"Jeder muss seine Identität überdenken"

Junge Deutsche haben mehr Kontakt zu Muslimen als früher. Steht uns eine tolerante Zukunft bevor?
Interview: Charlotte Haunhorst
Illustration: Daniela Rudolf

"Deutsche wissen wenig über Muslime" oder "Deutsche haben kaum Kontakt zu Muslimen" - diese Schlagzeilen waren in den vergangenen Tagen überall zu lesen. Hintergrund war eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der dpa.

Die gute Nachricht bei all dem: Junge Menschen zwischen 18 und 24 hätten entgegen dem Trend mehr Kontakt zu Muslimen, jeder Zweite in dieser Altersgruppe hat jemanden mit muslimischen Hintergrund im Bekanntenkreis. Steht uns also eine tolerante und offene Zukunft bevor?

Wir haben für diese Frage mit Wolfgang Frindte, Professor für Kommunikationspsychologie an der Universität Jena, telefoniert. Frindte führt seit vielen Jahren regelmäßig Studien zu den Radikalisierungsprozessen junger Menschen durch. 2012 sorgte seine Studie "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" für Schlagzeilen.

jetzt: Einer aktuellen Studie zufolge kennen knapp zwei Drittel der deutschen Nicht-Muslime niemanden mit muslimischem Hintergrund persönlich. Überrascht Sie das?

Wolfgang Frindte: Nein, dieses Ergebnis finden wir auch in unseren Studien immer wieder, auch wenn diese nicht repräsentativ sind. Die Angst vor Muslimen ist bei denjenigen, die keinen persönlichen Kontakt zu ihnen haben, dann auch wesentlich ausgeprägter. Das ist einfach die Angst vor dem Unbekannten. Kontakt kann helfen, um Vorurteile abzubauen.

In der Studie heißt es auch, dass die 18- bis 24-Jährigen sehr viel mehr Kontakt zu Muslimen haben. Bei Akademikern in dieser Altersgruppe ist es sogar jeder Zweite. Wird also alles besser, wenn die Alten erstmal weg sind?

Das sagen diese Ergebnisse aus meiner Sicht nicht. Sie stellen nur eine erlebte Tatsache fest, also dass junge Leute mehr Kontakt zu Muslimen haben als alte. Was gesellschaftlich daraus wird, hängt von vielen Prozessen ab. 

Was für Prozesse?

Integration fordert nicht nur die zu Integrierenden, also die Migranten und Migrantinnen, sondern auch die Mehrheitsgesellschaft. Jeder muss die eigene Identität neu überdenken. Und da beobachten wir auf beiden Seiten sehr differenzierte subkulturelle Entwicklungen.

"Kultur ist etwas, das man immer im Rucksack mit sich herumträgt."

Zum Beispiel?

Zum Beispiel wollen Jugendbewegungen in der Türkei seit einiger Zeit die jungen Menschen in ihrer Identität als Türkinnen und Türken bestärken. Viele nutzen dazu Präsident Erdogan als Leitfigur. Andere wiederum berufen sich auf die Religiosität als Hauptanker in der eigenen Identität. Allein schon über die Medien werden sich diese Einflüsse auch auf den Integrationsprozess in Deutschland ausüben. Ich bin trotzdem optimistisch für die Zukunft: 2012 haben wir eine Studie zur Lebenswelt junger Muslime in Deutschland durchgeführt und dabei festgestellt: Problematisch wird es erst, wenn junge Muslime sich in ihrer Identität nur noch als Muslime betrachten. Wenn sie keine Patchwork-Identitäten mehr entwickeln können, sich nicht mehr als Fußballer, Autofahrer, Handballer oder Strickende betrachten. Dann erst wird es problematisch mit der Integration. Das gilt aber genau so für junge Rechtsextreme, die sich nur noch als Deutsche sehen.

Würden Sie also sagen: Die Ergebnisse der YouGov-Studie sind zwar nett, es liegt allerdings an uns, etwas daraus zu machen?

