Horror-Mitfahrgelegenheit: Der sexsüchtige Soldat

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horror-Trip. Folge 7: Ungebetene Details aus dem Sexleben des Fahrers.
Von Elena Bavandpoori
horrormitfahrgelegenheit berufssoldat cover

Illustration: Julia Schubert

Strecke: Meckenheim — München

Der Fahrer: Johannes, 27, „richtet sich nach seinen Mitfahrern“

Horror-Stufe: 6 von 10

Mit einer festen Umarmung verabschiedet sich mein Vater am Meckenheimer Bahnhof von mir. Nach einem Besuch bei meinen Eltern geht es für mich mit der Mitfahrgelegenheit nach München, zusammen mit Fahrer Johannes und Mitfahrer Tillmann.

Von Johannes' Profil weiß ich: Er ist 27, arbeitet in Bayern, wohnt aber mit seiner Frau in Meckenheim bei Bonn und pendelt daher regelmäßig. Tillmann ist 19 und möchte ein wildes Leben als Informatikstudent in Koblenz starten.

Als Johannes aus seinem brandneuen 3er BMW Kombi aussteigt, fällt mir zunächst sein Outfit ins Auge: eine Bundeswehruniform. Menschen in Uniformen sind mir normalerweise suspekt, aber Soldat Johannes ist einfach so gut getarnt, dass mich meine Intuition im Stich lässt. Also setze ich mich nach vorne.

„Ich habe im Studium meine Jungfräulichkeit verloren. Mit 24. Aber seitdem hatte ich mit mehr als 60 Frauen Sex“

Johannes kreiert ein wohliges Ambiente in seinem Fahrzeug, indem er EDM-Musik aufdreht und die erste Dose Monster Energy zischend öffnet. Er fragt Tillmann und mich kurz nach unseren Plänen, aber ich merke schnell: Johannes stellt Fragen, um sie anschließend selbst zu beantworten. „Was studierst du denn, Tillmann? Also ich habe ja …“ Höflich hört Tillmann zu und wirft nach einem fünfminütigen Monolog von Johannes schüchtern „Informatik“ ein. Johannes hört ihn nicht. Stattdessen sagt er: „Ich habe im Studium meine Jungfräulichkeit verloren. Mit 24. Aber seitdem hatte ich mit mehr als 60 Frauen Sex.“

Damit beendet er sein Ein-Mann-Gespräch und schaut mich zufrieden an.

Hilfesuchend drehe ich mich zu Tillmann um, der immerhin die breiten Ledersitze als Schutzschild vor sich hat. Noch einmal versuche ich die Konversation auf sein Informatikstudium zu lenken. Aber keine Chance. Johannes gibt Tillmann einen wichtigen Rat: Er solle alles ausprobieren. Habe er auch so gemacht und jetzt wisse er viel mehr über sich.

Zum Beispiel, dass Nicht-weiße Frauen und Egal-welche-Hautfarbe-Männer nicht in sein Beuteschema passen. Tillmann und ich müssen uns also keine Hoffnung machen. „Ehrenmann!“, werfe ich ein. Johannes hört mich nicht. Johannes erzählt weiter: „Mir hat auf einer Sex-Party mal ein Typ 200 Euro gegeben, um mir einen blasen zu dürfen. War ein gutes Geschäft. Würde ich aber nicht wiederholen. Für mich kommen nur noch tätowierte und gepiercte Frauen aus dem Osten infrage.“ Ich bin zutiefst fasziniert von Johannes' Unfähigkeit, soziale Umgangsformen zu verstehen und frage ihn interessiert, warum er diese Geschichten mit uns teilt und ob er sie für einen Smalltalk nicht zu intim finde. Er sei halt nicht prüde, antwortet er und öffnet die zweite Monster Energy. Offensichtlich erleichtert steigt Tillmann in Koblenz aus und eine junge Frau nimmt seinen Platz ein. Sie schläft sofort ein. Glückspilz. Johannes bekommt einen Anruf. Seine Frau. Oder wie er sagt: Seine „jetzige“ Frau. Seine Stimme ändert sich, wird viel weicher. Er verwendet am Telefon liebliche Tiernamen wie Hase und Maus. Nachdem er aufgelegt, sagt er: „Mittlerweile kommt sie auch mit.“ Seit einigen Jahren besuche er regelmäßig Swinger-Clubs. „Das Catering ist da sehr gut“, verkündet er und übergibt mir seine Mitgliedskarte.

Wenn man bei der Bundeswehr auf Station ist, könne es mal einsam werden

Für ihn sei das eine bessere Alternative als Fremdgehen. Wenn man bei der Bundeswehr auf Station ist, könne es mal einsam werden und diese Einsamkeit habe er mit Dating-Apps bekämpft. Aber seiner „jetzigen Frau“ habe das so gar nicht gefallen. „Deshalb habe ich irgendwann aufgehört, obwohl es nicht einfach ist.“ Ich glaube, er erwartet, dass ich ihm dafür applaudiere.

Ich hole tief Luft, stecke demonstrativ meine Kopfhörer in die Ohren und hoffe, zu übertönen. Einige Male tippt er mich an und versucht noch die Unterhaltung mit mir aufzunehmen, indem er mir von seiner Penislänge, seiner Erfahrung mit Dreiern und Rollenspielen erzählt. „Ich bin müde, Johannes“, sage ich kopfschüttelnd. Er zuckt mit den Schultern und öffnet noch eine Dose Monster.

Johannes fährt einwandfrei, bringt mich sogar vor die Haustür. Einige Tage später sehe ich, dass er unser Zusammentreffen mit fünf Sternen bewertet hat: „Elena ist sehr freundlich, offen und mit ihr habe ich mich sehr gut unterhalten. Gerne wieder!“ Ich lache. Und werde nicht wieder mit ihm fahren.

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