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Illustration: Daniela Rudolf

Neulich in einem Café: Ich versuchte, das Buch „Frauen und Macht” zu lesen, wurde aber von zwei am Nebentisch sitzenden jungen Frauen von meiner Lektüre abgelenkt. Ihr mit gesenkter Stimme behandeltes Thema: Frauen und Macht. Sexuelle Macht, um genau zu sein. Ich war nicht in der Lage, wegzuhören. „Er ist so krass unterwürfig”, klagte die eine. „Dabei wäre es so geil, wenn er mich einfach mal …, du weißt schon, würde. So richtig halt. Stattdessen muss ich immer den Anfang machen und dann streichelt er mich eine halbe Ewigkeit und ...” – „Boah, voll der Abtörner”, bestätigte die andere. „Das ist ja total unmännlich.” Schwere Seufzer folgten.

Halten wir fest: Jemanden „einfach mal …”, das halten die beiden für männlich, Zurückhaltung im Gegenzug für weiblich. Die Kontrolle über den Akt gehört ihrer Meinung nach in die Hände des Mannes. Ich überlegte kurz, ob die beiden vielleicht Zeitreisende aus einem der vergangenen Jahrhunderte sein könnten. Ihr wisst schon, früher, als die Frau dem Mann nicht nur sexuell, sondern auch in allen anderen Belangen ihres Lebens unterworfen war. Aber nein, ihre Kleidung entsprach ganz dem Normcore des 21. Jahrhunderts. Vielleicht hatten sie dann einfach spezielle Vorlieben und waren an den Falschen geraten? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Denn so wahnsinnig speziell sind ihre Vorlieben nicht. 

Je nach Studie haben 30 bis 60 Prozent aller Frauen Vergewaltigungsphantasien

Einer Umfrage des Casual Dating Portals „Secret“ aus dem Jahr 2015 zufolge lassen sich drei Viertel der Frauen beim Sex gern führen, nur 38 Prozent schlüpfen auch selbst gern mal in die dominante Rolle (zum Vergleich: Bei den Männern ist es genau anders herum). Und Daniel Bergner, der in „Die versteckte Lust der Frauen” Forschungsergebnisse zur weiblichen Begierde zusammenträgt, konstatiert: Je nach Studie haben 30 bis 60 Prozent aller Frauen Vergewaltigungsphantasien (ohne das natürlich wirklich zu wollen).

Auch die Kulturerzeugnisse, die die meisten von uns konsumieren, zielen in diese Richtung. Man braucht den Mainstream-Porno, in dem Frauen natürlicherweise so richtig hart rangenommen werden, gar nicht erst auszugraben. Jede beliebige Sexszene in jeder beliebigen Hollywood-Schnulze ist schon Beispiel genug: Er übernimmt die Initiative, er drückt sie leidenschaftlich gegen die Wand, er ist über ihr, er liebkost ihren Körper. Und wer erinnert sich nicht daran, wie vor wenigen Jahren die Roman-Trilogie Fifty Shades of Grey, in der ein superreicher Psycho eine mittellose Studentin in seiner Folterkammer knebelt und auspeitscht, durch die Decke ging? Die (halbwegs fortschrittliche) Öffentlichkeit zeigte sich entsetzt: Was? Da kämpfen Frauen Jahrzehnte für die Gleichberechtigung, um sich dann kollektiv in Phantasien darüber zu ergehen, wie sie von einem in jeglicher Hinsicht potenten Mann nicht nur finanziell, sondern auch sexuell dominiert werden? 

Die israelische Soziologin Eva Illouz erklärt in ihrem Essay „Die neue Liebesordnung – Frauen, Männer und Shades of Grey” den Erfolg der Story damit, dass sie die Spannungen innerhalb der Geschlechterbeziehungen überwindet und damit zu einer Art zeitgenössischer Liebesutopie wird. Die Verhandlung von Rollen und Aufgaben, durch die wir uns im echten Leben mit unseren Partnern quälen müssen, alle Unsicherheiten und das ewige „Wo stehe ich in meiner Beziehung?” – das alles ist hier nach dem anfänglichen Hin und Her so gut wie ausgehebelt. Die Positionen der beiden Hauptfiguren bleiben statisch. Er oben, sie unten, und sie leben glücklich bis an ihr Lebensende. Die Menschen sind es also leid, ihre Beziehungen auszuhandeln. Kann man ihnen nicht vorwerfen, ist ja auch 'ne anstrengende Angelegenheit. Warum aber bauen sie sich keine echte zeitgenössische Liebesutopie, in der eine superreiche Milf einen devoten Studenten vermöbelt? Jetzt wäre die beste Zeit dafür: So gleichberechtigt wie heute war unsere Gesellschaft noch nie. 

Selbst Feministinnen finden nichts Verwerfliches daran, wenn Frauen ihren devoten Neigungen nachgehen

Von der Mehrheitsfähigkeit einer solchen Vorstellung sind wir tatsächlich aber ganze Galaxien entfernt. Die Bilder, die in unseren Köpfen und Bildschirmen regieren, entsprechen dem genauen Gegenteil. Denn bedauerlicherweise ist unser Rückenmark nicht ganz so schnell wie unser Hirn. Wir wissen, dass Herrschaft der Männer vorbei ist. Frauen brauchen keinen Mann mehr, um überleben zu können. Manche verdienen mehr als ihr Partner oder werden Bundeskanzlerin. Und trotzdem ist da was in ihnen, das die Unterwerfung genießt. Selbst etliche Feministinnen finden nichts Verwerfliches daran, wenn Frauen ihren devoten Neigungen nachgehen. Das Ganze sei schließlich individuelle Veranlagungssache, und außerdem völlig freiwillig. 

Ich bin weit davon entfernt, die Bettspielchen von anderen zu verurteilen. Dennoch frage ich mich: Wie sehr kann so ein Hang zur Submission individuelle Veranlagung sein, wenn er doch eindeutig geschlechtsspezifisch ist? Das ist so, als würde man behaupten, all die Frauen würden aus einem inneren Drang heraus so wahnsinnig gern in Care-Berufen arbeiten, in denen man kaum was verdient. Dabei ist inzwischen so ziemlich jedem Waldbewohner klar, dass Frauen diese Berufe vor allem deswegen ergreifen, weil sie entsprechend sozialisiert wurden. Genau das passiert auchmit der weiblichen (und männlichen) Sexualität: Wie wir sie erleben, was für Wünsche und Fetische wir entwickeln, hängt maßgeblich von der Gesellschaft ab, in der wir aufwachsen. Mit anderen Worten: Je weniger Alternativen es zur männlichen Dominanz gibt, desto weniger können wir entsprechende Begierden entwickeln und desto mehr verharren wir in veralteten Rollenklischees. Dabei geht es nicht darum, den Spieß tatsächlich und für alle Zeit umzudrehen. Aber ich würde echt gern mal zwei Typen darüber stöhnen hören, wie krass unterwürfig die Neue so ist und dass es wirklich schön wäre, würde sie das Kommando übernehmen. 

Dann wüsste ich: Wir sind der Gleichberechtigung ein ganzes Stück näher gekommen.

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