Dass man bei der Wohnungssuche im Ausland oft nicht vor Ort sein kann, machen sich Betrüger zunutze.

Dass man bei der Wohnungssuche im Ausland oft nicht vor Ort sein kann, machen sich Betrüger zunutze.

Fotos: freepik / Collage: jetzt.de

Skeptisch war ich von Anfang an. Eine Wohnung, ganz für mich alleine, möbliert, zentral und bloß 450 Euro? Klang zu schön, um wahr zu sein. Für ein Praktikum in Dublin brauchte ich für zweieinhalb Monate eine Unterkunft in Irlands Hauptstadt. Die Mieten dort sind hoch und nicht nur Studierende, sondern auch Berufstätige leben in WGs. Vor diesem Hintergrund war das Angebot, das ich auf Craigslist entdeckt hatte, mehr als dubios. Trotzdem kontaktierte ich den Inserenten.

Nur wenige Stunden später erhielt ich eine Antwort. Im ersten Moment wirkte alles normal, abgesehen davon, dass der Anbieter nicht in Dublin lebte. „Ich befinde mich derzeit aufgrund eines Jobtransfers in Schottland, daher vermiete ich die Wohnung“, hieß es in der E-Mail. Auch die Schlüssel hatte der Mann angeblich bei sich. Er stellte mir einige Fragen, über meinen derzeitigen Berufsstand und Aufenthaltsort und wie viel Miete ich im Vorfeld zahlen könnte. Zudem hing er hochglänzende Bilder der Wohnung an die E-Mail an. Obwohl ich ein komisches Gefühl hatte, blieb ich dran.

Das alles gehört zum Standard-Repertoire von Betrügern, weiß Karolina Wojtal, Juristin beim Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz. „Es sind in der Regel schöne Wohnungen, Bestlage in den Städten und auch noch zu einem attraktiven Preis. Diese drei Komponenten kommen häufig zusammen“, bestätigt sie. Viele der Wohnungen lockten mit außergewöhnlichen Ausstattungen wie Balkon oder Klimaanlage. Einen ersten Hinweis auf einen möglichen Betrug kann die Online-Adresssuche geben: Da liegt dann zum Beispiel ein mit „Bestlage“ beworbenes Zwei-Zimmer Apartment auf einmal in einem Industriegebiet. „Auch die Fotos sind in der Regel auffällig – oft sehen sie aus wie aus dem Möbel- oder Hotelkatalog“, sagt Wojtal. Hierbei kann die Rückwärts-Bildersuche bei Google hilfreich sein. Lädt man dort die Anzeigebilder hoch und findet sie mehrfach wieder, sollte man misstrauisch werden und die Links überprüfen.

„James“ fragte nach einer Kopie meines Personalausweises – kein gutes Zeichen

Ein weiteres Merkmal für einen Betrug ist, dass angebliche Vermieter aufgrund von beruflichen Verpflichtungen nicht vor Ort sein könnten und schreiben, dass sie die Schlüssel erst nach einer Kautionsvorauszahlung versenden würden. „Das Schlimme ist, dass die Maschen so weit gehen, dass tatsächlich auch Schlüssel versendet werden, die dann aber natürlich nicht passen“, sagt Wojtal. Es habe bereits Fälle gegeben, in denen Menschen mit gepackten Koffern und Schlüssel vor einer für sie nicht zugänglichen Wohnung gestanden hätten.

Mein Craigslist-Kontakt stellte sich in der nächsten E-Mail als James Pickard vor, ein 30-jähriger Ire, verheiratet, mit einer Tochter. Auch er sagte mir, er würde die Schlüssel schicken, sobald der Mietvertrag unterschrieben und das Finanzielle geklärt sei. Dann fragte er nach einer Kopie meines Personalausweises. Eine ehemalige Kommilitonin, die vor einiger Zeit bei der Wohnungssuche in Dublin über den Tisch gezogen worden war, hatte mich davor gewarnt: Niemals sollte ich eine solche Kopie verschicken. Ich hielt mich an ihren Rat. Trotzdem wollte James mich weiter als Untermieterin. Nachdem ich ihm alle meine persönlichen Daten gegeben hatte, schickte er mir eine vermeintliche Kopie seines Ausweises und den Mietvertrag. Alles schien in Ordnung zu sein. Stutzig machte mich allerdings, dass seine Anwältin, deren Adresse mit im Vertrag stand, in den USA saß.

Auch das sind gängige Maschen. „Das ist total dreist, die kopieren alles. Sie eignen sich dann einfach Namen von existierenden Menschen, zum Beispiel von Anwälten an“, bestätigt Karolina B. Wojtal. Der Ausweis, der gegenüber dem Interessenten Vertrauen und Seriosität vermitteln soll, ist in der Regel eine Fälschung. „Das Schlimme ist, dass diese Personalausweise, jenseits von Fälschungen, von vorigen Opfern stammen“, ergänzt Wojtal. Betroffene bekommen davon meistens nichts mit.

