Sex im Shutdown: Wenn man Single ist

Was macht das Virus eigentlich mit unserem Sexleben? Folge vier unserer neuen Kolumne: Allein im Shutdown.
Von Katja Lewina
sexkolumne corona single cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Morgens zehn Minuten in der Dusche — das ist alles, was für mich dank drei unbetreuter Kinder grade an Freizeit drin ist. Und zwar seit Wochen schon. Kein Wunder, dass ich, während ich diverse Körperteile schrubbe, gern mal davon phantasiere, so einen Shutdown ganz alleine zu verbringen. In Ruhe arbeiten, lesen, Sport machen, abends schön mit den Besties zoomen und dazu an einem Limoncello-Glas nippen … Herrlich. So herrlich, dass ich mich von dieser Vorstellung nur losreißen kann, indem ich mir ausmale, wie einsam sich Singles jetzt fühlen müssen. Kein Sex, keine Berührung, keine menschliche Nähe. Niemand, der*die beim Abendessen gegenübersitzt. Niemand, der*die sich mit vor die Glotze haut und zusammen den Eiscreme-Eimer leerkratzt. Niemand, der*die eine heilsame Umarmung spendiert, wenn man meint, all die Restriktionen nicht mehr länger aushalten zu können. Während ich in meinem Welpen-Rudel jederzeit jemanden zum Kuscheln finde. Und in meinem Mann jemanden für … na ja, ihr wisst schon, etwas mehr halt. 

Aber wie ist es denn jetzt wirklich, so als Single im Shutdown? Sind Menschen, die grade nicht in Beziehungen sind, eher zu beglückwünschen oder zu bemitleiden? Um das herauszufinden, fragte ich letztens eine Freundin, nennen wir sie Wanda, eine zugegebenermaßen recht unsensible Frage: „Und, drehst du vor lauter Einsamkeit schon am Rad?“ Wie sich herausstellte, war vielmehr ich diejenige, die am Rad drehte. Wanda hingegen lebte tatsächlich das Leben meiner morgendlichen Duschträume. Und hatte sich vom Virus nicht mal die Nummer mit dem Dating nehmen lassen: Sie konnte jetzt zwar weder Party machen noch zur Arbeit, aber sie hatte ja immer noch Tinder. Und war bereit, sich für die gute Sache die Fingerkuppen blutig zu wischen. „Aber du triffst die doch nicht, oder?“, fragte ich.  

Soziale Kontakte sind ja von offizieller Seite nicht per se verboten

Natürlich traf sie sie. Für Spaziergänge im Park oder am Wasser, mit einer Eiswaffel in der Hand oder einem Wegbier. Glücklicherweise alles Vollpfosten, die keinerlei Bedürfnis nach physischer Interaktion hervorriefen. Bisher jedenfalls. Und wenn doch? Würde Wanda es sich eben reiflich überlegen. Soziale Kontakte sind ja von offizieller Seite nicht per se verboten, sondern nur auf ein Minimum zu reduzieren. Wie man sein eigenes Minimum aber gestaltet, lässt immer noch ziemlich großen Interpretationsspielraum. Der von Wanda sieht so aus: Da sie — außer ein paar Rempler*innen im Supermarkt — seit Wochen niemandem näher als anderthalb Meter gekommen sei, sei eine Infektion bei ihr sehr unwahrscheinlich. Und wenn der Typ das Gleiche von sich behaupten könnte, wäre so ein kleines Techtelmechtel nicht ausgeschlossen. So lange sich das fortan nicht mit wechselnden Partner*innen wiederholt, jedenfalls.

Eine andere Bekannte, nennen wir sie Melanie, hatte dank Corona vieles eingebüßt: alle Jobs der kommenden Monate, sicher geglaubte Honorare und im Zuge dessen auch ihre entspannte Grundhaltung. Ihr On-Off-Liebhaber war hingegen geblieben. Was und mit wem er es sonst noch so trieb, wenn er nicht bei ihr war? Unklar. Aber wie sollte sie die Isolation ganz alleine überstehen? Da müsse man halt abwägen: körperliche Gesundheit, aka Abwesenheit von Corona, oder psychische Gesundheit aka Sex und Nähe. Kurz wollte sich der Ordnungsamt-Fuzzi in mir aufbäumen und sie ermahnen. Aber dann erinnerte ich mich daran, wie überreich ich selbst mit Hautkontakt gesegnet war und wie gut sich mit ihm viele Krisen regulieren ließen. Und hielt die Klappe. Blockwärter*innen, die Leuten wie Melanie ein schlechtes Gewissen machen, gibt es online wie offline eh schon genug.

Ob Single oder nicht: Corona hat uns alle

Und dann sind da natürlich noch all die tapferen Singles, die sich, komme was wolle, an die Kontaktbeschränkungen halten. Die nur zum Einkaufen und Sportmachen rausgehen, die nicht mal ihre Freund*innen mit anderthalb Metern Abstand treffen. Ich ziehe meinen Hut vor ihnen und ihrer phänomenalen Gabe zur Selbstregulation. Und hoffe, dass sie auf Dauer nicht allzu sehr vereinsamen. Falls es sie überhaupt gibt. Denn gehört habe ich bisher noch von keinem von ihnen. 

Ob Single oder nicht: Corona hat uns alle, nur halt jede*n auf seine*ihre Weise. Wanda und Melanie jedenfalls können es kaum erwarten, mal wieder in einem vollen Club Haut an Haut, Schweiß an Schweiß zu tanzen und am nächsten Tag womöglich in einem fremden Bett aufzuwachen. Ich hingegen erwäge derweil, wenn das alles vorbei ist, den Shutdown nochmal in einem Häuschen in der Brandenburger Pampa nachzuspielen. Und zwar allein.  

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