Was bringt der Master eigentlich?

Wir haben Studenten und Absolventen gefragt.
Protokolle von Anna Farwick
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Tobias Potthoff, 27, hat seinen Bachelor und Master in Wirtschaftsinformatik gemacht, ist jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Duisburg-Essen und promoviert gleichzeitig dort.

Ich hatte einfach das Gefühl, noch nicht so viel gelernt und auch noch nicht so viel wissenschaftlich gearbeitet zu haben, wie ich mir das von einem Bachelorstudium an einer Uni wünschen würde. Es gab aber auch wenige in meinem Fach, die nach dem Bachelor gesagt haben, sie wollen schon arbeiten. Dabei ist der Berufseinstieg nach dem Bachelor in der Wirtschaftsinformatik auch sehr gut möglich. Man verdient dann auch schon relativ gut.

Während ich ein Praktikum im Bachelor gemacht habe, wurde mir dort gesagt, dass eigentlich immer noch erwartet wird, dass man einen Master macht. Und dass das letztlich später auch Voraussetzung ist, um aufsteigen zu können. Es schwingt dabei aber immer auch ein bisschen mit, dass ich das Leben als Student einfach schön fand. Warum sollte ich nach drei Jahren schon aufhören, wenn ich doch eh immer noch sehr jung bin und Karriere auch gut nach den zwei Jahren Master machen kann?

Es stimmt schon, dass man nach dem Bachelor auch ins Berufsleben einsteigen kann. Aber mit einem höherwertigen Abschluss kann man einfach auch eine höhere Karriere anstreben. In Deutschland gibt es eventuell auch noch keine Modelle, in denen man berufsbegleitend seinen Master machen kann. Für mich stand jedenfalls fest: Wenn ich das Studium mache, dann ziehe ich es auch komplett mit Master durch.

Ich persönlich sehe die Uni in erster Linie nicht als praxisorientierten Berufsausbildungsbetrieb, sondern eher als Vermittler von Methoden, Theorien und Forschungsansätzen. Im Bachelor werden da die Grundlagen vermittelt. Ich sehe da immer noch einen Unterschied zu Fachhochschulen oder Ausbildungen, aber der verwässert nach und nach. Ich diskutiere über das Thema gerne. Die Uni hat einfach einen gewissen Anspruch, sie muss aber auch die Unternehmen in die Lehre miteinbeziehen. Gerade die Wirtschaftsinformatik bekommt alle ihre Probleme aus der Wirtschaft.

Der Master war für mich Voraussetzung für meine Promotion, insofern hat er mir schon weitergeholfen. Rückblickend fehlten mir die grundlegenden wissenschaftlichen Methoden, die im Bachelor aus zeitlichen Gründen nicht reingepasst haben. Im Master ging es fachlich dann in die Spezialisierung, was auch sehr gut war. Aber mir fehlte, dass mal jemand genau sagt: „Das ist jetzt wissenschaftliches Arbeiten, das sind Forschungsmethoden.“ Ich würde sagen, wenn jemand einen Master an der Uni absolvieren möchte, dann sollte das dazugehören. Das merke ich jetzt bei meiner Promotion.

Ich nutze die Promotionszeit deshalb, um mich entscheiden zu können, was danach kommt. Gerade in unserem Fachbereich ist es so, dass viele nach dem Master erst mal in die Beratung gehen, um noch mehr Zeit zu haben, um sich klarer zu machen, wo man noch hin möchte. Das wollte ich nach dem Master noch nicht entscheiden und an der Uni gab es die Möglichkeit, zu bleiben. Mir macht das Arbeiten an der Uni auch Spaß.

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Tatjana Jungkunz, 22, studiert in Bamberg Politikwissenschaft im zweiten Mastersemester und arbeitet für die Stiftung eines großen Unternehmens.

Für mich stand schon zu Beginn meines Studiums fest, dass ich einen Master machen werde. Als ich dann mit dem Bachelorstudium fertig war, habe ich mich einfach noch nicht bereit gefühlt, in die Arbeitswelt zu gehen. Ich wusste nicht, ob ich mich mit meiner Ausbildung so signifikant von der Masse anderer Bachelorstudierenden abheben würde.

Ich habe kurz gezweifelt, ob es richtig ist, an der gleichen Uni zu bleiben, an der ich meinen Bachelor gemacht habe. Ich hätte es schon sinnvoll gefunden, noch mal in ein neues Umfeld zu gehen, noch mal eine neue Uni kennenzulernen und vielleicht auch ihre Stärken irgendwie für mein Masterstudium nutzen zu können. Mit der Zeit hat sich meine Entscheidung, in Bamberg zu bleiben, aber als richtig erwiesen. Falls sich das doch noch ändern sollte, kann ich den Master immer noch abbrechen. Was ich bisher aber nicht vorhabe.

