Studierende boykottieren den Namen der Tübinger Uni

Denn einer der beiden Namensgeber der „Eberhard Karls Universität“ war Antisemit, der andere handelte mit Menschen.
Von Caroline Kunz

Im Moment heißt die Uni in Tübingen noch „Eberhard Karls Universität“. Studierende haben aber eine „Gegen-Uni“ ins Leben gerufen, die sie „Ernst Bloch“ nennen – sie fordern damit eine Umbenennung.

Foto: Ernst Bloch Universität Tübingen

Elias und Rosa (Namen geändert*) sitzen auf einer ranzigen Couch im Büro der Fachschaftenvollversammlung, auf dem Tisch vor ihnen liegen vegane Schokolade und ein Buch über linke Aktionsformen. Beide studieren an der Eberhard Karls Universität Tübingen – doch so würden sie das niemals formulieren. Denn den Namen ihrer Uni boykottieren sie. Sie verstehen sich stattdessen als Studierende der „Ernst-Bloch-Universität“.

Dieser Name sei nämlich historisch unbelastet. Ganz im Gegensatz zu dem jetzigen: Einer der bisherigen Namensgeber, Eberhard im Bart, war Antisemit. Anlässlich der Universitätsgründung 1477 ließ er alle Jüdinnen und Juden, die in Tübingen und Umland lebten, vertreiben. Das schrieb Manfred Gailus in seinem Buch „Christlicher Antisemitismus im 20. Jahrhundert“. Der zweite Namensgeber Herzog Karl Eugen fügte seinen Namen 1769 hinzu. Laut Sandra Hupfaufs Aufsatz „Werkzeuge für die Unterdrückten“ verkaufte Herzog Karl Eugen seine Schutzbefohlenen als Soldaten ins Ausland.   

Ein Problem, das auch viele andere Universitäten in Deutschland so oder ähnlich kennen: Die Beuth-Hochschule Berlin hat am vergangenen Donnerstag beschlossen, sich von ihrem antisemitischen Namensgeber zu trennen. Die Universität Greifswald war bis Anfang 2017 nach dem Antisemiten Ernst-Moritz Arndt benannt. Die Uni Münster trägt bis heute den Namen des Kriegstreibers und Kolonialherrn Wilhelm II.

Auf Straßenschildern und WG-Kühlschränken kleben Sticker der „Ernst-Bloch-Universität“

Auf Nachfrage von jetzt erklärte die Universität Tübingen nun, dass die Tatsache bekannt sei, man eine Namensänderung aber bisher nicht erwogen habe. Die Studierenden allerdings fordern genau das schon lange: Seit 1977, also mehr als 40 Jahren, gibt es in der schwäbischen Stadt eine „Gegen-Uni“, die sich den Namen des Marxisten Ernst Bloch gibt. Der Tübinger Professor hatte sich für die Studierendenbewegung eingesetzt, bis er 1977 verstarb. Seitdem wollen Studierende ihm durch die Umbennung der Uni besondere Ehre erweisen.

2020 steht auf Immatrikulationsbescheinigungen, Leistungsscheinen und Modulhandbüchern noch immer „Eberhard Karls Universität“. In Klokabinen, auf Straßenschildern und WG-Kühlschränken aber kleben Sticker der „Ernst-Bloch-Universität“. Denn während viele Studierende Ernst Bloch als Vorbild akzeptieren können, geht ihnen das bei den jetztigen Namensgebern anders: „Eberhard und Karl haben reichlich wenig mit einer kritischen und freien Uni zu tun“, sagt Rosa.

Heute scheint eine offizielle Umbenennung jedoch weit entfernt zu sein. „Die Bloch-Uni ist hauptsächlich ein Symbol“, sagt Aktivist Elias. Er hat braune Haare, trägt Brille und studiert Politikwissenschaft. Freitags steht er mit „Fridays for Future“ auf der Straße.

Die Bloch-Uni besteht im Kern aus rund 20 Aktiven. Zusammen stellen sie jährlich eine alternative Semestereröffnungswoche an der Uni Tübingen auf die Beine, die „Ernst und Karola Bloch Woche“. Während dieser Woche gibt die Initiative unterschiedlichen linken Perspektiven einen Raum. Karola Bloch war Ernsts Frau, Autorin und Feministin. Vergangenes Jahr war die Bloch-Uni Mitautorin einer Broschüre über Verbindungen und Burschenschaften. Die größte Reichweite hat die Bloch-Uni aber auf Social Media. Dort vernetzen sich die Aktivist*innen mit anderen Gruppen, teilen und erstellen Veranstaltungen.

Sie wollen nicht durch das auffallen, was sie sagen, sondern durch ihre Aktionen

Die Ernst-Bloch-Universität soll und will aus altbekannten Strukturen ausbrechen. Nur Rosa und Elias sprechen in der Öffentlichkeit, der Rest hält sich im Hintergrund. Sie wollen nicht durch das auffallen, was sie sagen, sondern durch ihre Aktionen. Im Hörsaal des Kupferbaus, den im Dezember 2018 zahlreiche Studierende besetzten, hingen ihre Banner. Die Besetzung richtete sich gegen das geplante Tübinger Cyber Valley. Ob bei Demos von „Fridays for Future“, der Antifa oder ver.di – überall Bloch-Uni-Fahnen. Rot und schwarz, mit der „Bloch-Faust“ in der Mitte. Die Bedeutung dahinter sei immer die gleiche, sagt Rosa. „Wir sind da und wir stehen auf – für eine politische und kritische Universitätskultur.“ Die Bloch-Uni-Aktivistin studiert Politikwissenschaft und Philosophie. 

Elias und Rosa erklären, dass es ihnen um mehr geht als eine Namensänderung. „Die Uni ist ein Ort, der sich regelrecht anbietet, um gemeinsam kritisch nachzudenken“, sagen sie. „Doch wegen der Bologna-Reform ist die Uni zur Lernfabrik geworden.“ Freiräume müsse man sich selbst nehmen, sonst gebe es sie nicht. Mit diesem Vorwurf müssten sich Rosa und Elias allerdings nicht an die Universität Tübingen richten, sondern an das Land Baden-Württemberg, das die Organisation von Hochschulen und die Mitwirkungsrechte aller Gruppen regelt. Die Uni bekräftigt, Eberhard und Karl seien immer wieder Thema in der universitären Öffentlichkeit. Auf der Webseite der Uni wird dies aber nicht thematisiert. 

„Es erscheint allerdings fraglich, ob ein Abstandnehmen von Namen der richtige Ansatz ist, mit problematischen Aspekten von Geschichte umzugehen. Vielmehr ist es wichtig, gerade solche Aspekte zu adressieren und sich damit auseinanderzusetzen“, heißt es aus der Pressestelle weiter. Mit den Aktivist*innen steht die Universität Tübingen nicht im Dialog. Elias und Rosa erklären, dass sie mit ihrer Initiative keine Chance sehen, eine Namensänderung herbeiführen zu können. Stattdessen hoffen sie, dass ihr Protest dem Rektorat auf die Nerven geht. Im Grunde geht es als „Gegen-Uni“ laut Elias und Rosa darum: „Wir wollen Störfaktor sein – aber auch Alternativen bieten.“

*Elias und Rosa heißen nicht wirklich so, sie wollen ihre richtigen Namen aber nicht veröffentlichen, um ihre Iniative nicht über Einzelpersonen bekannt zu machen.

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