„Ich wurde unter Druck gesetzt, ihn zu heiraten“

Zwei junge Inderinnen sprechen darüber, warum sie arrangiert geheiratet haben und warum es ihnen damit trotz aller Nachteile gut geht.
Von Clara Thier
ehe indien

Foto: Adobe Stock

Annies Ehemann John ist ein Freund ihres Bruders. Sie hat ihn sich gemeinsam mit ihren Eltern ausgesucht – wie es in vielen indischen Familien üblich ist. Ihre Eltern hatten ihr zwar theoretisch die Wahl gelassen, praktisch wusste sie aber, dass sie eine arrangierte Ehe bevorzugten und war deswegen offen für die gesamte Prozedur. Verliebtheitsgefühle aus der Schule oder dem Studium, wie sie viele Jugendliche erleben und in anderen Familien auch leichter ausleben können, hatte Annie nie gehabt. Nichts, wofür es sich zu rebellieren lohnte.

Sie wälzte sich also durch die Profile zahlreicher heiratswilliger Männer. „Familien haben in der Regel eine Liste mit Dingen, bei denen sie keine Kompromisse eingehen möchten“, erklärt sie in einem Gespräch am Telefon. „Meine Mutter bestand beispielsweise darauf, dass ich einen Arzt heiraten sollte. Deswegen dauerte es lange, den Richtigen zu finden. Mir selbst wäre das dabei gar nicht so wichtig gewesen, welchen Beruf er hat.“ Wichtiger war Annie seine Religion: Ihre Familie gehört zur christlichen Minderheit Indiens, deswegen wollte sie einen gläubigen Christen heiraten. Außerdem sollte ihr zukünftiger Mann gebildet sein und einen „guten Charakter“ haben.

Arrangierte Ehen sind immer noch die Norm, Liebeshochzeiten die Ausnahme

Bis heute werden Schätzungen zufolge immer noch etwa 90 Prozent der Ehen in Indien arrangiert, während der weltweite Anteil arrangierter Ehen auf 50 Prozent geschätzt wird. Arrangiert bedeutet zunächst einmal lediglich, dass man sich nicht zufällig begegnet, sondern im Bekanntenkreis oder mithilfe von Vermittlungen nach einem zukünftigen Partner oder einer Partnerin sucht. Manche heirateten am Ende einen Fremden, manche jemanden, den sie davor schon flüchtig kannten. Die Mehrheit der jungen Inder*innen, laut einer Studie von 2013 ganze 74 Prozent, bevorzugt diese Art zu heiraten gegenüber einer freien, nicht-arrangierten. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Nicht alle arrangierten Ehen werden freiwillig geschlossen. Nur vergleichsweise wenige heiraten trotz der Gewissheit, dass die Familien der Ehe nicht zustimmen – oft heimlich.

Auch die junge Inderin Sravya lebt in einer arrangierten Ehe. Die 29-Jährige stammt aus dem südlichen Bundesstaat Telangana. Die Frage, ob sie lieber eine Liebesheirat oder eine arrangierte Ehe hätte, hatte sich Sravya selbst nie gestellt. „Ich wusste, dass meine Eltern mit einer Liebesheirat nicht glücklich wären. Deswegen war ich schon immer einverstanden damit, eine arrangierte Ehe einzugehen.“

Mit 25 machte sich die Informatikerin also auf die Suche nach dem perfekten Ehemann. Sie hatte einige Kriterien („gebildet, mit Job, gleiche Religion, gutes Herz“), fast alle glichen denen ihrer Eltern – nur die Kaste gaben sie ihr zusätzlich vor. Dennoch machten ihr die Vorstellung Angst, dass einer dieser Steckbriefe, die sie durchforstete, irgendwann ihr Mann werden könnte. Viele Bewerber lehnte sie ab.

Annie und ihre Familie stammen währenddessen aus Chennai, der Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu. Die junge Frau trägt ihre langen schwarzen Haare im Alltag meist vorne mit Seitenscheitel oder im Puff, als zurechtgesteckte Haarrolle, so wie es in Indien Mode ist. Mit dem Heiraten hatte sich Annie ungewöhnlich viel Zeit gelassen: „Ich war 28 und beendete noch meinen Master in Zahnmedizin, die meisten meiner Freunde waren schon verheiratet. Insbesondere für die Gegend, in der wir wohnten, war ich spät dran.“  Sie ist froh über ihre lange Studienzeit: „Das hat mich vor einigen Anträgen gerettet.“ Über die Heirat mit ihrem Mann sagt die heute 30-Jährige trotzdem offen: „Ich wurde von meinen Eltern unter Druck gesetzt, ihn zu heiraten.“

