„Die Medien sind voller Sex, aber im Alltag gilt Sex als etwas Schlechtes“

Dana Newman hat auf Youtube eine Serie über das Frausein in Deutschland und den USA gestartet.
Interview von Nadja Schlüter

Dana Newman ist eigentlich für lustige Videos über Deutschland und die deutsche Sprache bekannt. Jetzt wagt sie sich auch an ernstere Themen.

Foto: Stefan Siewert

Dana Newman, 33, ist Amerikanerin und lebt seit neun Jahren in Deutschland. Seit 2014 spricht sie auf ihrem Youtube-Kanal „WantedAdventure“ über die Unterschiede zwischen ihren beiden Heimatländern. Jetzt hat sie eine neue Serie gestartet: Für „Being a Woman“ hat Dana mit 15 Youtuberinnen, Autorinnen und Künstlerinnen (und einem Mann) über Themen rund um Feminismus, Sexismus und Gender gesprochen. Unter anderem waren Trixi von „Don’t Trust the Rabbit“, Hannah von „Klein Aber Hannah“ und Julia Korbik mit dabei. Es ging um die weibliche Periode und sexuelle Übergriffe, um Sexualaufklärung und Körperbilder, Mutterschaft und Geschlechterrollen – und natürlich um deutsche und amerikanische Eigenheiten.

jetzt: Dana, du hast schon viele Videos über die Unterschiede zwischen den USA und Deutschland gemacht …

Dana Newman: Über 500 seit 2014!

… und die meisten davon behandeln eher leichte Themen, zum Beispiel sprachliche oder kulturelle Schrulligkeiten. Wieso hast du dich entschieden, jetzt ernstere Themen anzugehen?

Im Zuge der #Metoo-Bewegung haben Frauen angefangen, ihre Geschichten und Erfahrungen zu teilen, und das war für mich eine Art Erweckungserlebnis: Ich habe plötzlich verstanden, was mir als Frau schon alles passiert ist, unangenehme Situationen, für die ich mir selbst die Schuld gegeben habe oder in denen ich dachte, dass meine Gefühle falsch sind. Ich habe Sexismus erlebt und lange nicht mal verstanden, dass es Sexismus war. Und da dachte ich, dass ich gerne meine Plattform nutzen und auch darüber sprechen will, übers Frausein und über Sexismus. Um das Gespräch darüber am Laufen zu halten.

„Der weibliche Körper wird in den USA stärker sexualisiert als in Deutschland“

Auch in den neuen Videos geht es immer wieder um Unterschiede zwischen Deutschland und den USA. Gibt es „typisch amerikanische“ und „typisch deutsche“ Erfahrungen als Frau? 

Die meisten Erfahrungen, die Frauen machen, sind individuell, aber ein paar Sachen lassen sich generalisieren. Zum Beispiel wird der weibliche Körper zwar in beiden Ländern sexualisiert, aber in den USA ist das noch etwas stärker, vor allem in Filmen und in der Werbung. Das haben auch die meisten meiner Gesprächspartner*innen so empfunden. In einem Video über Dresscodes an der Schule wird deutlich, dass fast alle Amerikaner*innen das kennen, Deutsche aber kaum.

Gab es einen Unterschied, der dich besonders überrascht hat?

In den USA gibt es einen Doppelstandard: Die Medien sind voller Sex, aber im Alltag gilt Sex als etwas Schlechtes. In Deutschland ist dieser Gegensatz nicht so stark. 

Du hast als Kind und Jugendliche lange in Florida gelebt. Wie wurdest du aufgeklärt? 

Ich hatte das volle Enthaltsamkeits-Programm, die Botschaft war: „Der einzig sichere Sex, ist gar kein Sex“. Das war’s. Verhütung war nie ein Thema und sexuell übertragbare Krankheiten nur in Form von abschreckenden Fotos mit erkrankten Genitalien drauf.

Die meisten deiner Gesprächspartner*innen sind Youtuber*innen oder kommen aus den Medien. Bewegst du dich da nicht zu sehr in einer Blase?

Dass die meisten irgendwas mit Social Media zu tun haben oder dort zumindest aktiv sind, war zum Teil Absicht. Ich wollte bei so sensiblen Themen lieber Menschen interviewen, die sich damit wohlfühlen, vor der Kamera zu sprechen. Gerade bei den Youtuber*innen war es auch hilfreich, dass sie wissen, wie solche Drehs laufen. Dass man oft improvisieren und manchmal die Kamera auf einem Bücherstapel installieren muss oder so.

„Ich finde es wichtig, sich zu öffnen – aber niemand soll sich dazu verpflichtet fühlen“

Wie habt ihr entschieden, über welche Themen ihr sprecht?

