„Ich habe nur noch geheult. Und gekotzt“

Am Surfen liebt Leon Glatzer die Nähe zur Natur.
Foto: Pablo Jimenez

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Am Freitag starten die Olympischen Spiele in Tokio – und Surfen ist dort zum ersten Mal eine olympische Disziplin. Für Deutschland steht Leon Glatzer, 24, auf dem Brett. Er hat deutsche Eltern, ist auf Hawaii geboren und in Costa Rica aufgewachsen. Mit drei Jahren stand Leon das erste Mal auf einem Surfbrett, seit er 15 ist, surft er professionell – und reist dafür zehn Monate des Jahres den besten Wellen hinterher, von Wettbewerb zu Wettbewerb. Nachdem er im Mai in El Salvador eines der letzten Tickets für Olympia gezogen hat, steht nun die größte sportliche Herausforderung seines Lebens an: der Kampf um olympisches Gold. Mit jetzt spricht Leon über seine ungewöhnliche Karriere und verrät, was tatsächlich hinter dem legendären Surfer-Lifestyle steckt.

jetzt: Deine Eltern kommen aus Kassel, du bist aber auf der hawaiianischen Insel Maui zur Welt gekommen. Wie kam es dazu?

Leon: Meine Mutter war Model und hat durch ihren Beruf die ganze Welt gesehen. Sie wollte an einem schönen Ort leben und ist irgendwann mit meinem Vater nach Hawaii gezogen – drei Jahre später kam ich auf die Welt. Zwei Jahre danach hat sie Urlaub auf Costa Rica gemacht und sich dort in einen Ort namens Pavones verliebt – dann sind wir dorthin gezogen.

Wie alt warst du, als du das erste Mal auf einem Surfbrett standest?

Meine Mutter surft selbst und hat mich mit drei Jahren das erste Mal auf ein Surfbrett gestellt. Daran kann ich mich selbst zwar nicht mehr erinnern, ich weiß aber noch, wie ich mit sieben mal eine Welle genommen habe und dachte: „Das hier will ich mein Leben lang machen.“

interview surfer portrait

Leon lebt den Traum von vielen. Aber der Druck ist hoch.

Foto: Pablo Franco

Was hat dich daran so fasziniert?

Die Verbindung zur Natur. Beim Surfen gibt es nur mich und die Welle – und ein paar Fische ab und zu. Und das Adrenalin gibt mir eine ungeheure Energie.

Warst du ein Naturtalent?

Ich glaube schon. Das war mir am Anfang natürlich nicht bewusst, aber ich habe das häufig gesagt bekommen. Tatsächlich hatte ich erst mit 18 einen Coach. Vorher habe ich mir alles alleine beigebracht – und am Anfang natürlich meine Mutter. Aber mit zehn war ich schon besser als sie. 

„Ich wollte mich messen, immer der Beste sein – wie ein richtiger Deutscher“

Wie hat sich dein Bezug zum Wellenreiten über die Jahre verändert?

Anfangs ging es nur um Spaß und darum, in der Natur zu sein. Irgendwann haben dann die Wettkämpfe angefangen – und das hat mich noch mehr begeistert. Ich wollte mich messen, immer der Beste sein – wie ein richtiger Deutscher.

Du hast mal gesagt: Wenn ich das Wasser berühre, fühle ich mich frei. Ist das immer noch so?

Ja, aber dieses Gefühl hat nachgelassen, weil so viel drum herum passiert. Ich reise zehn Monate im Jahr durch die Welt, von Wettkampf zu Wettkampf. Nun stehen neben der Olympiavorbereitung auch noch Interviews, Pressekonferenzen und Team-Meetings an. Da bleibt die Freiheit ein bisschen auf der Strecke. Trotzdem liebe ich, was ich mache. Nach wie vor.

Mit 13 bist du nicht mehr zur Schule gegangen, sondern warst jeden Tag surfen und hattest Home Schooling. Wie kam es dazu?

Als ich acht war, sind meine Eltern mit mir und meinem Bruder nach San José gezogen, in die Hauptstadt von Costa Rica, die nicht am Meer liegt. Sie wollten, dass ich dort eine gute Schule besuche. Ich wollte aber immer nur surfen. Als ich 13 war, kam meine Mutter dann eines Tages in den Klassenraum und meinte: „Leon, komm – wir fahren zum Strand. Wir ziehen wieder nach Pavones!“ Dann sind wir zum Parkplatz, auf dem unser Auto stand – bis oben hin vollgepackt mit unseren Sachen, die Surfbretter auf dem Dach. Wir haben uns irgendwie da reingequetscht und sind wieder zum Meer gefahren – und dort bis heute geblieben. Das war einer der schönsten Tage meines Lebens. Von da an ging es mit Home Schooling los. Mit 15 habe ich dann bereits professionell gesurft und bin zu all den Wettbewerben mit meiner Lehrerin gereist.

„Meinem Vater wäre es lieber gewesen, wenn ich weiter zur Schule gegangen wäre“

Noch bevor du dann mit 18 einen Trainer hattest, hattest du schon einen Manager. Das ist eher ungewöhnlich, oder?

Ja, wahrscheinlich. Mein Manager Quirin hatte irgendwann mal ein Youtube-Video von mir gesehen, als ich 14 war – das Video ging damals viral, weil es zuvor noch keinen 14-Jährigen gegeben hatte, der solche Sprünge über die Welle gemacht hat. Drei Wochen später hatte ich dann einen Manager. Und den habe ich bis heute.

Welche Tipps hast du für Leute, die mit dem Surfen anfangen wollen?