Ihre Eltern übten Druck auf Annie und John aus, schnell zu heiraten

Nachdem Annie nämlich einige Kandidaten bei einem förmlichen Treffen mit der Familie kennengelernt hatte, aber keinen davon mochte, schlug ihr die Familie einen Bräutigam vor: John. Die Familie des jungen Mannes stammte aus dem gleichen Bundesstaat, lebte aber nun in Delhi. John war nicht nur ein guter Freund von Annies Bruder, sondern auch Zahnarzt – ihre Mutter war erfreut. Ein arrangiertes Treffen lief dann auch gut: „Er mochte mich. Und ich mochte ihn.“ Dabei erfüllte John gar nicht ein paar ihrer heimlichen „dummen Kriterien“, wie Annie sie nennt: „Dass er Tiere mochte, meinen Lieblingskricketspieler MS Dhoni und lieber Pepsi als Coke.“          

Kriterien, wie Annie oder Sravya sie nennen, hört man so ähnlich auch in einer erfolgreichen Netflix-Serie: Indian Matchmaking. Die Show machte auch in westlichen Ländern darauf aufmerksam, wie weit verbreitet arrangierte Ehen noch sind. Darin geben Inder*innen eine Art Suchprofil bei der Heiratsvermittlerin Seema auf. Die Reality-Show ist dabei zwar oft zugespitzt, zeigt aber durchaus, dass letztlich immer wieder ähnliche Wünsche die Hauptrolle bei der arrangierten Ehe spielen: Religion, Kaste und Beruf. Unter diesem System leiden viele, die dadurch von vorne herein schlechte Karten haben, zum Beispiel Menschen mit Behinderungen, Menschen mit schlechter Ausbildung, Menschen aus wirtschaftlich eher schwachen Familien aber auch einfach nur Personen mit etwas dunklerer Hautfarbe. Viele junge Frauen und Männer haben kein oder wenig Mitbestimmungsrecht darüber, wenn sie heiraten. Eltern gelten bei vielen als Autoritätspersonen, deren Entscheidungen nicht hinterfragt werden, denn sie wüssten, was am besten für ihre Kinder ist. Soweit die weit verbreitete Annahme.

In der progressiven indischen Online-Community hat „Indian Matchmaking“ ein kritisches Medienecho hervorgerufen – die Show hätte die diskriminierenden und patriachalen Strukturen des Heiratsmarktes nicht kritisch betrachtet. Viele kritisieren in diesem Zuge auch grundsätzlich den Druck, unbedingt heiraten zu müssen – und das dann noch nach bestimmten Vorgaben. Die Serie dürfe das nicht verharmlosen. „Das ist kein Witz“, schreibt die indische Journalistin Nikita Doval in einem langen Thread auf Twitter dazu, sondern die „Hölle“, die sie in ihren Zwanzigern erleiden musste. Allgemein gilt: Je geringer der Bildungsgrad der Familien, desto weniger Mitbestimmung haben die Kinder. Aber selbst Dovals liberale Eltern hatten, als es um das Heiraten ging, plötzlich sehr konservative Vorstellungen.

John und Annie waren mit einer Hochzeit zwar grundsätzlich einverstanden, empfanden den Druck der Familien, es schnell zu tun, aber auch als bedrückend. Eigentlich wollte sie sich noch ein Jahr oder länger daten und erst dann die Verlobung offiziell machen. Doch im Sinne von Annies Eltern waren sie nach sechs Monaten verheiratet. Nur zwei Mal hatten sie sich davor gegenseitig besucht, einmal kam sie in den Norden und einmal er in den Süden.            

Ein Grund, warum junge Frauen wie Annie sich darauf einlassen, ist, dass sie sich der Unterstützung ihrer Familie auch in Zukunft sicher sein wollen. „Wenn eine indische Liebesheirat scheitert, geben die Eltern einem die volle Verantwortung und Schuld dafür. Aber wenn eine arrangierte Ehe nicht funktioniert, unterstützen sie das Mädchen und kämpfen vielleicht sogar für eine Scheidung. In einer Liebesheirat würden sie das nie tun, denn sie waren nicht an der Eheschließung beteiligt“, erklärt Annie.

Dabei werden geschiedene Personen immer noch stark stigmatisiert. Es gibt es überhaupt sehr wenige geschiedene Ehen in Indien – Schätzungen gehen von 13 von 1000 aus. In Deutschland sind es 358 von 1000. Das liegt nicht daran, dass arrangierte Hochzeiten ein Erfolgskonzept für partnerschaftliche Liebe sind, sondern an der großen kollektiven Anpassungsfähigkeit der indischen Bevölkerung. Arrangierte Ehe bedeutet auch, sich mit der Situation zu arrangieren, in die man geworfen wirdweil der Preis, sich gegen die Wünsche der eigenen Eltern aufzulehnen in einer Gesellschaft, die Familie als höchsten Wert anerkennt, für viele zu hoch ist. „Im Vergleich zu Menschen aus dem Westen können sich Inder*innen viel besser an eine Situation anpassen“, glaubt Annie. Gleichzeitig herrscht ein immenser Druck, vor allem auf Frauen, „anpassungsfähig“ und „flexibel“ zu sein, egal, wie viel Leid eine Ehe auch bringen mag.

