auf Instagram oder sogar bei Sportübertragungen im Fernsehen. Und das beeinflusst unser Bild und unsere Erwartungen an diesen Moment.

Ich ging immer ganz automatisch davon aus, dass ich den Antrag irgendwann mache 

Zu diesem klassischen Bild gehört es nun mal, dass der Mann fragt. Auch ich habe mich bei Freundinnen umgehört und meist die folgende Antwort bekommen: „Finde es voll okay, wenn das Frauen machen, ich persönlich erwarte ehrlich gesagt schon, dass der Mann das macht.“ Ich kann selbstverständlich nicht für alle Männer sprechen. Ich würde mich nicht gekränkt oder gar in meiner Ehre verletzt fühlen, wenn ich einen Antrag bekommen würde. Aber ich muss zugeben: Vielleicht wäre ich ein Stück weit enttäuscht, weil ich ja gelernt habe, dass das meine Aufgabe ist. Und irgendwie dachte, dass ich diesen Schritt dann irgendwann gehe. 

Doch eigentlich steckt – wie so oft – deutlich mehr hinter dieser Rollenverteilung. Der Mann fragt und nimmt somit den aktiven Part ein. Die Frau ist bis zu diesem Zeitpunkt von seiner Gunst abhängig. Klar kann sie auch „Nein“ sagen, aber dann steht sie erstmal als die Böse da. Besonders wenn der Antrag in der Öffentlichkeit geschieht. Von außen ist es ja sehr schwer zu beurteilen, was die Gründe des Neins sind. Man sieht nur einen Menschen, der allen Mut zusammennimmt und einen großen Liebesbeweis erbringt – und eine andere, die ihn kaltherzig abgeschmettert. 

Es wäre gut, diese Rollenverteilung ein bisschen aufzubrechen und für mehr Gleichheit zu sorgen. Einen Heiratsantrag zu planen, kostet für nämlich gewöhnlich viel – Geld und Energie. Da ist zum einen der Ring, der für viele selbstverständlich dazu gehört. In Filmen und Serien heißt es oft, der Mann solle mindesten zwei Monatsgehälter für ihn ausgeben. Ein absoluter Schwachsinn, aber dennoch vor allen Dingen in den USA und der UK eine weit verbreitete Ansicht – was die Folge einer sehr erfolgreichen Werbekampagne des Diamantenkonzerns De Beer ist. Von diesem Konzern stammt übrigens auch der Spruch „Diamonds are forever“. Vor der Kampagne hatten nur zehn Prozent der Verlobungsringe einen Diamanten, mittlerweile sind es 80 Prozent.

Außerdem ist mit so einem Antrag ziemlich viel Stress verbunden. Nicht nur in Sachen Planung, sondern auch, weil man sich ständig fragt, ob der Antrag den Ansprüchen der eigenen Partnerin genügen wird. Denn wie gesagt: Popkultur und Großkonzerne haben ganz schön hohe und seltsame Erwartungen bei uns allen eingepflanzt. Ich habe einen Bekannten, der seinen Heiratsantrag wiederholen musste, weil dieser der Vorstellung seiner – mittlerweile Verlobten – nicht genügte. Bei einem anderen Paar in meinem Umkreis fragte sie ihn eines Abends, ob man nicht heiraten wolle – der Mann sagte: „Ja, ich will dich heiraten, aber ich will den Antrag machen, lass uns deswegen mit der Verlobung warten, bis ich das gemacht habe.“ 

Deshalb bin ich der festen Überzeugen, dass man im Vorfeld eines Antrags schon über fast alles mit seinem Partner oder seiner Partnerin gesprochen haben sollte. Nicht nur generell im Leben. Sondern auch über das Thema Hochzeit. Darüber, ob man einander zu diesem Zeitpunkt überhaupt heiraten möchte und auch, wie der Antrag im besten Falle ablaufen sollte, zum Beispiel, ob ein Antrag in der Öffentlichkeit überhaupt in Frage kommt. Der Antrag an sich sollte in meinen Augen keine Überraschung sein, der Zeitpunkt und die Art schon. Alles andere halte ich für übergriffig und nicht partnerschaftlich.

Ich finde es gut, Rollen zu hinterfragen und nicht blind uralten Traditionen oder den Marketingkniffen eines Milliardenkonzerns zu folgen. Wenn ich von der Frau, die ich so sehr liebe, dass ich hoffe, mit ihr mein restliches Leben zu verbringen, einen Antrag bekäme, würde mich wohl nichts daran kränken, wenn sie mir diese Frage stellen würde. Meine kurze Enttäuschung würde ich in diesem Moment wahrscheinlich nicht einmal bemerken, weil ich mich so freuen würde. Außer vielleicht, sie würde mich in einem vollbesetzten Stadion fragen. 

Deswegen, liebe Frauen, fühlt doch einfach mal vor. Wenn ihr euch sonst mit eurem Partner so ziemlich bei allem einig sein, vielleicht ja auch in diesem Punkt. Am Schönsten wäre es doch, wenn niemand mehr auf die Knie gehen müsste, sondern wir uns einfach auf Augenhöhe begegnen. 

Eure Männer

Und hier gibt es unsere Querfragen auch zum Hören:

  • teilen
  • schließen