Männer, leidet ihr unter starker Körperbehaarung?

Lasst ihr sprießen, was wächst – oder rasiert ihr euch im Sommer die Brust?
Von Franziska Setare Koohestani und Raphael Weiss

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe (behaarte) Männer, 

ich habe euch zugegebenermaßen schon um Vieles beneidet: zum Beispiel darum, dass ihr für die gleiche Arbeit oft besser bezahlt werdet (Stichwort: Gender Pay Gap) oder seltener Opfer von sexueller Belästigung werdet. Aber auch wegen banalerer Dinge: weil ihr im Stehen pinkeln und – für mich persönlich ein Riesenthema – weil ihr eure Körperbehaarung sprießen lassen könnt. Und das vermeintlich niemanden juckt. 

Als Jugendliche habe ich täglich meine ganz persönliche Ganzkörper-Enthaarungs-Tortur durchlitten. Ich nenne das bewusst nicht „Ritual“ oder so ähnlich, denn es war psychisch und körperlich schmerzhaft as fuck. Das liegt daran, dass ich (viele andere Iraner*innen werden es kennen, aber nicht nur die) dunklere und stärkere Körperbehaarung habe als die meisten Frauen – und auch manche Männer – in meinem Umfeld. Als Jugendliche wollte ich der Norm entsprechen und blöde Kommentare vermeiden. Deshalb begann ich schon sehr früh mit allen möglichen Enthaarungs-Methoden und habe lange damit zu kämpfen gehabt. Für mich war es sogar schon eine krasse Errungenschaft, dass ich im vergangenen Jahr meine Armbehaarung (!) wieder habe wachsen lassen. Die hatte ich nämlich seit meinem zwölften Lebensjahr nicht mehr gesehen. 

Ist der Rasierer für euch Lust-und-Laune-Option oder Endgegner?

Worauf ich hinaus will: Aufgrund meines eigenen Enthaarungs-Struggles habe ich immer gedacht, ihr hättet es total leicht, was das Thema Körperbehaarung angeht. Ich habe mir vorgestellt, dass ihr unter die Dusche geht, einfach nur, um sauber zu werden. Und nicht, um dabei wie verrückt mit Nass-Epilierer & Co. zu hantieren. In meiner Vorstellung war der Rasierer für euch nur eine Lust-und-Laune-Option und nicht – so wie bei mir – der Endgegner. Aber stimmt das wirklich? 

Denn wenn ich länger darüber nachdenke, dann erinnere ich mich auch daran, dass manche Männer in meinem Umfeld mit starkem Haarwuchs regelmäßige Enthaarungsmaßnahmen durchgeführt haben: Brust, Achseln und Intimbereich rasieren, epilieren oder waxen. Und daran, dass ein Freund mal seine Beine enthaaren wollte, weil er sich damit unwohl fühlte – auf der anderen Seite aber Angst vor den Reaktionen auf glatte Männerbeine hatte. Letztlich hat er sich nicht enthaart und begonnen, seine Beinbehaarung selbst scherzhaft zu kommentieren, bevor es andere taten. 

Aber damit ist er ja ziemlich allein, wenn man sich so umschaut. Oder? Wie ist das bei euch? Mit welchen Schönheitsidealen hattet ihr in Sachen Körperbehaarungs schon zu tun? Hat das bei euch zu Komplexen geführt? Oder konntet ihr ganz frei zwischen Cristiano Ronaldo und Chewbacca wählen? Und dann ist das alles vermutlich noch eine Frage der Stelle: Brusthaar geht ja – klischeehaft gesprochen – noch als sexy durch, aber was ist, wenn es an Rücken und Po so richtig sprießt? 

Erzählt doch mal, wie ihr so zu eurer Körperbehaarung steht,

Eure (behaarten) Frauen 

Die Antwort:

Liebe Frauen, 

welche Emotionen wecken denn behaarte Männerrücken in euch? Denkt mal an so richtig dichten schwarzen Haarwuchs, der unter dem T-Shirt hervorsprießt. Und? Positiv? Wahrscheinlich eher nicht, oder? Ich habe selber Haare auf dem Rücken und Komplimente habe ich auf jeden Fall noch nie dafür bekommen.

Denn auch bei Männern gilt Körperbehaarung nicht unbedingt als schön. Eher als abstoßend. Wenn ihr aufmerksam Werbung schaut, bei denen der „Idealtyp Mann“ gezeigt werden soll, dann seht ihr: harte, eingeölte Muskeln und kein noch so kleines Härchen unterhalb des Kehlkopfes. 

