Horror-Mitfahrgelegenheit: Der Chauvinist mit Wendler-Brille

„Er gab ihr weiter Tipps, weil ‚als Frau isch des ja schwierig uff dem Arbeitsmarkt‘.“
Von Niko Kappel

Illustration: jetzt

Die Strecke: Von München nach Stuttgart  

Der Fahrer: Nennen wir ihn Manfred, sein Look: ein Mix aus Sport und Proll

Die Horrorstufe: 6 von 10

Als ich zu Manfred in seinen silbernen Kombi stieg, roch es nach Moschus und Wunderbaum. Es war Sommer, bestimmt 30 Grad. Ich weiß heute gar nicht mehr wie Manfred wirklich hieß, aber irgendwie habe ich ihn in meinem Kopf unter dem Namen Manfred abgespeichert. Er war ganz in weiß gekleidet, hatte kurz geschorene Haare und kratzte gerade wohl so am Ende seiner Vierziger. Außerdem hatte Manfred eine Sonnenbrille auf, die seinem restlichen Look voll entsprach: Ein Mix aus Sport und Proll. Genau so eine Sonnenbrille wie der Wendler sie trug, als seine Freundin Laura ihm einen Pick-up schenkte.

Nicht nur die Sonnenbrille erinnerte mich an den Wendler. Manfred trug eine weiße Hose von der Sorte, bei der man nicht weiß, ob sie jetzt eine lange Hose sein will oder doch eine kurze. Sie war irgendwie so drei Viertel lang und gab den Blick frei auf ein Tribal-Waden-Tattoo. Er stellte sich vor und sagte, er sei Mitte 40, aber echt nicht alt „und echt noch flott unterwegs, was die Girls angeht.“ Oha. Wir waren noch nicht mal losgefahren. Aber es war später Freitagabend in München und ich zu broke für einen ICE. Ich wollte nach Stuttgart auf einen Geburtstag, Manfred war die einzige Chance es noch dorthin zu schaffen. Also, ab ging es ab auf die A8, im Auto des in weiß gekleideten Chauvinisten.

Manfred zwinkerte und sagte: „Freundin verschstehsch, Knick Knack!“

Es wurde nicht besser. Ich saß vorne neben Manfred, hinten saßen, nennen wir sie mal Sarah und Thomas. Thomas machte das einzig richtige und klinkte sich über seine fetten Headphones direkt aus dem Gespräch aus. Sarah und ich machten den Fehler, Manfred danach zu fragen, was er denn in München so gemacht habe. Heute weiß ich, dass das ein blutiger Anfängerfehler war: Frage nie einen schrägen Mitfahrgelegenheits-Anbieter nach seiner Geschichte. Manfred erzählte, dass er eine Freundin besucht hatte, grinste mich dabei an, zwinkerte und sagte in seinem badischen Akzent: „Freundin verschstehsch, Knick Knack!“ Ohje.

Manfred erzählte ausführlich, wie er besagte Freundin auf der Wiesn kennengelernt hatte und sie sofort mit ihm „rumgmacht“ hätte. Seitdem könnte diese Freundin „nicht gnug“ von ihm bekommen und er fahre deshalb ab und zu „für a bissle Schbaß“ nach München. Er erzählte, dass eine Beziehung für ihn gerade nicht in Frage käme, dafür sei sein „Single-Life“ einfach viel zu geil. Er wolle sich noch nicht auf eine Frau festlegen, er sei eher so ein „Abenteuer-Typ“. Nach einer halben Stunde armseligen und sexistischen Bullshits schaute ich nur noch aus dem Fenster und sagte nichts mehr. Mitfahrerin Sarah tat es mir gleich. Aber Manfred redete und redete.

Auf Höhe Augsburg fragte Manfred mich, wie es mit den „Girls“ so laufe. Als ich freundlich sagte, dass ich mit ihm darüber nicht reden wolle, sagte er: „Ha komm, erzähl!“ Ich verneinte weiterhin. Daraufhin fing Manfred an zu erzählen, dass er früher sehr schüchtern gewesen wäre und dass es da mit den Frauen noch gar nicht lief. Ich solle nicht so verklemmt sein, Sex sei eine ganz normale Sache, da könne man doch drüber reden: „Die Weiber tuns doch au!“

Sarah machte den Fehler ihm zu sagen, dass auch sie was in die gleiche Richtung mache

Im Nachhinein frage ich mich natürlich, warum ich diesem Deppen kein Kontra gegeben habe. Aber jeder, der sich schon mal der höheren Gewalt einer Mitfahrgelegenheit ausgeliefert hat, kann wohl die Manfred-Situation nachvollziehen: Man kommt, im wahrsten Sinne, nicht aus der Situation raus – außer man steigt irgendwo auf einer Autobahnraststätte aus. Ich hielt meine Klappe und ließ Manfred reden.

Er sagte, dass er in der Versicherungsbranche arbeite und Sarah machte den Fehler ihm zu sagen, dass auch sie irgendwas in die gleiche Richtung mache. Da war Manfred sofort on fire. Er kenne da einen Headhunter aus Singapur, er könne Sarah locker einen Job bei einer großen Versicherung dort besorgen – und so weiter und so fort. Dass Sarah gar nicht nach Singapur ziehen wollte, störte ihn nicht. Er gab ihr weiter Tipps, weil „als Frau isch des ja schwierig uff dem Arbeitsmarkt“. Manfred erzählte und erzählte von seinen Kontakten in der Welt. Wenn wir beruflich mal was bräuchten, sollten wir uns bei ihm melden. 

Lieber Manfred, nicht mal im Traum. Nach fast drei Stunden kamen wir endlich in Stuttgart an. Als ich endlich aus dem silbernen Kombi ausstieg, sagte ich – dankend, dass es endlich vorbei war – die zwei Wörter, die wohl jeder Mitfahrer einer Mitfahrgelegenheit schon mal gesagt: „Nie wieder.“

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