Nicht alle, aber zu viele Männer

Auf Tiktok erklären Nutzer*innen mit anschaulichen Beispielen, was das Problem an der Aussage „Nicht alle Männer“ ist.
buzz notallmen cover

Nicht alle Männer sind Täter, aber es sind genug, dass Frauen Angst haben müssen.

Foto: freepik / Collage: jetzt

Der Femizid an Sarah Everad hat nicht nur in Großbritannien, sondern weltweit für Erschütterung gesorgt und eine neue Diskussion über Gewalt gegen Frauen ausgelöst. Auch in sozialen Medien wie Tiktok teilten User*innen ihre persönlichen Gewalterfahrungen und machen deutlich, dass viele als weiblich wahrgenommene Personen in ihrem Leben mit Übergriffen und sexualisierter Gewalt konfrontiert werden. Weltweit erlebt eine von drei Frauen mindestens einmal in ihrem Leben sexualisierte Gewalt, so die Weltgesundheitsorganisation. Einige männliche User fragten auf Tiktok, wie sie dazu beitragen könnten, dass sich Betroffene sicher fühlen. Andere dagegen nehmen die Vorwürfe gegenüber Männern, die Gewalt an Frauen ausüben, als persönlichen Angriff wahr. Mit der Aussage „nicht alle Männer“ halten sie Frauen und nicht-binären Menschen vor, sie würden verallgemeinern. Nicht alle Männer seien automatisch Täter seien. In den Kommentaren zu Beiträgen oder Tiktoks, die auf sexuellen Missbrauch aufmerksam machen, sammelte sich der Hashtag #notallmen.

Als Reaktion darauf erklärt die Tiktokerin Prithika Chowdhury anhand von bildlichen Vergleichen, dass es bei der Diskussion nicht darum geht, dass alle Männer gefährlich sind – aber eben zu viele Männer. Und das führe dazu, dass sich weiblich gelesene Personen nicht sicher sein könnten, wem sie vertrauen könnten. 

„Vor dir sind drei Türen, zwei davon sind sicher“, sagt Chowdhury in einem Tiktok-Video. „Öffnest du jedoch diese eine Tür, wirst du sterben. Würdest du mit diesem Wissen eine der Türen öffnen?“ Und gibt auch die Antwort: Wahrscheinlich ja wohl nicht. 

In einem weiteren Beispiel verbildlicht sie, dass man sich beim Angeln schon unsicher fühle, sobald man einen einzigen Alligator entdecke. Und würde man von zehn Käsekuchen, von denen zwei vergiftet sind, trotzdem einen Kuchen probieren, da ja 80 Prozent in Ordnung sind? „Es waren nicht alle Türen, aber genug“, macht sie deutlich. „Es sind nicht alle Männer, es sind einfach zu viele. Zu viele Männer, vor denen man Angst haben muss.“

Sie ist nicht die Einzige: Immer mehr Nutzer*innen ziehen Beispiele heran, um zu zeigen, was an der Aussage „nicht alle Männer“ falsch ist. So auch die Userin Audrey Clare. Sie erzählt, dass sie in ihrer Kindheit von einem Hund, der viel größer war als sie, umgerannt wurde. Seitdem habe sie Angst vor Hunden. Obwohl sie schon vielen lieben Hunden begegnet sei, werde sie trotzdem panisch, wenn sie auf einen Hund treffe. „Wenn ich sage, dass Hunde beängstigend sind, dann ist es eine Tatsache, dass nicht alle Hunde beängstigend sind“, so die 18-Jährige. „Die Wahrscheinlichkeit von einem Hund gebissen zu werden, liegt bei einer von 73 Personen. Die Wahrscheinlichkeit, vergewaltigt zu werden, liegt bei einer von fünf Frauen.“ 

Auch die Tiktokerin Kristen Scott macht anhand eines anschaulichen Beispiels deutlich, wie wenig sinnvoll der Ausspruch „not all men“ ist: „Wenn ich dir eine Box Maltesers (Anm. d. Red.: Süßigkeit aus Schokolade) geben und sagen würde, dass einer von zehn eigentlich ein Stück Scheiße getunkt in Schokolade ist, dann würdest du doch bei allen vorsichtig sein, oder nicht?“, schreibt sie über ein Video, in dem sie ihr Outfit zeigt.

Die Irin Riona hat kurzerhand ein Song geschrieben, um deutlich zu machen, dass „nicht alle Männer, aber alle Frauen“ betroffen sind. In dem Lied singt sie, dass nicht alle Wespen stechen und nicht alle Schlangen giftig sind. Und darüber, dass es schwer sei, den Unterschied zu erkennen. „Wir tragen flache Schuhe, wir ziehen Grimassen und wenn wir Straßen überqueren, ziehen wir unsere Kapuzen über den Kopf“, singt sie. Sie bezieht sich darauf, dass viele Frauen versuchen, nicht aufzufallen und so mögliche Übergriffe zu vermeiden.

Unter den Beiträgen lassen sich auch einige Männer finden, die sich mit Frauen und nicht-binären Personen solidarisieren und versuchen, anderen Männern das Problem begreiflich zu machen. So auch der User „big_boy_harry“. Er meint: „Wenn du ein Mann bist und du dich wunderst, warum Frauen sagen ‚all men‘ – sie haben keine Zeit, um zu unterscheiden.“ 

Wenn über Vergewaltigungen, Femizide und die tägliche Diskriminierung von Frauen gesprochen wird, dann wird damit also im Normalfall nicht behauptet, dass alle Männer Täter sind und damit die Schuld tragen. Das Problem ist das System, das sexistisch ist und Frauen nicht schützt. Aussagen wie „nicht alle Männer“ sind demzufolge Diskursverschiebungen, die den Fokus auf die Gefühle von Männer legen und Betroffene zum Schweigen bringen sollen. Was man aus den Tiktoks lernen kann: Bist es nicht du, der sich einer Frau gegenüber falsch verhalten hat, dann ist es aber vielleicht einer deiner Freunde oder Bekannten gewesen. Wenn man die Kommentare unter den Videos liest, sind sich zumindest die meisten Frauen einig: Es sind zu viele Männer, um nicht nachts auf dem Heimweg Angst zu haben. Sie teilen jetzt unter dem Hashtag #toomanymen ihre Erlebnisse.

lko

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