Zum Beispiel aus eurer Frage: Cristiano oder Chewbacca – der eine ist eine Stilikone, mit mehr als 200 Millionen Follower*innen auf Instagram und den anderen, nun ja, gibt es nicht  wirklich – genau wie den behaarten Mann als Objekt der Begierde in den Medien. Ob Dwayne „the Rock“ Johnson, Adam Driver, Idris Elba, Ryan Gosling oder der eigentlich sehr haarig wirkende Jason Momoa: Spielen Schauspieler eine Szene oben ohne, sehen die Zuschauer*innen kein einziges Haar auf dem Körper. Die Zeiten von Roger Moore als James Bond sind eben lange, lange vorbei. Und auch in der NBA sieht man das deutlich: Die US-amerikanischen Basketball-Profis tragen alle Trikots, bei denen man ihre Achseln sieht – bis auf wenige Ausnahmen sind die alle rasiert. 

Lange Haare auf Brust und Rücken sind auch für viele Männer ein Problem

Klar, Frauen haben mit deutlich mehr äußerem Druck zu kämpfen, wenn es um ihr Aussehen geht, als Männer. Gerade beim Thema Körperbehaarung sieht man das nicht nur an der Anzahl an Zonen, die Frauen, wenn es nach der Gesellschaft geht, optimalerweise rasieren sollten. Und auch an der Vehemenz, mit der über ein solches „Fehlverhalten“ diskutiert wird. Wenn Emily Ratajkowski ein Foto mit Achselhaaren auf Instagram hochlädt ist der Aufschrei deutlich größer, als wenn NBA-Spieler Klay Thompson mit Busch unter den Armen zum Dunk steigt.

Und das lässt sich ganz gut auf uns „normale Bürger und Bürgerinnen“ übertragen. Klar, ich als Mann mit relativ viel Haarwuchs kann ohne Probleme mit unrasierten Achseln an den Strand gehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sich niemand auch nur im Geringsten daran stören. Bei meinen Brusthaaren ist es schon kritischer. Denn mit der These, dass Brusthaare eher als sexy gelten, würde ich wirklich nicht mitgehen. Ich habe schon öfter mit Frauen über Brusthaare gesprochen. Manche finden sie okay, manche eher hässlich, aber eine klare Meinung haben die wenigsten zu ihnen. Anders würde es aussehen, würde sie wirklich so lang wachsen lassen, wie sie von Natur aus gerne wachsen würden. 

Denn jedes Mal, wenn ich mich so an die Isar gelegt habe, waren die Kommentare vorprogrammiert. Ob von Frauen oder Männern, alle erinnerten mich daran, dass Roger Moore schon seit Jahren nicht mehr lebt, es wurde daran gezogen oder mir gesagt, dass ich mein T-Shirt ruhig ausziehen kann. Alles gut, alles lustig, für mich persönlich kein Stress.

Doch je weiter es weg von der Norm geht, desto stärker wird die Gegenreaktion. Lange dunkle Haare an den Oberarmen – muss ich abrasieren, wenn ich angewiderte Blicke vermeiden möchte. Männer die sich die Beine rasieren wollen? Keine Chance, dass das nicht bewertet und geächtet wird. Ähnlich schwer haben es Männer ohne Bartwuchs. 

Und zu guter Letzt die Rückenhaare. Bei mir wachsen sie, seit ich 18 bin. Seitdem wurde ich regelmäßig dafür verarscht, ernsthaft zur Rede gestellt und habe verächtliche Blicke bekommen. Denn erstens findet sie (fast) niemand schön, die Träger eingeschlossen, und zweitens sind sie richtig, richtig schwierig wegzubekommen. Alleine ist das unmöglich, wenn man sich mit den Haaren nicht gleich den ganzen Rücken mit abschneiden möchte. Andere Leute fragen, ob sie einem den Rücken rasieren, ist ziemlich unangenehm und braucht ein ziemliches Vertrauensverhältnis. Und Waxing-Studios noch immer ein für Männer nicht besonders akzeptierter Ort. Klar kann man sich darüber einfach hinwegsetzen, trotzdem ins Studio gehen und 40 Euro für das Waxing zahlen. Aber so ist das eben mit gesellschaftlichen Normen, ist immer schwierig gegen sie anzukämpfen. Das wisst ihr leider noch besser als wir. 

Haarige Grüße

Eure Männer

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