Ich habe eine Liste mit Themen geschrieben, über die ich gerne sprechen würde, und sie an die Gesprächspartner*innen geschickt. Sie haben dann eine Rangliste gemacht, was sie am meisten interessiert. 

In deinem ersten Video fragst du, was Frauen daran lieben, Frauen zu sein, und was sie daran hassen. Kam da mehr Liebe oder mehr Hass zusammen? 

Vor allem kam dabei raus, dass die Frage nach den Vorteilen nicht leicht zu beantworten ist. Denn alles, was die Frauen lieben, hat damit zu tun, dass sie Menschen sind, nicht Frauen, von Schwangerschaft und Geburt mal abgesehen. Aber Schokokuchen genießen können? Ist eine menschliche Eigenschaft. Eine Gesprächspartnerin sagte: „Ich liebe es, dass ich als Frau emotional sein kann“ – aber dann merkte sie, dass genau das ja ein Problem ist, denn alle sollten emotional sein dürfen. Was sie hassen, konnten alle sehr leicht benennen, weil es dabei ja um die vielen Ungerechtigkeiten geht, die es immer noch gibt, weil keine Gleichberechtigung herrscht. 

BEING A WOMAN - What I Love & Hate || Dana Originals

Schon im zweiten Video der Reihe wird es sehr persönlich und du sprichst mit Ella von „Ella TheBee“ über Situationen, in denen ihr Sex hattet, ohne das wirklich zu wollen. Glaubst du, dass es wichtig ist, als Youtuber*in so offen zu sein?

Ich finde es schon wichtig, sich zu öffnen, aber niemand soll sich dazu verpflichtet fühlen, bevor er oder sie dazu bereit ist. Ich selbst war ja lange nicht bereit, so ernste und persönliche Videos zu machen. 

Und wo ziehst du die Grenze?

Gute Frage. Ich denke, es ist eine bewegliche Grenze, die sich in meinem Leben immer wieder verschiebt. Wenn du mich vor zwei Jahren gefragt hättest, wäre sie noch ganz woanders verlaufen, da hätte ich niemals gedacht, dass ich in einem Video mal über Sex sprechen würde. Aber jetzt fühle ich mich bereit dazu.

War von deinen Follower*innen niemand enttäuscht, dass du jetzt sozusagen das Metier wechselst, von unterhaltsam zu ernst?

Es gab schon ein paar Beschwerden, aber das meiste Feedback war: „Was für ein toller nächster Schritt!“

Wie sehen die Reaktionen bisher aus?

Die Zuschauer*innen diskutieren immer noch sachlich, auch wenn sie nicht meiner Meinung sind. Und wenn jemand einen fiesen Kommentar abgibt, sind sofort andere zur Stelle und fragen: „Warum schreibst du sowas?“ Ich hoffe ja, dass die  neuen Videos es auch aus meiner Community herausschaffen und ein breiteres Publikum finden.

„Youtube lässt vor einigen der Videos keine Werbung zu, weil es um Sex geht“

Hast du bisher mehr weibliche oder mehr männliche Follower*innen?

Ungefähr halbe-halbe. 

Meinst du, das ändert sich jetzt?

Ich hoffe nicht. Ein paar Männer haben schon sowas kommentiert wie: „Ich weiß, diese Videos sind nicht für mich gedacht, aber…“ Dabei sind sie ja für alle! Das ist so ein Ding in unserer Gesellschaft: Wenn eine Frau ein Buch schreibt, heißt es, es sei ein Buch „für Frauen“, und ein Film von einer Frau mit Frauen in den Hauptrollen ist auch „für Frauen“. Aber wenn ein Mann irgendwas macht, ist es angeblich für alle…

Wirst du die Reihe noch weiterführen?

Ich würde gerne noch mit viel mehr Leuten reden! Das Problem ist, dass wir die Videos bisher aus eigener Tasche finanziert haben. Ich bin mit meinem Mann, der gefilmt und seinen Urlaub dafür geopfert hat, und mit kleinem Equipment zwei Wochen lang quer durch Deutschland gereist. Um weitermachen zu können, wären wir auf Sponsoring angewiesen. 

Aber als professionelle Youtuber*in verdienst du doch Geld mit deinen Videos.

Youtube lässt vor einigen der neuen Videos keine Werbung zu, weil es um Sex geht und das zu den „sensiblen Themen“ gehört, die viele Werbepartner als Umfeld ausschließen. In den Youtube-Guidelines steht ebenfalls, dass man nicht offen über Sex sprechen darf, und das gilt anscheinend auch für Video mit einem Bildungs- und Aufklärungsanspruch. Was Tabu-Themen angeht, gerät man da also schnell in einen Teufelskreis: Man will darüber sprechen, aber dann laufen die Videos ohne Werbung, man kriegt sie nicht finanziert, kann also nicht weiter darüber sprechen – und dann bleiben die Themen tabu.

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