Horror-Mitfahrgelegenheit: Der Parfümierer

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horror-Trip. Folge 9: Übergriffige Düfte.
Von Caroline Kunz
horror mitfahrgelegenheit busfahrt

Illustration: jetzt

Strecke: Von München nach Tübingen mit dem Fernbus

Der Mitfahrer: „Wie lange dauert es noch?”-Jonas

Horrorstufe: 9 von 10

Der Plan für meine Fahrt mit dem Fernbus: Musik hören, aus dem Fenster starren, das feministische Manifest „Fleischmarkt“ von Laurie Penny lesen. Endlich mal ein bisschen Ruhe. Ich war bei meinen Eltern zu Besuch, hatte dort viel um die Ohren und will jetzt schnellstmöglich nach Hause zu meiner WG. Während ich lese, unterhält sich ein Typ in meiner Sitzreihe Ende 20, nennen wir ihn Jonas, mit den Menschen hinter ihm. So weit, so gut. Alles normal.

Wir sind noch nicht mal aus München raus, da muss ich plötzlich niesen und werde von Jonas in ein Gespräch verwickelt. Abgesehen von seiner Alkoholfahne ist er eigentlich ganz nett. Er hat Freund*innen in München besucht und fährt jetzt nach Reutlingen. Ich erzähle ein bisschen von mir. Dann will ich wieder lesen. Zurück zu Laurie Penny und dem Patriarchat. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Dies soll die stressigste Busfahrt meines Lebens werden.

Alle zwei Minuten rüttelt Jonas an meiner Schulter

20 Minuten vor Augsburg. Er fragt mich, wie lange es noch dauere bis wir wieder halten. Er wolle rauchen.

10 Minuten vor Augsburg. Er fragt mich, wie lange es noch dauere bis wir wieder halten. Er wolle rauchen.

Augsburg. Jonas raucht.

30 Minuten vor Ulm. „Wie lange noch?”. 28 Minuten. „Wie lange?“. 26. Ich verstehe, dass es ihm nicht um die Antwort geht. Jonas will unbedingt mit mir reden, aber ich nicht mit ihm. Ich will ja lesen und hin und wieder gedankenverloren aus dem Fenster schauen. „Wie lange noch? Entschuldigung, ich bin sooo betrunken“. Ich stelle mich taub und er wird daraufhin einfach lauter. „Wie lange?“. 22. Ich nehme mir vor, ein letztes Mal zu antworten. Dann würde er schon von selbst aufhören. „Wie lange?“. 20. Er rüttelt an meiner Schulter. Ich antworte deutlich genervt und stecke mir Kopfhörer in die Ohren. Ab jetzt bin ich offiziell beschäftigt.

18 Minuten vor Ulm. Jonas verschwindet nach unten – es ist ein Doppeldeckerbus – und ich denke, ich hätte endlich meine Ruhe. Er bleibt sehr lange weg und als er wieder kommt, riecht es plötzlich nach Rauch.

Irgendwann muss ich aufs Klo und verstehe, woher der Zigarettengeruch kam. Auf dem Busklo riecht es nach einer Mischung aus Rauch und Parfüm. Als ich mich wieder auf meinen Platz setze, stinkt es oben nach der gleichen Mischung aus Rauch und Parfüm. Herb und säuerlich zugleich. Es fühlt sich an wie damals im Schulbus, als die pseudocoolen Kids so viel Deo versprüht haben, dass niemand mehr atmen konnte. Genau so stickig ist es jetzt. Nur, dass ich nicht in ein paar Minuten aussteigen kann, sondern erst in ein paar Stunden. Hallo Kopfschmerzen und Tschüss entspannte Busfahrt. Wir sind noch nicht einmal in Stuttgart.

„Wenn du mich noch ein Mal anfasst, hau ich dir dein ekliges Parfüm dermaßen in die Fresse, dass du nicht mal mehr ans Rauchen denken kannst“

Ich stecke meine Nase tief in mein Buch und hoffe, dass er sich ausgesponnen hat. Aber prompt fragt Jonas, ob er sich neben mich setzen dürfe. Ich sage nein. Er versteht das nicht und drängelt weiter. „Warum nicht? Warum nicht? Wie lange noch?”. Er rüttelt schon seit Augsburg jedes Mal, wenn er mich anspricht, an meiner Schulter, nun pikst er mich sogar in die Taille. Immer wieder. Ich sage lauter, dass er mich in Ruhe lassen solle. Von den Umsitzenden sagt niemand etwas.

Ich verstehs nicht, die müssen doch auch fast ersticken und genervt sein? Ich weiß mir nicht mehr zu helfen – ich kann hier ja nicht weg, die anderen Sitze sind belegt. „Wenn du mich noch ein Mal anfasst, hau ich dir dein ekliges Parfüm dermaßen in die Fresse, dass du nicht mal mehr ans Rauchen denken kannst“, würde ich am Liebsten so laut brüllen, dass es der ganze Bus hört. Das würde die Situation aber wohl nur noch weiter hochschaukeln. Stattdessen rufe ich eine Freundin an, um noch beschäftigter zu wirken. Zum Glück geht sie ran. „Bitte, bitte sprich und lass ihn mich nicht mehr anfassen“, denke ich. In meinem Kopf dreht es sich und gleichzeitig fängt Jonas an, aus purer Freude am Pumpknopf wild Parfüm in die Luft zu sprühen. Und zwar bis wir in Reutlingen sind.

Plötzlich zieht er auch noch an meinen Haaren

Mein Schal liegt auf dem Sitz neben mir und er zieht daran. Ich verstehe das als weiteren Versuch, mir auf die Nerven zu gehen. 15 Minuten nach Stuttgart bin ich in einem Funkloch und kann nicht mehr mit meiner Freundin telefonieren. Natürlich höre ich sofort ein „Wie lange? Ich will neben dir sitzen”. Als ich nicht antworte, klettert er auf den mittlerweile freien Sitz hinter mir und zieht an meinen Haaren. Das ist so absurd, dass ich mich noch ohnmächtiger fühle als eh schon. Ich schreie, dass er mich in Frieden lassen solle und nicht mal die Person, die vor mir sitzt, dreht sich um.

Die Situation ist nicht schlimm genug, um krasse Maßnahmen zu ergreifen, aber unangenehm genug, dass ich verzweifelt bin. In Reutlingen bin ich nach den längsten vier Stunden meines Lebens erlöst und Jonas steigt aus. Ich muss mich nur noch der Frage stellen, wie ich meiner Verabredung erkläre, warum ich eine stinkige, eklige Duftwolke bin und mein Schal nass vor Parfüm ist. Eins hab ich verstanden: Egal, wie viel feministische Theorie du liest, es schützt dich nicht vor übergriffigen Menschen.

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