Diese Studierenden bauen sich ihr eigenes Wohnheim

Sie wollen einen Raum schaffen, der nicht nur angehenden Akademiker*innen offensteht. Jetzt hat der Bau begonnen.
Von Hannah Berger
collegium academicum cover

Foto: Projektgruppe CA

„Überwältigend“ – das ist das Wort, mit dem Lisa Müller-Haude ihr Herzensprojekt spontan beschreibt. Und zwar auf vielen Ebenen: Sie ist Teil des studentischen Vereins „Collegium Academicum“, der sich ein großes Ziel gesteckt hat. Sie wollen ein selbstverwaltetes Wohnheim in Heidelberg bauen. Ziel des Projektes ist es, langfristig günstigen Wohnraum für junge Menschen in Ausbildung zu schaffen. Die geplante Wohnanlage soll auf einem ehemaligen Militärgelände entstehen und Platz für mehr als  200 Bewohner*innen bieten. 

Die Ansprüche, die das ehrenamtliche Team dabei an sich selbst stellt, sind durchaus idealistisch: Basisdemokratie, Gemeinschaft, Egalität und Inklusivität, Selbstbestimmtheit, Offenheit und Nachhaltigkeit – das sind die Leitwerte, an denen sich das Collegium Academicum orientieren will. 

Vor drei Jahren hat jetzt schon einmal über die Pläne der Studierenden berichtet. Seither hat sich einiges getan, erzählt Lisa. Am 25. Mai haben die Bauarbeiten für den innovativen Holzneubau begonnen. Auf vier Stockwerken sollen in den nächsten 18 Monaten insgesamt 176 Zimmer in Dreier- und Vierer-WGs entstehen. Die vergleichsweise kurze Bauzeit ist vor allem dem Hauptbaumaterial geschuldet: Zahlreiche Elemente können vom Holzbauer bereits vorgefertigt werden, sodass sie auf der Baustelle schließlich nur noch montiert werden müssen. Mit den Bauarbeiten hat das Collegium Academicum professionelle Baufirmen betraut, aber die jungen Visionär*innen beteiligen sich ebenfalls aktiv an der Gestaltung des zukünftigen Wohnheims. In einer eigens eingerichteten Werkstatt zimmern sie Möbel für die Innenausstattung. Um eine möglichst nachhaltige und individuelle Einrichtung zu garantieren, sind auch Möbelspenden gern gesehen. 

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Sich das fertige Gebäude vorzustellen, erfordert beim Anblick der gigantischen Baugrube noch viel Phantasie.

Foto: Uli Hillenbrand

Bis zum lang ersehnten Baubeginn war es ein langer und bisweilen steiniger Weg. Vor allem aber: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Besonders die Finanzierung des Projekts erforderte viel Ausdauer. Doch die Anstrengung hat sich gelohnt: Die Projektgruppe hat sich erfolgreich um Gelder aus verschiedenen bundes- und landesweiten sowie städtischen Förderprogrammen beworben und konnte im vergangenen Jahr schließlich einen Bankkredit über mehr als 10 Millionen Euro unterzeichnen. Mehr als  zwei Millionen Euro kamen zudem über Direktkredite von Privatpersonen zusammen. Um die Finanzierung des Neubaus vollständig abschließen zu können, sollen weitere Hunderttausend Euro über Direktkredite gesammelt werden.

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So soll ein fertiges Wohnheimzimmer später aussehen.  Ein naturgetreues Modell in Realgröße kann aktuell auf dem US-Hospital Gelände besichtigt werden.

Foto: Projektgruppe CA

„Es ist schon überwältigend zu sehen, wie auf der Baustelle mit jedem Tag ein bisschen mehr passiert“

Lisa Müller-Haude, eine der jungen Visionär*innen sagt am Telefon gegenüber jetzt: „Alles in den letzten Jahren war viel Fleißarbeit, viel Öffentlichkeitsarbeit, Überzeugungsarbeit. Aber es zeigt uns auch, dass unsere Idee Menschen davon überzeugen kann, uns zu unterstützen.“ Mit dem Beginn der Bauarbeiten wird der Fortschritt nun endlich sichtbar: „Es ist schon überwältigend zu sehen, wie auf der Baustelle mit jedem Tag ein bisschen mehr passiert. Der Bau ist etwas, was unheimlich motiviert und uns belohnt für die Anstrengungen der Vergangenheit.“

Sieben Jahre sind im studentischen Leben eine lange Zeit. Für universitäre Gruppen bedeutet das oft, dass sich die Zusammensetzung schnell verändert. Einige beenden ihr Studium, andere wechseln den Wohnort – reichlich Instabilität für ein Mammutprojekt wie die Planung eines eigenen Wohnheims. Doch das Collegium Academicum scheint für viele zur Herzenssache geworden zu sein: Zahlreiche Mitglieder bleiben der Gruppe auch nach Ende ihres Studiums treu und helfen weiterhin nach Kräften mit. Trotzdem stoßen jedes Semester Neuankömmlinge hinzu.

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Alle wichtigen Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen.

Foto: Johannes Roßnagel

Bleibt die Frage, ob sich die Beständigkeit der Mitglieder auch auf die gemeinsame Wertebasis übertragen lässt. Hat das Collegium Academicum seine visionären Leitideen beibehalten oder musste der ursprüngliche Idealismus schließlich doch dem Pragmatismus weichen? „Wir haben weiterhin einen sehr idealistischen Anspruch an das Projekt, vor allem was die Werte angeht“, sagt Lisa. „Aber natürlich mussten wir in der praktischen Umsetzung an manchen Stellen kleinere Abstriche machen. Das hat dann in der Regel finanzielle Gründe.“

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In der eigens eingerichteten Werkstatt können Möbel selbst gezimmert werden.

Foto: Uli Hillenbrand

„Wir wollen einen Raum der Begegnung schaffen“

Bis Ende 2021 soll der Neubau fertiggestellt sein. „Das ist natürlich ein sportliches Ziel, aber wir sind erstmal optimistisch.“ Einziehen dürfen dann nicht nur Studierende und Promovierende. Das Wohnheim soll auch Auszubildenden offen stehen. So sollen unnötige Grenzen zwischen beiden Lebenswelten abgebaut und das gegenseitige Verständnis gestärkt werden. „Wir haben das Gefühl, dass es im Alltag leider sehr wenige Berührungspunkte zwischen Studierenden und Auszubildenden gibt. Wir wollen einen Raum der Begegnung schaffen.“

Nach der Fertigstellung des Neubaus wird im nächsten Schritt der zum Projekt gehörende Altbau saniert. Dort ist Wohnraum für bis zu 50 Schulabgänger*innen geplant, die dort eine Art Orientierungsjahr verbringen und eigene Bildungsprojekte umsetzen können. Die Studierenden erhoffen sich durch die unmittelbare Nachbarschaft auch einen Austausch verschiedener Perspektiven. 

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