Männer, was würdet ihr einen Tag in unserem Körper tun?

Röcke tragen? Oder ausprobieren, wie es sich anfühlt, einen Tampon einzuführen?
Von Magdalena Pulz und Raphael Weiss
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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Männer,

ihr habt uns vergangene Woche gefragt, wie wir uns einen Tag als Durchschnitts-Cis-Hetero-Typ vorstellen würden; Jens habt ihr ihn genannt. Wir haben geantwortet (und das sogar ohne ein einziges Mal das Wort „Fleischpeitsche“ zu benutzen!). Jetzt schuldet ihr uns natürlich im Gegenzug eine mindestens ebenso ehrliche Antwort. Also: Was würdet ihr als „Steffi“ einen Tag lang treiben? 

An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen: Nicht alle Männer haben einen Penis, nicht alle Frauen eine Vagina und Brüste – manche trans Frauen und trans Männer zum Beispiel. Diese Frage richtet sich an cis Männer, also an diejenigen Männer, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Gestellt wird sie von einer cis Frau. 

Würdet ihr testen, wie es sich anfühlt, einen Tampon einzuführen?

Steffi – oder Stef, wie sie ihre engen Freundinnen nennen – ist also 24 Jahre alt, cis und hetero (wenn man das eine Mal ausblendet, als sie beim Deichkind-Festival im Scherz mit Marie rumgeknutscht hat), ist 1,68 Meter groß, hat leicht blondierte Haare, mag gern Yoga, studiert Kommunikationswissenschaften und versucht, sich vegetarisch zu ernähren. Mit 18 Jahren hatte sie mal für ein Jahr einen festen Freund, aber der ist dann fürs Studium nach Dortmund gegangen. Seitdem ist Steffi single und ready to mingle. Steffi ist der Durchschnitt im besten Sinne.

Stellt euch also vor, ihr wärt Stef. Morgens wacht ihr auf, eure langen Haare sind verknautscht und knotig, ihr streicht euch die Schlaf-Spucke von den unstoppligen Wangen und los geht der Tag. 

Was würdet ihr gerne erleben? Würdet ihr die luftigen Vorzüge eines Rocks ausprobieren? Würdet ihr testen, wie es sich anfühlt, einen Tampon einzuführen? Vielleicht doch mal masturbieren, obwohl uns das in eurem Körper gar nicht so gereizt hat? Und gäbe es auch etwas, worauf ihr keine Lust hättet – etwa unsere teils furchtbar engen Jeans oder dass man euch auf die Brüste starrt? 

Seid ehrlich!

Eure Frauen

Die Antwort:

Liebe Frauen, 

ganz ehrlich: nach dem ersten Kaffee – ich gehe nämlich stark davon aus, dass ich als Stef genauso ungern aufstehe wie als Mann – würde ich mich die erste Zeit nur mit meinem neuen Körper beschäftigen. Nackt vor den Spiegel, alles in Ruhe auf mich wirken lassen und ausprobieren. Denn ich bin mir extrem sicher, dass du als Jens einen riesengroßen Fehler gemacht hast (mal ganz abgesehen davon, dass du große Teile deiner wertvollen 24 Stunden in irgendwelchen Klamottenläden verschwendet hast): Warum würde man denn nicht die einmalige Chance nutzen, eines der größten Mysterien unserer Spezies zu erfahren: Wie sich der Orgasmus des anderen Geschlechts anfühlt? Dabei geht es doch nicht ansatzweise um „besser oder schlechter“ – das ist reine Wissenschaft und wird nach der Rückverwandlung in einen Mann mein Sex-Game noch einmal auf ein komplett anderes Level heben. 

Nachdem ich also meine ausgiebige Erkundung gegen Mittag beendet habe, stellt mich der erneute Blick in den Spiegel vor eine Herausforderung. Weil ich keine Ahnung habe, wie ich mich stylen soll und schon so viel Zeit vergangen ist, entscheide ich mich für einen sehr natürlichen Look mit noch immer leicht zerzausten Haaren. Die hautenge Jeans lasse ich DEFINITIV links liegen, denn warum sollte ich mir diese Folter antun, und entscheide mich für den luftigen Rock. 

Werde ich unterschätzt? Muss ich mir irgendeine sexistische Kacke anhören?

Generell hoffe ich, dass in diesem sehr hypothetischen Szenario auch das Coronavirus nicht existent ist, weil sonst hätte sich der wirklich interessante Teil des Tages zu diesem Zeitpunkt schon erledigt gehabt. Ich würde also in der Corona-freien Traumwelt direkt auf den Bolzplatz um die Ecke gehen. Zum Einen, um zu testen, wie sich Fußballspielen mit meinem neuen Körper anfühlt: Bin ich schneller erschöpft, hat mein Schuss weniger Kraft, bin ich vielleicht dafür wendiger und flinker? Zum Anderen könnte ich sehen, wie auf mich als Frau auf einem Bolzplatz reagiert wird: Ist es schwieriger mitspielen zu dürfen? Werde ich unterschätzt? Muss ich mir irgendeine sexistische Kacke anhören?

Nachmittags geht’s auf einen Aperitivo mit meinen besten (männlichen) Freunden an den See, um herauszufinden, wie ich auf sie als Frau wirken würde und um gleichzeitig zu testen, wie sehr sich meine neue Badeerfahrung von meinen bisherigen unterscheidet. Was bestimmt schon dabei beginnt, dass ich keine Ahnung habe, wie ich das Bikinioberteil hinter meinem eigenen Rücken zubinden soll und ich nicht ansatzweise auf dem Schirm hatte, dass die Gesellschaft von mir verlangt, dass ich meine Beine rasieren sollte, wenn ich an den See gehe. 

Das mit dem One-Night-Stand lasse ich lieber

Um möglichst viele Perspektiven zu erleben, geht es nachts in den Club. Ich komme (zumindest in meiner Vorstellung) tatsächlich ohne Anstehen und mit all meinen Freunden am Türsteher vorbei. Drinnen kann ich erfahren, wie sich so ein Clubabend für viele Frauen anfühlt. Ich stelle mir ungewollte Berührungen vor, eklige Alkoholfahnen, die mir was ins Ohr lallen und die horny-verzweifelte Männertraube, die mich umringt, wenn es später wird und außer mir nur noch wenige Frauen im Laden sind. Auf dem Heimweg will ich lieber kein Risiko eingehen und gönne mir schweren Herzens ein Taxi anstatt die U-Bahn zu nehmen.

Zu dem großen Abschluss meiner wissenschaftlichen Studie – dem One-Night-Stand – werde ich mich nicht überwinden können. Immerhin bin ich doch noch eine Hetero-Cis-Dude, der nur für einen Tag den Körper einer Frau ausprobiert. Das wäre dann doch zu seltsam. Besonders, wenn ich dann am nächsten Morgen neben dem fremden Typen wieder als Mann aufwache. 

Forschende Grüße 

Eure Stefs

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