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Ilustration: Daniela Rudolf

Ich ahnte schon immer, dass Männer und Frauen in ihrem Paarungs- und Beziehungsverhalten oft unterschiedlich ticken. Aber niemals offenbarten sich die Dinge klarer als in den vergangenen Jahren. Oder genau genommen, seit ich in einer offenen Beziehung lebe. Weder meinem Mann noch mir mangelt es an Gelegenheiten für Flirts und Affären. Doch gibt es einen großen Unterschied darin, wie unsere Zielgruppen (meine: Männer, seine: Frauen) auf unseren Hinweis reagieren, dass die Sache auf keinen Fall in eine romantische Zweierbeziehung münden wird: Meine Flirts sind ausnahmslos zu allem bereit, die meines Mannes hingegen verlieren in acht von zehn Fällen augenblicklich das Interesse.

Man könnte ja meinen: Sex auf Grundlage von gegenseitiger Sympathie, aber ohne potenziellen Verpflichtungsrattenschwanz ist heutzutage etwas, das Frauen genau so wie Männer genießen können. Wir befinden uns schließlich nicht mehr im 19. Jahrhundert, in dem Verbindungen „bis dass der Tod euch scheidet” getroffen wurden und weibliche Sexualität, nun ja, schlicht nicht existent war. Wir wissen, dass Frauen genau wie Männer manchmal einfach Bock auf Vögeln haben und dass Sex nicht unbedingt in einer Beziehung mündet. Offensichtlich ist aber die bloße Option auf die große Liebe etwas, das Frauen sich eher bewahren wollen als Männer.

„Liebe®” nennt die Journalistin Laurie Penny dieses Narrativ des „Alles mit Einem für immer” in ihrem Buch Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und die Revolution. Ihre Kritik an diesem Modell umfasst nicht nur die Tatsache, dass es lediglich einen einzigen Weg vorsieht, auf dem Liebe gelebt werden kann. Sondern auch, dass es vor allem Frauen sind, die darin ihre Erfüllung, ihr „übermächtiges Ziel” finden sollen: „Wenn eine Frau die Große Liebe sucht, dann ist das die ultimative Hingabe, der ultimative Beweis dafür, dass sie eine gute Frau ist (...).” Männer hingegen „(…) dürfen ihre Arbeit, ihr Tun zur wichtigsten Romanze ihres Lebens erheben. Männer dürfen ihre Kunst, ihr Schreiben, ihre Leidenschaft mehr lieben als alles andere. Wir Frauen dürfen das nicht, und wenn wir es doch tun, dann fehlt uns etwas, oder wir reißen die Männerrolle an uns oder beides.”

Egal, wie aufgeklärt wir heute sind: Männer, die die Freiheiten des Single-Daseins dauerhaft und entspannt genießen, finden sich zuhauf. Aber eine alleinstehende Frau, die nicht zumindest insgeheim nach der großen Liebe trachtet, ist mir noch nicht begegnet. Denn, wie die Zeit-Autorin Marlene Teschner in einem Text über die gesellschaftlichen Erwartungen an sie als Single-Frau so schön zusammenfasst: „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Mann ohne Penis”.

Für dieses Phänomen gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Besonders populär ist der vom evolutionsbiologischen Unterschied zwischen Männern und Frauen, den man durch das Verhalten von Männchen und Weibchen in der Tierwelt belegt sah: Ihre Natur ist die des Kinderkriegens, also braucht sie den bestmöglichen Versorger für den potentiellen Nachwuchs satt promisker Ausschweifungen. Seine Natur hingegen verlangt nach möglichst weiträumigem Verspritzen seines Spermas, also sucht er tendenziell nicht nach Bindung, sondern nach Sex. Sie gehört zu den Kindern, er raus in die Welt – da können wir nix für. Oder: High Five fürs Patriarchat.

Ein Glück, dass diese Theorie inzwischen als widerlegt gilt: In den letzten paar Jahren fanden Forscher heraus, dass tierische Weibchen sehr viel promiskuitiver sind, als bisher angenommen – woraus wiederum Schlüsse auf die menschliche Natur zu ziehen sind. Es wäre im Sinne der Fortpflanzung auch wirklich dumm, wenn Weibchen respektive Frauen sich allein aufs Alphamännchen oder eben die eine große Liebe verlassen würden. Denn was, wenn der Typ unfruchtbar ist? Oder die Gene nicht zusammenpassen? Es gibt gute Gründe, sich gegen solche Fails durch möglichst viele Sex-Partner abzusichern. Oder wie der Spiegel unlängst titelte: „Herumvögeln lohnt sich auch fürs Weibchen”

Zu diesem System gehört auch, die weibliche Lust kollektiv zu verleugnen

Wenn es also nicht die Evolution ist, die Frauen auf die Suche nach dem Prinzen fixiert, was ist es dann? In ihrem Buch Who's That Girl, Who's That Boy beschreibt die US-amerikanische Psychologin Lynn Layton, wie sich unsere Erziehung auf unsere Beziehungskompetenzen auswirkt: Die meisten von uns wachsen mit emotional nicht zugänglichen Vätern und sich um die Kinder kümmernden Müttern auf (und ja, das ist trotz der paar „neuen Väter” auch heute noch mehrheitlich so). Gleichzeitig lernen wir, dass wir uns nur mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil identifizieren dürfen, und reproduzieren auf diese Weise Verhalten, das wir als „männlich” (emotional distanziert) oder eben „weiblich” (beziehungsorientiert) verstehen. Und immer so weiter.

Zu diesem System gehört auch, die weibliche Lust kollektiv zu verleugnen. Was soll sie schließlich auch groß wollen, die Frau, außer eben einen Partner? Dabei haben Studien inzwischen längst nachgewiesen, dass Frauen mindestens genau so viel Bock haben wie Männer – und zwar ganz unabhängig von ihrem Beziehungsstatus. Das allerdings hindert Typen wie Mario Barth noch lange nicht daran, nach wie vor vermeintliche Geschlechter-Wahrheiten in begeisterte Menschenmengen hineinzukrakeelen – und die Menschenmengen nicht daran, diesen Bullshit zu glauben. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis auch der letzte Vollpfosten begriffen hat, dass solche über das Körperliche hinausgehende Unterschiede zwischen Mann und Frau Sozialisierungssache sind. Und dass wir es mit einem kleinen bisschen Reflexionsaufwand selbst in der Hand haben, ob und wie weit wir uns von ihnen befreien wollen. 

Mein Mann erwägt zuweilen, bei seinen Flirts aus unserer offenen, aber glücklichen Beziehung eine monogame, aber unglückliche zu machen. Denn als heartbroken Typ hat er bisher immer bestens funktioniert. „Aber das ist doch keine Lösung”, sagt er dann immer und bleibt halt bei der Wahrheit. Weil man mit Lügen nichts verändert. Mit ehrlich gelebten Alternativen hingegen schon.

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