Nach ein paar weiteren Telefonaten, einem Video-Call und einer selbst auferlegten Woche Bedenkzeit entschieden sich die beiden, zu heiraten.

Nach der Hochzeit zog Annie zu Johns Familie nach Delhi. Sie dachte, dass sie in eine tamilische Familie eingeheiratet hätte, doch schnell stellte es sich anders heraus: „Eigentlich sieht sich John selbst nicht als einen Tamilen und er spricht die Sprache nicht gut, obwohl seine Familie aus Tamil Nadu kommt.“ Meistens sprechen die beiden Englisch miteinander. Seine Essgewohnheiten, zum Beispiel, die seien auch anders. „Er isst lieber Roti (indisches Brot, Anm. d. Red.) als Reis!“, sagt sie und lacht.

Nicht nur Annie verließ für ihre Ehe ihre Heimat. Nachdem Sravya viele Bewerber abgelehnt hatte, schickte ihr eine Freundin aus den USA eine Nachricht. Der beste Freund ihres Mannes sei auch auf der Suche nach einer Frau und sie könne sich vorstellen, dass sie beide gut zusammenpassen würden. Genauso wie Sravya hatte Joshua Informatik studiert. Die Freundin schickte Sravya das Profil von Joshua, diese leitete es weiter an ihre Eltern, die sich im Bekanntenkreis nach dem Ruf der Familie erkundigten.

Sie lernte erst Joshuas Eltern kennen, telefonierte danach mit ihm selbst. Das Gespräch war nett, es entstand keine peinliche Stille. Nach ein paar weiteren Telefonaten, einem Video-Call und einer selbst auferlegten Woche Bedenkzeit entschieden sich die beiden, zu heiraten. Rückblickend bezeichnet Sravya es als die beste Entscheidung ihres Lebens. Sie erklärt sie so: „Normalerweise ändert sich dein Leben nach der Hochzeit vollständig, besonders als Frau. Mit Joshua hatte ich das Gefühl, dass mein Leben sich nicht sehr verändern würde.“

Das erste Treffen der beiden fand nur zehn Tage vor der Hochzeit statt, am Flughafen in Hyderabad. „Es war ein merkwürdiges Gefühl. Ich hatte gleichzeitig das Gefühl, ihn zu kennen und das Gefühl, ihn nicht zu kennen.“ Zwei Wochen nach dem Hochzeitstag flog das Ehepaar in die USA, um dort zu leben.

Die perfekte Schwiegertochter und Ehefrau sein – ein Ding der Unmöglichkeit?

Bei Annie und John lief es ganz anders: Nach der Hochzeit war für Johns Familie in Delhi war klar, dass Annie ab nun den Hauptteil des Familienhaushalts erledigen sollte. Zusätzlich arbeitete die Zahnärztin genauso wie ihr Mann in der Praxis ihres Schwiegervaters. Ein separates Einkommen hatten sie beide nicht. „Eine gute Schwiegertochter und Ehefrau soll sich um ihre Schwiegereltern kümmern, den Haushalt schmeißen und auch noch arbeiten gehen“, sagt Annie. Auf die Frage, was sie davon halte, antwortet sie zögerlich. Es sei ihr eigener Vorschlag gewesen, zu Johns Familie zu ziehen. „John wollte nicht, dass wir im gleichen Haus bleiben. Aber ich hatte nicht den gesunden Menschenverstand, das zu verstehen.“

Für sie war die Eingewöhnung in Nordindien eine Herausforderung.  „Ich war am Anfang noch sehr eng verbunden mit meiner Familie. Vielleicht konnte ich John nicht voll vertrauen am Anfang. Es ist ein Prozess, jemandem zu vertrauen. Das hat John geärgert, er fragte, wieso musst du deiner Mutter alles erzählen?“ Einmal wurde John in einem Streit so wütend, dass er ihr Handy auf den Boden schmiss. Es zerbrach. „An diesem Tag hatte ich viele Fragen im Kopf: Würde, was mit meinem Handy passierte auch einmal mit mir passieren? Würde er mich je schlagen? Er war sehr verwirrt und entschuldigte sich die ganze Nacht lang, bestimmt hundertmal. Ich lag zusammengerollt da und heulte, weil ich mein Handy verloren hatte. Aber etwas hat sich seit diesem Tag geändert. Er wurde nie wieder so wütend. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass er mich niemals schlagen wird.“

Als das Paar sich nach einem Jahr entschloss in die südliche Metropole Hyderabad umzuziehen und von nun an alleine wohnte, wurde ihre Beziehung besser und sie konnten endlich sie selbst sein, berichtet Annie. „Es war viel einfacher, sich zu streiten und dann wieder zu versöhnen.“ Die Liebe für ihn sei nach und nach gewachsen. Heute ist sie sich sicher, dass John immer an ihrer Seite bleiben wird.

