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Foto: privat

Jetzt soll ich sterben. Zur Todesstrafe verurteilt, weil ich eine Schankmaid missbraucht habe. Natürlich streite ich alles ab. Glauben will mir niemand. „An den Galgen mit ihm“, ruft die Schankmaid, „hängt den Schänder!“ Ein Wächter im weißen Gewand baut sich vor mir auf, grinst triumphierend und legt mir Ketten an. Durch eine schwere Holztür führt er mich ins Freie. Game over.

Draußen auf dem Parkplatz ist es ruhig, nur Straßenlaternen summen leise, die kalte Luft putscht mich auf.  „Jetzt hast du’s geschafft. Komm gut nach Hause“, sagt jene Schankmaid freundlich, die mich eben noch tot sehen wollte. 

Ihr Name ist Nadine Eckhardt. Wir haben heute an einem Live Action Role Play – kurz: LARP – teilgenommen. Ein Rollenspiel, bei dem die Teilnehmer einen dem Setting entsprechenden Charakter kreieren, darstellen, sich im LARP bekriegen, verbünden, verhexen.

Aktive Spieler gibt es in Deutschland aktuell 25 000, schätzt der Bildungsforscher Dr. Jeremias Weber von der Uni Frankfurt. Jedes Jahr erforscht er mit Fragebögen Größe und Demographie der Szene. „LARP ist ein Hobby für alle Altersschichten“, schreibt er. Die jüngsten Teilnehmer der Umfrage waren 14, die ältesten 66. Die Spielwelten, in denen sich die Charaktere bewegen, können von Zombie-Apokalypse bis zu Science-Fiktion reichen.

Wir haben heute Mittelalter-Fantasy gespielt, Magier also, Kobolde oder Kriegerinnen. Viele der LARP-Teilnehmer kennen sich schon von vergangen Spielen. Für Neulinge nicht einfach, Teil der Fantasy-Gesellschaft zu werden.

Ich bin so ein Neuling, 23 Jahre alt, fast zwei Jahre habe ich in einem Escape-Room gearbeitet. LARP ist da nicht weit weg. Ausprobieren wollte ich es schon lange, konnte mich aber nie dazu aufraffen.

Jungfräulich orientierungslos stehe ich jetzt auf einem Kiesweg am Bahnhof der hessischen Kleinstadt Fritzlar. Etwa 15 000 Menschen wohnen hier, der Zug verkehrt eingleisig, sonst wenig Nahverkehr. Zu meinem Glück treffe ich dort zwei andere Larper. Sie rufen den Veranstalter an, er wird uns abholen und zum Schauplatz chauffieren. Fritzlar ist bekannt für Mittelalterfeste, genauso wie für die adrette Altstadt. Kika-Sonntagsmärchen-Charme dank Fachwerkhäusern, intakter Stadtmauer und 800 Jahre altem Dom. 

Am Bahnhof fährt ein dunkler Toyota Yaris vor. In schwarzem Leinenhemd und breitem Ledergürtel steigt ein Mann aus dem Auto, das weiße Haar militärisch geschoren. Sein Name ist Steffen Werner, 41 Jahre alt. In der LARP-Welt ist er bekannt als Zok’lar Goldhand. Fester Händedruck, freundliches Hallo. Ob ich neu sei, will er wissen, stockt dann kurz, „achso, klar, der Reporter.“ 

 

Nur mit dem Kloster habe es Mal Ärger gegeben. Larper haben damals einen Mönch überfallen, den sie für Mitspieler gehalten hatten

Einander vorgestellt steigen wir ins Auto. Steffen und die beiden Larper sprechen über vergangene Spiele, wer alles dabei war, wer dieses Jahr wiederkommt. Der Graf von Falkenstein? Natürlich dabei. Senator Rupert Guhl? Sowieso. Der König von Friedrichsstein? Klar. Schweigend versuche ich Story und Figurenkonstellation zu durchschauen. Trotz Vorrecherche gelingt es mir nicht. Ob es den Sultan noch gebe, fragt einer der beiden weiter. „Wir leben in einer westlichen Demokratie. Wir haben ne Bundeskanzlerin“, witzelt Steffen gedanklich noch in der Neuzeitrealität.

Wir parken am lokalen Jugendzentrum, wo die Larper übernachten. Von da laufen Steffen und ich zum Hardehäuser Hof, dem Hauptplatz der „Convention“ – so nennt er das Spiel. Dass da ein Mann im Mittelalterkostüm über den Marktplatz spaziert, scheint niemanden zu interessieren. „Fritzlar ist sehr LARP-Freundlich. Hier findet auch regelmäßig das Kaiserfest statt, ein Mittelaltermarkt in der Alststadt.“ Nur mit dem Kloster habe es Mal Ärger gegeben, erzählt er. Larper haben damals einen Mönch überfallen, den sie für Mitspieler gehalten hatten. 