Genau. Wir müssen uns trauen, uns auf die gegenseitigen Wertorientierungen einzulassen. Kultur ist etwas, das man immer im Rucksack mit sich herumträgt. Die Zugewanderten werden nicht ihre kulturelle Herkunft ablegen können, und das soll auch niemand. Assimilation im Sinne von "Migranten sollen ihre Herkunft in Deutschland vergessen" ist völlig aberwitzig. Stattdessen muss man andere Kulturen als Bereicherung der Gesellschaft betrachten.

Die Studie zeigt ja auch, dass, wenn kein persönlicher Kontakt existiert, die meisten Menschen ihr Wissen über Muslime über die Medien und vom Hörensagen haben...

Es gibt da mehrere Transformationsebenen. Die eine ist die Tradition: Informationen über andere Bevölkerungsgruppen werden also von Generation zu Generation persönlich weitergegeben. Die anderen sind die Medien. Aber auch dort muss man differenzieren zwischen Qualitätsmedien, wozu ich jetzt mal bestimmte Zeitungen, öffentlich-rechtliches Fernsehen und auch hochwertige Online-Medien, zum Beispiel von Zeitungen, zählen würde.

 

Aber das Fernsehen spielt doch fast keine Rolle mehr?

Gesamtgesellschaftlich ist das Fernsehen immer noch die Hauptinformationsquelle der Menschen. In unseren Studien zeigt sich, dass vor allem diejenigen, die ihre Nachrichten über das Privatfernsehen konsumieren, ausgeprägtere Vorurteile haben als diejenigen, die die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender nutzen oder sich an Qualitätszeitungen orientieren.

Wie ist das mit Online-Medien? Bei Facebook werden ja erfahrungsgemäß besonders viele Gerüchte über Muslime und Flüchtlinge verbreitet.

In unseren Studien hat sich Facebook, was Vorurteile angeht, nicht als besonders negatives Medium gezeigt. Allerdings waren diese Studien auch nicht repräsentativ. Andererseits: Wenn man in bestimmte Facebookgruppen hineinschaut, findet man dort schon massiven Scheißkram. In einer neueren Studie haben wir die Facebookeinträge, -gruppen und Links von Pegida-Anhängern untersucht. Da haben wir schon aberwitzige Geschichten gefunden, die mit Vorurteilen verbunden waren. Diejenigen, die in diesen Gruppen drin sind, nehmen das als Realität war.

 

"Nicht die tatsächliche Bedrohung führt zu Bedrohungsängsten."

 

Inwiefern ist das problematisch?

Generell muss man sagen: Nicht die tatsächliche Bedrohung führt zu Bedrohungsängsten. Sondern die inszenierte und zum Teil auch eingebildete Bedrohung. Das findet man auch bei Terroranschlägen. Dort beobachten wir seit 2001 einen quantitativen Rückgang der Terroranschläge in Westeuropa und gleichzeitig einen massiven Anstieg der Terrorangst. Das hängt mit Schlüsselereignissen zusammen, mit Paris und Brüssel, bezogen auf die Flüchtlinge auch mit den Ereignissen der Silvesternacht in Köln. Die wird von vielen genutzt, um die eigene Vorurteile zu verankern und weiter zu bestärken. 

Wie werden Muslime Ihrer Erkenntnissen nach in den Medien dargestellt?

Es wird immer noch oft das Gegensatzpaar "Der Westen" und "Der Islam" aufgemacht, obwohl das inhaltlich ja gar nicht zueinander passt. Das eine ist eine geografische Zuschreibung, das andere eine religiöse. Bei Umfragen taucht auch immer noch regelmäßig die Frage auf: "Was halten Sie denn vom Kampf der Kulturen zwischen dem Westen und dem Islam?"  Allein in dieser Frage stecken zahlreiche Fehler. Man müsste, wenn überhaupt, von einem "Zusammenprall der Kulturen" sprechen, und "den Westen" und "den Islam" gibt es natürlich so auch nicht. Marx schrieb mal so schön: "Einen Widerspruch zu lösen heißt, ihn in Bewegung zu setzen." Aber ich bewege ja nichts, indem ich Scheinwidersprüche aufmache! Dadurch nehmen Probleme nur zu. Allerdings gibt es seit der Flüchtlingsproblematik auch Veränderungen, die ich sehr schätze. Bei den Qualitätsmedien ist mittlerweile ein hohes Maß an Selbstreflexion vorhanden. Journalistinnen und Journalisten stellen sich immer mehr die Fragen: "Wie berichten wir eigentlich?" Und: "Ist die Art, wie wir berichten, nicht vielleicht auch eine mögliche Ursache für Konfliktverstärkung?" Das finde ich ausgesprochen spannend. Genau so müssen wir Wissenschaftler uns auch verstärkt fragen, was wir für Debatten mit unseren Publikationen anstoßen.