Die Polizei war machtlos, da das Geld auf ein Konto im Ausland überwiesen worden war

Etwas Ähnliches hat auch Selina erlebt. Die heute 26-jährige Studentin war 2015 für ein Praktikum im österreichischen Mondsee. Im Vorfeld schaute sie sich nach einer Unterkunft in Salzburg um. „Ich dachte, über Airbnb ein tolles Angebot gefunden zu haben und wurde vom entsprechenden Anbieter per Mail kontaktiert“, erzählt sie. Obwohl Airbnb Nutzer inzwischen davor warnt, nicht außerhalb der Plattform zu kommunizieren, hält das Betrüger nicht davon ab, es zu versuchen. Nicht selten erfolgreich. „Oft wird argumentiert, dass man dadurch die Vermittlungsgebühr spart“, erklärt Wojtal.

Selina tauschte private Nachrichten mit dem vermeintlichen Airbnb-Gastgeber aus, der sie schließlich darum bat, Geld auf ein Konto in Großbritannien zu überweisen – insgesamt 1500 Euro. Nur nach erfolgreichem Geldtransfer würde Selina dann den Schlüssel zur Wohnung erhalten. „Letztlich habe ich das Geld überwiesen und nie wieder etwas von diesem Menschen gehört“, sagt die Studentin. Auch die Polizei war machtlos. „Sie konnte nichts machen, da es sich um ein Konto in Großbritannien handelte und nicht in Deutschland“, erklärt Selina.

Kriminelle machen sich also die europäische Freizügigkeit und die Mobilität gerade junger Menschen zunutze. Dieses Problem kennt auch Karolina Wojtal: „Es ist schwierig, sobald Sie grenzüberschreitende Sachverhalte haben“, so ihre Einschätzung. Betrüger nutzen gezielt aus, dass Studierende aus einem anderen Land oft nicht für eine Besichtigung vor Ort sein können und auf die virtuelle Wohnungssuche und Kommunikation angewiesen sind. Die meisten Fälle würden darum nicht aufgeklärt, sagt Wojtal. Dennoch rät sie dazu, Anzeige zu erstatten. „Es bringt den Verbrauchern Ihren individuellen Schaden zwar nicht zurück, aber man tut damit etwas, um zukünftige Opfer zu verhindern“, erläutert sie.

Besonders misstrauisch sollte man werden, wenn jemand einen Geldtransfer per MoneyGram oder Western Union einfordert

Nachdem ich den Mietvertrag gelesen hatte, füllte ich die noch bestehenden Lücken aus, unterschrieb ihn und sandte ihn an James zurück. Doch ich hatte Glück. Als er mich aufforderte, die 950 Euro, also die erste Monatsmiete plus 500 Euro Kaution, per MoneyGram zu übermitteln, ein Transfer-Service, der wie Western Union funktioniert, wurde ich misstrauisch. Ich fragte, ob ich das Geld stattdessen auf ein Konto überweisen könnte. Das Bankkonto, das er mir nannte, war das seiner Anwältin in den USA. Auf mein Bauchgefühl hörend, googelte ich die Namen und gelangte auf eine Seite, die Wohnungsbetrüger auflistete. Schockiert stelle ich fest, dass dort ein Nutzer einen E-Mail-Verlauf mit exakt dem gleichen Wortlaut gepostet hatte. „James“ hatte das gleiche Spiel in Amsterdam versucht.

Grundsätzlich sei es bereits eine schlechte Ausgangssituation, wenn man nicht persönlich eine Unterkunft besichtigen könne, fasst Karolina Wojtal das Problem zusammen. Studierenden rät sie, sich rechtzeitig zu kümmern, um nicht unnötig in Bedrängnis zu geraten. „Je mehr ich da unter Druck stehe, desto empfänglicher bin ich für Angebote, die dann wie gerufen kommen“, sagt sie. Außerdem solle man nichts überstürzen: „Egal, was man sich anschaut, man sollte sich immer die Zeit nehmen, alles genau zu prüfen und dann niemals per Vorkasse Geld überweisen.“

Letzteres lässt sich jedoch oft nicht vermeiden. Besonders misstrauisch sollte man aber werden, sobald jemand einen Geldtransfer per MoneyGram oder Western Union einfordert. Das übermittelte Geld kann bereits innerhalb weniger Stunden vom Empfänger abgehoben werden – und ist dann weg und der Transfer kann nicht zurückverfolgt werden. Bei einer Überweisung kann man als Betroffener immerhin bei seiner Bank fragen, ob das Geld bereits abgebucht ist. Aber das Zeitfenster bleibt auch da relativ klein – und damit auch die Chance, den Verlust zu verhindern. Wenn das Konto nicht zum Aufenthaltsort des Anbieters und der Wohnung passe, was anhand des Ländercodes der IBAN abgelesen werden könne, sei das in jedem Fall alarmierend, sagt Wojtal.

Obwohl ich nicht zu Schaden gekommen war, ging auch ich zur Polizei. Doch mir wurde ähnliches gesagt wie Selina: dass es fast unmöglich sei die Person zu finden. Im Endeffekt hatte ich zwar nur Zeit verloren – und war trotzdem wütend. Hauptsächlich auf mich selbst, weil ich die Zeichen nicht früher richtig gedeutet hatte. Jetzt werde ich, wenn ich mich an das Praktikum in Dublin erinnere, auch immer daran denken müssen, wie ich damals beinahe 950 Euro verloren hätte.

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