Ja, Mönche und Priester gibt es auch in der LARP-Welt. Steffens Zok’lar ist so einer. Ihm gefällt die Rolle: „Die Leute kommen dann immer zu mir und erzählen mir ihre Sorgen. Dann höre ich zu, rufe meine Gottheit an und gebe irgendeinen Ratschlag. So kommt man mit vielen Leuten in Kontakt.“

Neulinge verkörpern in der Regel nicht eine solche Alle-reden-mit-mir-Rolle. Zok’lar beispielsweise hat vor 13 Jahren als Söldner angefangen, ein einfacher Soldat. Es sei eine typische Anfängerrolle, sagt Steffen. Trotzdem hat er sie lange gespielt, Priester ist er erst seit zwei, drei Jahren. „Das hätte ich mir ja damals in meiner Söldnerzeit nicht träumen lassen, dass ich mal Priester werde“, sagt er.

 

Ich soll einen Zeitungsverkäufer spielen. Passt ja

 

Einfluss und Stärke der Figur hängen von der Erfahrung ab. Je mehr Spiele der Charakter absolviert hat, desto mächtiger ist er. Die Spieltage weisen die Teilnehmer bei der Anmeldung vor. Bei Zok’lar sind es etwa 180. 

Der Charakter Zok’lar ist heute nicht dabei, Steffen spielt trotzdem mit. Als Wache verkleidet wird er den Spielleiter geben. Eine Art Schiedsrichter, der darüber entscheidet, wie ein Zauber wirkt oder was eine Gottheit dem Priester prophezeit. Außerdem sorgt er dafür, dass Getötete bitteschön auch umfallen. 

 

Und ich soll ihm helfen. Nicht beim Töten, sondern beim Vorantreiben der Story. Ich werde NSC sein, Nicht-Spieler-Charakter. Eine Rolle, die zwar mitmischt, aber nicht völlig frei handelt. Ich erhalte Aufträge von der Spielleitung. Und mein Beruf? Ich soll einen Zeitungsverkäufer spielen. Passt ja.  

 

Trotz NSC-Daseins kann ich aber angegriffen werden. Als Anfänger mit null LARP-Tagen habe ich drei Lebenspunkte, ein Schlag mit dem Schwert raubt mir schon zwei. Auch sonst habe ich keine schützende Rüstung, keinen Heiltrank, kein Geld. „Dir passiert aber nichts. Neulinge werden eher in Ruhe gelassen.“ 

 

Am Hardehäuser Hof angekommen endet die Gegenwart. Der Saal, ein Ziegelbau aus dem 13. Jahrhundert, ist geschmückt mit Ritterrüstungen und Miniatur-Kanonen. Stühle für 56 Menschen sind aufgebaut, fünf lange Tische in feierlichem Weiß gedeckt. Aus der Küche nebenan zieht Geruch von gekochten Kartoffeln in den Raum. „Heute wird wenig gekämpft. Eher ein diplomatisches Zusammenkommen. Das ist eher ein Vorgeschmack auf eine große Convention, die wir im Sommer machen“, sagt Steffen. 

 

An der Wand hängt eine Karte. Eingezeichnet ist dort Fridislar, das mittelalterliche Fritzlar. Handel hat die Stadt reich gemacht. Ihre Bürger neigen zur Dekadenz, auch heute Abend findet ein Festbankett statt. Aktuelles Hauptgesprächsthema: die Traven, ein Volk aus dem Norden. Sie brandschatzen und rauben in den umliegenden Dörfern. Zur Befriedung hat sich der Fridislarer Senat auf ein Bündnis mit deren Fürst eingelassen. Dabei soll auch Geld geflossen sein, was Unmut und Verschwörungstheorien beim Bankett hochkochen lässt

Die Story denken sich die Veranstalter selbst aus. Die Spiele in Fritzlar werden vom Verein Vergessene Welten e.V. ausgerichtet, zu dem auch Steffen gehört. Mit jedem neuen Spiel spinnen er und das Organisationsteam die Story ein wenig weiter. „Das ist nicht schwer, wenn man es eine Weile gemacht hat. Ich denke über Geschichten und Charaktere meistens beim Autofahren nach“, sagt Steffen. Die wichtigsten Informationen zum heutigen Spiel, zur aktuellen politischen Lage in der Stadt, finden die Bürger in der Fridislarer Taube. Jene Zeitung, die ich verkaufen soll. Herausgegeben vom Senat der Stadt. DinA4, doppelseitig, handgeschrieben. 