Es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich die Grundlagen bei einem Surf-Camp von einem guten Trainer über mehrere Tage beibringen zu lassen. Die zeigen einem, wie man richtig auf dem Brett steht, wie man paddelt, wie man aufs Brett kommt und wie man mit Strömungen umgeht. Das alles übt man erst einmal am Strand. Es geht zuallererst darum, dass man sich einigermaßen wohlfühlt, sobald man mit dem Board im Wasser ist.

interview surfer imtext

Der Moment, als Leon in El Salvador klar wurde, dass er sich für Olympia qualifiziert hat.

Foto: Pablo Jimenez

Wie standen deine Eltern zu deinem Traum, das Surfen zum Beruf zu machen?

Meinem Vater wäre es lieber gewesen, wenn ich weiter zur Schule gegangen wäre und studiert hätte. Aber meine Mutter hat mich immer darin bestärkt, meinem Traum zu folgen.

Sie sieht sich also jeden Wettkampf an?

Nein – keinen einzigen! Sie hat immer Angst, dass etwas passiert, das hält sie nicht aus. Bei meinem 17-jährigen Bruder ist es noch schlimmer, der macht Motorcross. Aber sie liebt uns.

Bei der WM 2019 hast du die Olympia-Qualifikation knapp verpasst. Bei der diesjährigen WM in El Salvador hat es dann geklappt. Was war das für ein Gefühl, als du begriffen hast, dass du an den Olympischen Spielen teilnehmen wirst?

Vor der letzten Runde war ich so kaputt wie noch nie in meinem Leben, weil ich meine komplette Energie verbraucht hatte. Irgendwie habe ich’s aber geschafft, bin dann zum Strand, wo mir mein Team schreiend und heulend entgegenlief. Alle riefen: „Du hast es geschafft! Du hast es geschafft!“ Geglaubt habe ich es aber erst, als der Präsident der International Surfing Association zu mir sagte, dass wir zusammen nach Tokio fahren. Fünf Jahre habe ich darauf hingearbeitet und plötzlich hatte ich es geschafft. Ich habe nur noch geheult. Und gekotzt. Wieder geheult. Und dann gelacht. Alle Emotionen sind plötzlich aus mir rausgebrochen.

Was braucht man, um als Surfer*in erfolgreich zu sein?

Man muss auf jeder Welle der Welt surfen können. Aber jede Welle ist anders. In Japan sind sie manchmal nur einen halben Meter hoch, auf Hawaii schon mal fünf. Man muss das komplette Paket mitbringen, und das ist ganz schön schwer. Das bedeutet viel Arbeit. Hinzu kommt: Man ist ständig auf Reisen, sieht nur selten seine Familie und Freunde. Das ist eine enorme psychische Belastung. Und man braucht natürlich eine immense mentale Stärke, weil man eben nicht immer gewinnt. Nach einer Niederlage kann man nicht nach Hause und mal kurz runterkommen, sondern muss direkt weiter zum nächsten Wettkampf.

„Wenn die Wellen riesig werden, der Wind pfeift, es gefährlich wird – dann gibt es nur noch wenige Leute, die dabei weiterhin cool bleiben“

Was kann man vom Surfen fürs Leben lernen?

Dass man überall tolle neue Leute kennenlernen kann. Die Surf-Community ist wie eine große Familie. Wenn man mit anderen Surfern im Wasser ist, gibt es kein Konkurrenzdenken, man hilft sich gegenseitig. Ich kenne überall auf der Welt Leute, die mich jederzeit auf ihrem Sofa übernachten lassen würden. Ich muss mir nie Sorgen machen, mal keinen Schlafplatz zu haben. Das ist ein schönes Gefühl.

Surfen wirkt immer so leicht. Was ist das Schwerste daran?

Am schwierigsten ist es vermutlich, sich auch in großen Wellen unter unwirtlichen Bedingungen wohlzufühlen. Denn wenn die Wellen riesig werden, der Wind pfeift, es gefährlich wird – dann gibt es nur noch wenige Leute, die dabei weiterhin cool bleiben.

Hast du dich beim Surfen schon mal schwer verletzt?

Ja, ich hatte schon ein paar Unfälle. Den schlimmsten hatte ich auf Hawaii, in einem Surf-Riff namens Pipeline. Die Wellen dort sind super stark. Ich bin von einer Welle gefallen und aufs Riff aufgeschlagen. Mein Hinterkopf ist aufgeplatzt und ich habe das Bewusstsein verloren. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie ich am Strand lag, ganz viele Leute um mich herum. Und als ich das ganze Blut gesehen habe, bekam ich eine Panikattacke. Danach bin ich zwei Wochen nicht mehr ins Wasser gegangen. Und jedes Mal, wenn ich wieder auf Hawaii bin, erinnere mich daran. Damit muss ich jetzt umgehen.

Surfern wird ja immer eine Leichtigkeit und Lockerheit nachgesagt. Würdest du dich auch so beschreiben?

Ja, schon. Die meisten von uns leben am Meer, wir sind permanent von Wasser und Sonne umgeben. Deswegen umgibt uns meist eine ganz angenehme Aura. Aber wenn wir an einem Wettbewerb teilnehmen, dreht sich das ganz schnell um. Sobald wir im Wasser sind, sind wir sehr fokussiert und geben alles dafür zu gewinnen.

Was kann man sich vom Surfer-Lifestyle abgucken?

Die meisten Surfer sind sehr demütig und bescheiden. Man hilft sich gegenseitig. Davon könnte sich die Welt ruhig ein bisschen was abschauen.

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