"Ja. Ja? Jaaaaa!" Die Sex-Stöhn-Typologie

Unser Autor wohnt in einem Haus mit dünnen Wänden und kennt eine Menge verschiedener Sexstöhner. Eine Typologie.
Von Fabian Fuchs
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Illustrationen: Katharina Bitzl

Die JaJaJa!-Stöhner 

Na klar, immer schön alles gutfinden. Das kleine Wörtchen „Ja!“ ist beim Kopulieren natürlich erstmal sehr praktisch - es ist kurz, verbreitet optimistische Stimmung und signalisiert, dass die eingeschlagenen Wege durch den Unterleib durchaus die richtigen sind. Allerdings ist es, das darf man nicht vergessen, auch ziemlich egoistisch, weil es ja meistens klingt wie „Gibs her! Gibs her! Gibs her!“ Komisch wird es, wenn der Wortschatz der Ja!-Vögler überhaupt keine Variationen erlaubt und sie außer Änderungen in der Lautstärke ihr olles Ja! ins Schlafzimmer stanzen, als wäre irgendwo die Beatbox ausgefallen. Denn nach einer halben Stunde Ja!-Gebrülle erzeugen sie damit nicht nur eine gewisse Monotonie, als Partner muss man auch immer öfter an die gleichnamige Billig-Eigenmarke aus dem Supermarktregal denken. Und die ist ja so ziemlich das Gegenteil von Sex. Außerdem schreit so viel Ja! geradezu nach einem erfrischenden Nein!. Zum Beispiel wenn die Jasager hinterher ihre restlichen Wörter wiedergefunden haben und fragen, ob man das vielleicht bald wiederholen möchte? 

Das können die gut:

Mal ne Pause einlegen. Schließlich können sie sich leicht merken, was sie zuletzt gemacht hat.

Das können die nicht so gut:

Erklären, was ihnen am Besten gefallen hat.

Das sind sie im richtigen Leben:

Brave Soldaten, Politiker.

Die Erstaunten

Das ist ein bisschen unheimlich. In ihre sonst eher übersichtlich keuchende Geräuschkulisse setzen diese Typen (noch häufiger: Typinnen) Akzente, indem sie ganz plötzlich ein gellendes „Waaaaaah!!!!!?“ oder auch gerne ein gespielt-verwundertes Triptychon aus „Oh? Ohja? Oohhhh?“ einstreuen. Dann wieder Ruhe. Dann „Woooooowwww!?“. Dann Ruhe und Finis.

Auch wenn sie nicht direkt „Scheiße, was ist denn das?“ schreien, lässt diese Verhaltensweise doch auf Menschen schließen, für die ihre Sexualität immer noch die reinste Wundertüte ist, die von ihren Empfindungen jedes Mal aufs neue überrascht und – so steht zu vermuten – dann auch relativ bald überwältigt sind. Als Partner (und Nachbar) sollte man bei solchen Fällen zumindest schrecksicher sein, nicht dass man angesichts der überraschenden Sirenentöne einen Satz aus dem Bett macht. Hinterher denken die Erstaunten zufrieden: My body is so dermaßen a wonderland und sind sich sehr sicher, dass alle anderen Menschen das ziemlich ähnlich sehen dürften. 

Das können die gut:

Sich über langweilige Geschenke freuen.

Das können die nicht so gut:

Ihre Enttäuschung über körperliche Defizite verbergen.

Das sind sie im richtigen Leben:

Kindergärtnerinnen, erfolgreiche Klatschtanten.

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Illustration: Julia Schubert

Die wohlwollenden Murmler

 

Diese Menschen wissen, dass beim Sex durchaus keine Schweigepflicht herrscht. Es fällt ihnen nur leider gar nichts ein, was sie nebenbei so gewinnbringend verlauten lassen könnten, vielleicht weil ihnen sonst auch kaum was zu reden einfällt. Und so zwingend sind die körperlichen Vorgänge leider noch nicht, dass sich ihre Stimmbänder wie von selbst unartikuliert verzerren. Sehr beliebt ist diese Form der Kommunikation aber auch bei Frauen, die sich einfach noch nicht sicher sind, wie weit ihnen das bisherige Angebot zusagt. Also wird mal grundsätzlich ein bisschen Geräusch gemacht, um zu signalisieren dass man noch nicht schläft, aber auch ein gewisses Steigerungspotential in der ganzen Sache sieht. Im Grunde ist das auch der Durchschnittsound beim Sex – nachbarschaftsschonend, nervenschonend, leicht unverbindlich. Von hier aus kann man problemlos entweder in einen der anderen Modi wechseln oder aber einfach doch: Einschlafen. Außerdem können die wohlwollenden Murmler sehr leicht die Stöhngewohnheiten ihres Partners adaptieren, eine Taktik, die gerne angewandt wird, damit man wenigstens etwas gemeinsam hat, wenn schon keinen Orgasmus.