 

Steffen drückt mir einen Stapel davon in die Hand. „Die musst du alle loswerden. Du hast Frau und Kinder, die sind auf das Geld angewiesen.“ Meine Familie ist im Spiel nicht durch Schauspieler dargestellt. Es ist Hintergrundgeschichte, die Steffen dazu dichtet. Für zwei Kupferstücke soll ich die Zeitungen loswerden, besser aber mehr, Frau und Kinder wollen ja versorgt sein. „So gegen neun bringen wir deine Figur dann um, so kommst du elegant aus dem Spiel.“ Nadine hat sowieso gerade eine Verletzung am Arm, das wirkt dann, als hätte ich sie gewalttätig missbraucht. „Dann kommst du vor den Senator, der spricht dich schuldig und wir führen dich raus.“ 

 

Mein Kostüm bekomme ich auch, schwarzer Mantel, grünes Leinenhemd und eine Art Baskenmütze. Dazu noch einen Beutel für die Münzen. Zehn Kupfer sind ein Silber, zehn Silber ein Gold. Jede LARP-Welt hat ihre eigene Prägung, das Kupfer-Silber-Gold-System gilt überall. Ein bisschen wie beim Euro. 

 

„Ich habe als Ziegen-Zuhälter gearbeitet.“ Jetzt strebe er ein Amt als Richter an. Eigenartige Biografie

 

„Dein Name bleibt Jonathan. Das ist mittelalterkompatibel und du kommst nicht durcheinander.“ Er geht zwei Schritte zurück, mustert mich von oben bis unten, an meinen Füßen bleibt sein Blick hängen. „Weiße Turnschuhe gehen eigentlich gar nicht. Aber als Anfänger ist es okay.“ Er wird nicht der einzige bleiben, der mich heute darauf anspricht. 

Es geht los. Dumpf höre ich Steffens Stimme, der draußen die Spieler begrüßt. Hektisch kommt er durch die Tür gestürmt: „Los, fang an deine Zeitungen zu verkaufen! Bevor sich alle hinsetzen!“ Huch, ja gut, dann mal los. „Fridislarer Taube! Information ist Macht! Kauft die Fridislarer Taube!“ Noch stehen alle, es ist laut. Ich dränge mich durch die Menge, ohne mir sicher zu sein, dass mich überhaupt jemand wahrnimmt.

Dann lächelt mich ein Mann in bunt schimmerndem Umhang an. Der Graf von Falkenstein. Ich spreche ihn an, erzähle von Frau und Kindern, er von seiner Ziege. Die sei kürzlich gestorben. Das ist problematisch, mit der Ziege hat er Geld verdient. „Ich habe nämlich als Ziegen-Zuhälter gearbeitet.“ Jetzt strebe er ein Amt als Richter an. Eigenartige Biografie, aber okay, er kauft die Zeitung.

 

Weiter geht’s. Ich komme mit einer dunkel gekleideten Dame ins Gespräch, erzähle von der Situation der Traven, betone die Exklusivität der Informationen und den niedrigen Preis. „Du willst mir die Zeitung umsonst geben“, sagt sie und starrt mir dabei in die Augen. Ich verneine das und wieder behauptet sie, ich wolle ihr die Zeitung umsonst geben. Verneinung, Wiederholung, Verneinung, Wiederholung. „Das ist Magie“, flüstert sie. Na gut, das erklärt den Verlauf der Unterhaltung. Ich gebe ihr was sie will.

Zwei weitere Gäste sprechen mich auf meine Schuhe an, während ich an den Tischreihen vorbeilaufe. Ich treffe einige Analphabeten, denen ich vorlese, und Adelige, die mich fast gänzlich ignorieren - schwer beschäftigt mit großer Politik. Andere behaupten, die Fridislarer Taube drucke ja ohnehin nur Lügen. Kennt man ja. Meine Zeitungen werde ich trotzdem los. 

 

Und grade als ich im Spiel angekommen bin, irgendwie Teil der Fantasy-Welt, kommt Nadine auf mich zugestürmt. Selten bin ich so angebrüllt worden. Ich schreie zurück: „Wer sind Sie überhaupt?“ Hilft alles nichts, sie zerrt mich vor den Senator. Der scheint etwas überfordert von der Situation: „Äh ja, das, äh, müssen wir prüfen, dem müssen wir nachgehen und dann sehen wir…“ Steffen kommt vorbei, flüstert ihm was ins Ohr, der Senator stockt nochmal kurz. „Nein, stopp. Der Mann ist schuldig, hängen soll er. Führt ihn ab.“