Sravya hat ihren Ehemann zum ersten Mal zehn Tage vor Hochzeit getroffen

Während Annies Ehe zunächst unter dem Dach ihrer Schwiegereltern begann, haben manche indischen Paare die Chance, sofort alleine zu leben. So war es auch bei Sravya und ihrem Mann Joshua, die nun seit drei Jahren verheiratet sind. Amerikaner*innen reagieren stets sehr überrascht, wenn Sravya ihnen erzählt, dass sie ihren Mann erst „durch die Heirat“ kennengelernt habe. „Schau, wie verrückt es klingt“, sagt sie lachend im Telefongespräch mit jetzt.

Sravya ist zufrieden mit der Situation, für sie lohnte sich die arrangierte Ehe:Wir haben in den USA die Freiheit, zu zweit zu sein und dadurch konnte unsere Beziehung stärker wachsen. Wir streiten uns selten und wenn, dann entschuldigt er sich oder bringt mich zum Lachen. Er verhält sich nicht wie ein Ehemann“, sagt sie und erklärt danach was sie damit meint: Joshua verhält sich nicht dominant. „Er trifft nie eine Entscheidung allein, fragt mich nach meiner Meinung. Er wertschätzt mich und das ist das, was ich immer wollte.“ Gemeinsam führen sie einen ruhigen, selbstbestimmten Alltag, in dem beide voll berufstätig sind. „Wir schauen sehr viele Filme zusammen, wir gehen zusammen ins Fitnessstudio und haben viele ähnliche Interessen“, zählt Sravya auf. Im Hintergrund hört man, wie ihr Mann im Wohnzimmer gerade einen indischen Film ansieht.

Sravya und Annie sind Gewinnerinnen des Systems „Arrangierte Ehe“. Sie wissen, dass es aber auch Verlier*innen gibt. „Es gibt viele Unterschiede bei arrangierten Hochzeiten“, betont Annie. „Es gibt Eltern, die zwingen einen.“ Einige junge Inder*innen geraten so an den Falschen oder die Falsche, im schlimmsten Fall in gewaltsame Partnerschaften. Auch in den Freundeskreisen der beiden Frauen finden sich krasse Positiv- und Negativbeispiele dafür. Annie glaubt deshalb, dass Frauen in Liebesehen im Durchschnitt besser behandelt werden, weil sie sich bewusst für die Ehe entschieden haben.

Sowohl Annie als auch Sravya sind sich sicher, dass sie ihren Kindern eine Liebesheirat erlauben werden

Sowohl Annie als auch Sravya sind sich sicher, dass sie ihren Kindern eine Liebesheirat erlauben werden. Woher kommen diese entschiedenen Antworten, könnte man fragen, wo doch beide zufrieden mit ihren arrangierten Ehen sind und auch mitbestimmen dürften. Sie sind Teil der vielen unvereinbaren Vorstellungen, mit der das junge Indien heute lebt. Zwischen Tradition und Moderne. Zwischen Zwang, Verpflichtung und Freiheit. Annie und Sravya wollten ihre Eltern glücklich machen. Am einfachsten war es deswegen für sie, gar nicht an Liebesheiraten zu denken und schon gar keine romantischen Beziehungen einzugehen, da die Lage für sie (zumindest gefühlt) alternativlos war. Aber sobald sie selbst die Fäden für die Zukunft ihrer Kinder in der Hand halten, erweitert sich der Entscheidungshorizont. Da finden ihre ganz eigenen Idealvorstellungen vom Zusammenleben zweier Menschen Platz.

Sravya erklärt das so: „In einer Ehe geht es vor allem um zwei Menschen. Wenn sie sich gut verstehen, kann jede Beziehung halten. Die Art der Heirat ist nicht wichtig für mich.“ In einem Land wie den USA könne sie ohnehin nicht von ihren Kindern erwarten, dass sie eine arrangierte Ehe eingehen. „Ich war daran gewöhnt, aber für sie wird es fremd sein.“ Mit ihrem Mann Joshua diskutiert sie schon über den nächsten Schritt. Dieser versucht, ihr klar zu machen, dass es möglich ist, dass ihre spätere Tochter einmal keinen Inder heiraten werde, sondern jemanden einer anderen Nationalität. Damit muss sich Sravya dann aber doch erst noch arrangieren.           

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