 

Das können die gut:

Schnellen Guten-Morgen-Sex höflich durchziehen.

 

Das können die nicht so gut:

Pornos drehen.

 

Das sind sie im richtigen Leben:

Feuilletonredakteure, Beamte, Segway-Fahrer.

 

Die Erzähler

 

Klar, Dirty Talk kann an der richtigen Stelle durchaus seinen Reiz haben. Damit haben die Erzähler aber nichts am Hut, denn die reden einfach beim Sex genauso wie im Meeting, weitgehend sinnfrei aber immerhin druckvoll vom Anfang bis zum Ende. Ihre Texte bestehen dabei aus pornösen Versatzstücken plus anatomischen Details wie man sie als Erwachsener eigentlich nicht mehr bei diesen Namen nennt, plus nicht mehr zeitgemäßen Formen der partnerschaftlichen Rollenverteilung. Außerdem kommentieren sie das stattfindende und zukünftige Geschehen minutiös wie Fußballreporter: „Ja sehr gut und jetzt ich so von unten und dabei schön mit der Hand auf deiner versauten Lulu während du mich ganz besonders, das ist so intensiv, nicht wahr....“ Gerät er mal an einen Premierengast der seine Macke nicht kennt, kann der Erzähler mit seiner Angewohnheit durchaus nachhaltig verstören, vor allem wenn seine Suada im Dialekt stattfindet. Da hilft nur ein beherztes „Halt mal die Klappe und konzentrier dich lieber mal aufs Bumsen!“ um für ein bisschen Besinnlichkeit zu sorgen.

 

Das können die gut:

Peinliche Situationen überspielen.

 

Das können die nicht so gut:

Hinterher einfach mal schweigen und eine rauchen. Stattdessen müssen sie gleich weitersabbeln: „Ich fand das ja total irre, wie du da auf den Knien und ich...“.

 

Das sind sie im richtigen Leben:

Mittleres Management, Frühstücksradiomoderator, Friseur.

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Illustration: Julia Schubert

Die Stummen

 

Lockerheit ist ja nicht jedem gegeben, insbesondere nicht den harten Typen, die es karrieremäßig so weit gebracht haben, weil sie oft die Zähne zusammengebissen haben. Genauso vögeln sie sich auch angestrengt und konzentriert durchs Alphabet, soll sich ja hinterher keiner beschweren und vor allem nicht über sie lustig machen können, weil ihnen dabei vielleicht der ein oder andere Seufzer entfleucht ist. Andere Gründe für hartnäckige Stummheit bei einer durchaus ausgelassenen Tätigkeit könnten sein: Grundsätzlich peinliches Berührtsein vom eigenen Trieb. Mundgeruch.

Schmerzen oder andere Gebrechen, die man keinesfalls zugeben möchte wegen Peinlichkeit.

Oder aber der andere Liebhaber wartet unterm Bett. Die gänzlich Stummen sind wohl die seltsamsten Bettpartner die man finden kann, weil sie einen im Unklaren lassen, ob gerade nun eher eine Katastrophe oder ein topsinnliches Happening stattgefunden hat. Sie lassen nur das Bett knarzen und wenn es richtig hart kommt, sagen sie auch beim Höhepunkt nur etwas wie „Jetzt aber!“ oder „Oh!“.

 

Das können die gut:

Intime Details für sich behalten.

 

Das können die nicht so gut:

Über ihre Problem reden.

 

Das sind sie im richtigen Leben:

Pokerspieler, Sicherheitsbeamte, Diktatoren. 

 

Die langjährigen Pärchen

 

Wer sich im Bett schon ziemlich gut kennt, hat auch längst sein Stöhnverhalten aufeinander abgestimmt. Das sind dann diejenigen, die den Akt von der ersten Minute an mit einem eselartigen „Ih-Ah“ untermalen und dann auch gleichzeitig in die Kamikaze-Tiefflieger-Nummer einsteigen um schließlich mit einem höflich gehauchten Dialog aus „Oh“ vs. „Ja“ auf die Zielgerade einzubiegen, die sich dann zuletzt immer anhört wie ein Crescendo mit erster und zweiter Stimme. Kammerton: Alltag. Aber der lässt sich leicht durchbrechen, wenn einer der Beteiligten überraschend mal eines der anderen Stöhnverhalten anwendet. Das ist dann fast schon ein Rollenspiel und damit: total antörnend. 

 

Das können die gut:

Zwischendurch mal telefonieren.

 

Das können die nicht so gut:

Zwischendurch mal nur an den Partner denken.

 

Das sind sie im richtigen Leben:

Tandemfahrer, gutes Team, mündige Bürger.

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