Ich finde es schwierig, wenn Leute sagen, dass man auch mit einem Bachelorabschluss direkt ins Berufsleben wechseln kann. Einerseits, finde ich, sollte der Arbeitsmarkt offen sein, auch Leute aufzunehmen, die nach ihrem Bachelorstudium anfangen wollen zu arbeiten. Schließlich ist das eine abgeschlossene Ausbildung. Andererseits ist man, meiner Meinung nach, nach diesen drei Jahren noch nicht so ausgereift in seiner Persönlichkeit und in seinen Interessen. Die Zeit während des Bachelors reicht nicht aus, um einen Menschen zu formen und Methoden auszubilden, die einen wirklich langfristig für das Berufsleben wappnen.

Ich habe die Theorie, dass man, wenn man direkt mit dem Bachelor in den Beruf startet, dazu neigt, später öfter den Job zu wechseln oder sich öfter auszuprobieren. Ich glaube, der Master schützt davor ein bisschen. Es gibt bestimmt Leute, die den Master machen, um später mehr Geld zu verdienen, aber für mich ist dieses Argument nicht ausschlaggebend.

Durch den Master weiß ich jetzt noch mehr, wo ich später hinmöchte. Ich hätte am Anfang meines Bachelorstudiums oder auch zur Mitte hin niemals geglaubt, dass ich in die Richtung quantitative Methoden gehen werde. Im Bachelor lernt man nur die Grundkenntnisse und erst im Master wird man auf ein Thema dann richtig heiß; wenn man sich tiefergehend damit auseinandergesetzt hat. Forschung macht so viel Spaß, ich kann so viele andere Sachen machen, ich interessiere mich für viel komplexere Fragestellungen. Ich kann die Analysemethoden, die ich bisher im Master gelernt habe, bei mir auf der Arbeit anwenden, und das zeigt mir, dass sich der Master jetzt schon gelohnt hat. Sobald ich meine Masterarbeit geschrieben habe, werde ich wohl promovieren und dann versuche ich, beruflich in Richtung Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen zu gehen.

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Timotheus Riedel, 22, studiert im ersten Mastersemester Philosophie in Heidelberg.

 

Die ursprüngliche Idee des Universitätsstudiums ist es nicht, auf einen Berufsweg vorzubereiten, sondern die Wissenschaft und Lehre zu pflegen. Und diesem Ideal folge ich. Mir geht es im Master nicht um meine Berufsvorbereitung, sondern eben um ein möglichst weitgehendes Durchdringen des Fachbereichs als solchen.

 

Es kann schon sein, dass man mit dem Bachelor einen guten Berufseinstieg schafft, aber das kommt wohl sehr auf das Berufsfeld an. Und in welchem Bereich man studiert. Man sollte sich nach dem Bachelor also einfach sehr genau überlegen, ob man direkt in den Beruf will, weil es eben doch auch Berufswege gibt, die einem nur mit Master offen sind.

 

Zum Beispiel in den Geistes- und Kulturwissenschaften: Ich glaube, dass es hier besonders hilfreich ist, einen möglichst breiten akademischen Hintergrund zu haben. Gerade weil man in den Geisteswissenschaften ja keinen technischen Beruf im weiteren Sinne ausübt. Keinen Beruf, der darauf beruht, dass man ein Problem mit altbekannten Methoden löst. Egal wo man mal landet, ob im Verlagswesen, der kulturellen oder Erwachsenenbildung, es ist immer hilfreich, wenn man akademisch auf sicherem Boden steht.

 

Was mich deshalb stört ist, dass die öffentliche Diskussion mittlerweile fast selbstverständlich davon ausgeht, dass auch die Universitätsausbildung eine Berufsausbildung sei. Was ja der Grundidee nach eben nicht der Fall ist. Ich kann mir vorstellen, dass die Interessen der Arbeitgeberverbände bei der Bologna-Reform zu sehr im Mittelpunkt standen. Was die Balance zwischen Berufsausbildung und wissenschaftlichem Betrieb sehr zu Ungunsten des Letzteren verschoben hat.

 

Ich studiere zum Beispiel nicht, um meinen finanziellen Output später möglichst hoch zu halten, sondern aus einem rein fachlichen Interesse. Und genau das würde ich auch jedem raten, der vor der Entscheidung steht, einen Master zu machen. Tut das, weil ihr es wollt, nicht, weil der Master das Mittel zum Zweck ist.

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Maximilian Nitschke, 24, hat im Bachelor und Master Bauingenieurwesen in Bochum studiert und arbeitet jetzt in einem Ingenieurbüro für Baudynamik.

 

Uns wurde von Anfang an gesagt: "Ihr braucht den Master, wenn ihr nach dem Studium einen guten Job haben wollt." Eigentlich bräuchte man ja ein Diplom, aber das gibt es nicht mehr. Nur in Aachen, aber das dauert ein Jahr länger und das wollte ich nicht. Denn ein Jahr Berufserfahrung ist in meinen Augen viel mehr wert als das, was da auch immer vor deinem Namen steht. Also habe ich den Master gemacht.