Sie spielen dabei jetzt auf Ihre für das Bundesinnenministerium durchgeführte Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ aus dem Jahr 2012 an. Die Studie wurde damals in der BILD als "Schockstudie" tituliert, Schlagzeile war "Muslime verweigern Integration".

Ja, das hat uns ganz schön geschafft. Auch die jungen Leute, die damals intensive Interviewkontakte mit jungen Muslimen hatten, waren entsetzt, in was für einem Zusammenhang ihre Ergebnisse auf einmal standen. Dass dahinter auch politisches Kalkül stand, auch vom damaligen Innenministerium, sehe ich heute schon deutlich. Wir haben diese Kritik sehr ernst genommen und die Daten im Anschluss auch noch einmal genauer betrachtet und verschiedene Veröffentlichungen dazu getätigt. Es gab dann auch noch einmal differenziertere Berichte, das hat mich sehr beruhigt.

 

"In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?"

 

Nach der Studie haben Sie damals im Interview mit der SZ unter anderem gesagt, dass Integration nur gelingen kann, wenn junge Muslime politisch partizipieren können. Was ist aus Ihren Forderungen geworden?

Fast gar nichts. Wir sollten neulich im Rahmen einer Studie zum Thema Dschihadismus Handlungsempfehlungen formulieren, und ich war dann doch sehr überrascht, wie ähnlich die Forderungen zu der Studie von vor vier Jahren waren. Die Integration in den Arbeitsmarkt, die Bildungschancen junger Muslime – das ist weiterhin sehr problembehaftet. Politische Partizipation bedeutet ja nicht nur, dass die Leute wählen können, sondern dass sie sich auch dort, wo sie wohnen, politisch beteiligen können. Da gibt es punktuell gute Entwicklungen, allerdings hängt das stark von der örtlichen Zivilgesellschaft ab. Große Hochachtung also gegenüber all jenen Blutdeutschen, die sich in Vereinen engagieren und dort junge Muslime mit hineinnehmen. Sei es beim Fußball, der Feuerwehr oder politischen Institutionen.

 

Wenn zivilgesellschaftliches Engagement so wichtig ist, könnte man dann nicht sagen, die Flüchtlingskrise ist für uns ein Glücksfall? Denn dort haben viele ja erst ihre sozialen Seiten und den Kontakt zu Muslimen für sich entdeckt...

Ihr Wort in das Ohr der Alten! Die sehen das nämlich überhaupt nicht als Glücksfall. Unsere Studie vergangenen Herbst hat herausgefunden, dass insbesondere Männer mit mittlerem bis höherem Monatseinkommen in der Altersgruppe 50 bis 59 große Vorurteile gegenüber Muslimen haben. Das spiegelt sich dann ja auch in Wahlgewinnen der AfD wider. Wenn man das Thema aber mal perspektivisch betrachtet, kann man sagen: Natürlich wird diese Migrationswelle mit großen Auseinandersetzungen verbunden sein. Aber die Soziologie hat ja immer wieder gezeigt: Wenn sich eine Gesellschaft diesen Risiken und Herausforderungen erst einmal stellt, findet sie auch einen Weg, diese zu meistern. Und die Flüchtlingskrise ist da in der Tat besonders geeignet, damit die Menschen sich mal wieder fragen: In was für einer Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?