„Ich musste lernen, mich selbst vor Rassismus zu schützen“

Ghofrane lebt als Schwarze Frau in Tunesien und berichtet in dieser Folge „Sex auf arabisch“ von dem Rassismus, den sie immer wieder erlebt.
Illustration: jetzt

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Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne „Sex auf arabisch“ reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland.

Ghofrane, 27, ist eine Schwarze Frau aus Tunis. So wie sie haben ungefähr 15 Prozent der Menschen in Tunesien eine schwarze Hautfarbe. Viele von ihnen sind Nachkommen von Sklav*innen aus dem Sudan. Sklaverei gab es in Tunesien bis 1846 – damals war es das erste Land im arabischen Raum, das die Sklaverei abschaffte. Die unterschied sich erheblich von der in den USA: Während Schwarze in den USA vor allem auf Plantagen arbeiteten, waren in Tunesien die meisten von ihnen Hausangestellte oder Konkubinen. Viele von ihnen wurden im Laufe ihres Lebens freie Bürger*innen und in die Gesellschaft integriert, andere blieben auch nach der Abschaffung der Sklaverei noch Diener*innen. Aber Schwarze Tunesier*innen stammen nicht zwangsläufig von Sklav*innen ab. Sie können auch ethnisch verwandt sein mit Volksgruppen, die schon lange die Region um die Sahara besiedeln. Ghofranes Familie kommt aus dem Süden des Landes. Aufgrund ihrer Hautfarbe erlebt sie immer wieder Rassismus.

„Viele tunesische Männer glauben, dass ich magische Kräfte habe. Als Schwarze Frau gelte ich als lustvoll und besonders gut im Bett. Manche glauben sogar, dass der Sex mit mir Krankheiten heilen würde. Vor ein paar Wochen hat mir ein Typ auf der Straße gesagt, dass es ihn vor dem Coronavirus schützen würde, wenn ich mit ihm schliefe. Es gibt viele Tunesier, die davon träumen, mit einer Schwarzen Sex zu haben – auch wenn sie nicht an Zauberkräfte glauben. In meiner ersten Beziehung habe ich aber gelernt, dass es trotzdem nur wenige gibt, die auch eine heiraten würden.

Ich habe meinen Ex-Freund vor fünf Jahren kennengelernt. Wir liebten uns und wollten eines Tages heiraten. Trotzdem trennte er sich von mir, nachdem er mich seiner Familie vorgestellt hatte. Denn seine Eltern waren gegen die Beziehung. Sie wollten eine weiße Frau mit grünen Augen für ihren Sohn. Er gehorchte und ließ mich fallen. Heute ist er verheiratet und hat sechs Kinder – mit einer weißen Frau mit grünen Augen. Er war meine erste und vielleicht auch meine letzte Liebe.

Zwar hat Tunesien 1846 die Sklaverei abgeschafft. Aber wir leben trotzdem immer noch mit dem Erbe der Unfreiheit. Viele Schwarze behielten ihre Sklavennamen und arbeiteten weiter als Hausangestellte mit schlechter Bezahlung. Doch egal ob Sklav*innen oder nicht, wir Schwarzen Tunesier*innen sind alle von Rassismus betroffen. Am Schlimmsten ist es für die Einwander*innen aus Subsahara-Afrika. Viele von ihnen arbeiten auch heute noch wie Sklaven. Wenn sie rassistisch beleidigt werden und deswegen zur Polizei gehen, werden sie dort zuerst nach ihrer Aufenthaltsgenehmigung gefragt, dann werden sie wieder weggeschickt.

Damals wurde ich in der Grundschule gefragt, ob ich vergesse hätte, mich zu duschen

Es gibt viele Menschen, die Tunesien das Image eines europäischen Landes verleihen wollen. Dieses erträumte Land ist für die meisten nicht schwarz, sondern weiß. Anders als bei vielen meiner Freund*innen waren meine Vorfahren keine Sklav*innen. Aber meine schwarze Hautfarbe ist für viele in Tunesien ,unrein‘. Das habe ich bereits gespürt, als ich fünf Jahre alt war. Damals wurde ich in der Grundschule gefragt, ob ich vergesse hätte, mich zu duschen. Zu Hause versuchte ich verzweifelt, mir meine schwarze Hautfarbe vom Gesicht zu waschen. Mit sieben hatte ich eine Lehrerin, die mir in jeder Unterrichtsstunde eine Ohrfeige verpasste und mich in die Ecke stellte. Obwohl ich die Beste in der Klasse war.

Es dauerte viele Jahre, bis ich lernte, mich gegen die Anfeindungen zu wehren. Seit 2012 bin ich politische Aktivistin. Nach der Revolution 2010 und dem arabischen Frühling hat auch die Schwarze Community in Tunesien mehr Gehör gefunden. Lange haben wir unseren Mund gehalten. Jetzt ist endlich die Zeit gekommen, um den Rassismus im Land anzuprangern. Seit drei Jahren gibt es in Tunesien ein Gesetz, das rassistische Diskriminierung unter Strafe stellt. Doch das ist leider immer noch zu vage und hat zu wenig verändert. Viele Menschen in Tunesien erkennen nicht an, dass Schwarze rassistisch diskriminiert werden. Als Mitglied von zwei NGOs, die sich gegen Rassismus einsetzen, kämpfe ich dafür, dass sich das endlich ändert.

In den vergangen Jahren ist eines deutlich geworden: Ich musste lernen, mich selbst vor Rassismus zu schützen. Als sich vor fünf Jahren mein tunesischer Freund von mir trennte, beschloss ich, keine arabischen Männer mehr zu daten. Denn ich möchte nicht mit einem Mann zusammen sein, der mich nicht als gleichwertig betrachtet. Es gibt zwar viele tunesische Männer, die nicht rassistisch sind, und auch solche, die stark genug sind, zu ihrer Schwarzen Freundin zu stehen. Aber ich möchte nicht das Risiko eingehen, mich wieder in einen Mann zu verlieben, der mich so verletzt wie mein Ex-Freund.“

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