 

Mittlerweile gibt es auch mehr Ausschreibungen für Bachelorabsolventen. Aber mit einem Master bekommst du immer noch mehr Gehalt. Laut Rahmentarifvertrag sind das geschätzt um die 8000 Euro im Jahr – und das ist ja ein deutlicher Unterschied. Es ist auch so, dass es für viele Spezialgebiete, wie in meinem Fall Baudynamik, überhaupt keine Ausschreibungen für Bachelorabsolventen gab. Da geht ohne Master also gar nichts.

 

Mich hat am Studium vor allem genervt, dass man sich erst im Master richtig spezialisieren kann. Es ist alles so verschult. Dadurch musste ich Dinge wie höhere Mathematik lernen – und die braucht halt kein Mensch im normalen Leben. Und es ist auch nichts, was ein normaler Mensch versteht. Erst im Master konnte ich mir dann fast komplett die Fächer aussuchen, die ich machen wollte.

 

Ich weiß ja nicht, wie es vorher war, aber so, wie es jetzt ist, ist es nicht optimal. Ich kann nur schwer sagen, ob ich den Bologna-Prozess wieder rückgängig machen wollen würde. Man lernt so viel überflüssiges Zeug. Bei meiner Arbeit beobachte ich Schwingungen, zum Beispiel ob durch vorbeifahrenden Verkehr Schäden an Häusern entstehen können. Ich habe aber auch gelernt, wie man eine Straße baut. Das werde ich aller Voraussicht nach niemals in meinem Leben brauchen.

 

Deswegen würde ich jedem, der Bauingenieur studiert, raten, auch einen Master zu machen. Im Master fängt dann der Spaß an. Das kann der Person auch bei der späteren Berufswahl super helfen, so wie bei mir. Mein jetziger Chef hat ein Seminar gehalten über Baudynamik, das hat mir wirklich gut gefallen. Dann habe ich noch meine Masterarbeit in diesem Bereich geschrieben und so habe ich durch den Master meinen Job gefunden.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Weiblich Anonym, 26, hat Medienwissenschaft im Bachelor und dann im Master studiert und organisiert jetzt Kunstmessen.

 

Es hat sich einfach normal angefühlt, den Master noch zu machen. Man bekommt von allen Seiten suggeriert, dass der viel größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bringt. Aber ich hatte ehrlich gesagt auch keine allzu große Lust, nach dem Bachelor gleich zu arbeiten. Das kann auch daran liegen, dass ich Medienwissenschaft studiert habe, was grundsätzlich sehr theoretisch ist und vielleicht kritisches Denken fördert und eine gewisse sprachliche Gewandtheit, sonst aber nichts wirklich Handfestes. Bachelor und Master kamen mir von Anfang an vor wie ein Geschwisterpaar, das zusammengehört.

 

Mir hat der Master in akademischer Hinsicht stark geholfen. Das ganze Studium war sehr selbstgenügsam und es wird ein bisschen so getan, als ob es gar keinen Arbeitsmarkt gibt und alle, die den Master machen, eine akademische Laufbahn anstreben. Ellenlange Arbeiten über französische Medienkritik der 80er Jahre zu schreiben, hat seine Berechtigung und es hat mich auch sehr interessiert. Aber ein Arbeitgeber hat nicht viel von dieser Fähigkeit. Beziehungsweise, klar, im Kulturbetrieb gilt es als erwünscht, eine fundierte, geisteswissenschaftliche Ausbildung zu haben. Aber wenn man ehrlich ist, hat die in den wenigsten Fällen dann was mit der Arbeit zu tun. Und es interessiert auch keinen so richtig, um was es in deinem Studium ging, solange da "Master" oder "Diplom" steht. Wenn ich zum Beispiel ein Filmfestival organisiere, brauche ich keine weltfremden Theorien, sondern Organisationstalent. Und das hat man oder hat man nicht, mit oder ohne Master.

 

Das Studium an sich hat Spaß gemacht. Aber es ist eben wie ein persönlicher Luxus, den man sich zum Glück in Deutschland auch leichter gönnen kann als anderswo. Ich glaube, dass es viele gibt, die möglichst lange studieren wollen, oder zumindest nicht unglaublich heiß sind auf einen scheinbar düsteren Arbeitsmarkt, vor allem Geisteswissenschaftler.

 

Ich glaube, dass der Master eben vor allem in Geisteswissenschaften oft nur eine Formsache ist, zumindest was konkrete Qualifizierungen angeht. In anderen Fächern kann ich mir gut vorstellen, dass der Master einen wirklichen Vorteil gegenüber dem Bachelor bietet. Bei Geisteswissenschaften ist er eben ein bisschen mehr eine Prestige-Sache.

 

Ich habe den Master, beziehungsweise das ganze Studium bei Vorstellungsgesprächen natürlich als unersetzbar dargestellt. Ich habe vor allem die paar wenigen praktischen Sachen hervorgehoben, die es dann doch gab, Schlüsselqualifikationen und so.

 

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