Wie Medizinstudierende jetzt in Krankenhäusern helfen

Deutsche Kliniken bereiten sich auf die Versorgung von Corona-Patient*innen vor. Dafür brauchen sie Studierende.
Von Jing Wu

Viele Studierende lernen in ihren Semesterferien nicht, sondern arbeiten im Krankenhaus, um während der Pandemie  zu helfen.

Fotos: Axel Heimken, dpa / Nathan Dumlao, Unsplash / Bearbeitung: jetzt

Eigentlich hatte Ann-Sophie F. sich auf die freie Zeit in den Semesterferien gefreut. Die 21-jährige Medizinstudentin wollte Tennis spielen, Freunde treffen, tagsüber ein bisschen fürs Studium lernen, abends ein bisschen feiern gehen. Seit anderthalb Wochen jedoch steht sie morgens um fünf Uhr auf, fährt fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad vom Haus ihrer Eltern ins Uniklinikum Freiburg und unterstützt dort das medizinische Personal während der Corona-Krise. Ann-Sophie ist ausgebildete Rettungssanitäterin und hat gerade das erste Semester Medizinstudium in Göttingen abgeschlossen. Über eine Facebook-Gruppe hat sie davon erfahren, dass das Uniklinikum in ihrer Heimatstadt dringend Medizinstudierende zur Unterstützung sucht und sich kurzerhand gemeldet. „Es heißt, dass die aktuelle Corona-Lage die größte Krise Deutschlands seit dem zweiten Weltkrieg ist. So eine Situation wie in Italien will man hier natürlich vermeiden. Darum ist es so wichtig, dass jetzt so viele Leute wie möglich mithelfen “, erzählt sie am Telefon. Seit knapp zwei Wochen macht Ann-Sophie nun Acht-Stunden-Schichten in der Notaufnahme und auf der Intensivstation der Klinik. Ihr Dienstbeginn ist um sechs Uhr in der Früh, ihr Feierabend gegen zwei Uhr nachmittags. „In der ersten Woche habe ich komplett ehrenamtlich ohne Bezahlung gearbeitet“, sagt sie. In dieser Woche soll sie einen Vertrag als bezahlte studentische Hilfskraft erhalten. In der Notaufnahme kümmert sich Ann-Sophie um einzelne Patienten, legt venöse Zugänge, misst Blutdruck und schreibt EKGs.

„Es werden Fachkräfte entlastet, die bei der Behandlung schwer Covid-Kranker benötigt werden“

Laut Johannes Faber, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Uniklinik Freiburg, haben sich schon mehrere hundert Medizinstudierende auf eine Anzeige der Klinik gemeldet. Gut hundert davon plane das Klinikum zunächst zur Unterstützung ein. „Medizinstudierende können derzeit einen sehr wichtigen Beitrag während der Corona-Epidemie leisten. Sie werden eingesetzt, um dem  Personal bei alltäglichen Aufgaben im Stationsbetrieb zu helfen“, sagt Faber. „Dadurch werden Fachkräfte entlastet, die bei der Behandlung schwer Covid-Kranker benötigt werden.“ Ann-Sophie übernimmt daher nicht nur ärztliche Aufgaben. „Es geht jetzt vor allem auch darum, das Pflegepersonal zu entlasten“, sagt sie. „Ich frage, was zu tun ist und sie geben mir dann die Aufgaben, wozu sonst keiner kommt. Manchmal sind das auch so einfache Sachen wie Regale auffüllen.“ Jeden Morgen hat sie drei bis fünf Patienten, um deren Pflege sie sich kümmert. Sie hilft beim Duschen, zieht die Personen an und cremt sie ein. „Die Patienten sind richtig nett und freuen sich, dass man hilft“, sagt sie. „Es macht Spaß, weil man merkt, wie dankbar die Menschen sind, einfach dafür, dass man da ist.“

Die Uniklinik Freiburg ist nicht die einzige Institution, die aktuell Unterstützung sucht. Zurzeit fehlt es bundesweit in Krankenhäusern an Personal, viele Kliniken rufen Medizinstudierende zur Mithilfe auf. Wie Ann-Sophie möchte sich auch Amandeep Grewal sinnvoll in Zeiten der Corona-Krise engagieren. Der 25-Jährige ist für sein Medizinstudium nach Bratislava gezogen und steht am Ende seines letzten Studienjahres. Unter normalen Umständen würde er sich jetzt auf das dritte Staatsexamen vorbereiten, seit er aber am 16.3. die Facebook-Gruppe „Medizinstudierende vs. COVID-19“ gegründet hat, widmet er sich ganz einer neuen Aufgabe: Er will Kliniken, die nach Unterstützung suchen und Medizinstudierende, die helfen wollen, zusammenzubringen. „Ich bin in den Semesterferien aktuell bei meinen Eltern in Reutlingen und wollte versuchen, mich in der Corona-Krise einzubringen“, erzählt er am Telefon.

Amandeep hilft, die Krankenhäuser und freiwillige Helfende zusammenzubringen.

Foto: Privat

Als Amandeep deshalb im Internet recherchierte, fand er jedoch nur vereinzelte Gesuche und keine zentrale Stelle. Also gründete er zusammen mit seinen beiden Kommilitonen Abdel Rahman und Andreas Zehetner eine Facebook-Gruppe und erstellt eine offizielle Website. Seitdem sind schon mehr als 19.000 Menschen beigetreten, unter anderem auch Ann-Sophie. Sie bieten ihre Hilfe an und teilen die Gesuche der Kliniken. Amandeep, so erzählt er, ist von der positiven Resonanz überwältigt. Die Studierenden zeigen, dass sie jetzt da sind und mithelfen wollen.

Abbas bekommt als PJler in der Klinik nur 573 Euro im Monat

Abbas Karout tut viel, um seine ärztlichen Kolleg*innen zu entlasten. Der 24-jährige Medizinstudent arbeitet aktuell im Rahmen seines letzten Studienjahres, des sogenannten praktischen Jahres (kurz PJ), auf der Intensivstation der Uniklinik Düsseldorf. Seine Schichten beginnen morgens um sieben, sein Feierabend um 15:30 Uhr, aber das sei auch oft anders, erzählt Abbas am Telefon. Oft macht er noch Überstunden. „Irgendjemand muss ja das tun, was wir jetzt machen“, sagt er. „Also ist das schon okay.“ Okay ist für ihn, dass er jetzt ständig eine Mund-Nasen-Maske zum Schutz anderer Menschen tragen soll. Okay findet er dass seine Seminare und Fortbildungen alle ausfallen und er sich das versäumte Wissen zuhause aneignen muss. Es ist für ihn auch kein großes Problem, dass alle Kantinen auf dem Klinikgelände seit einer Woche geschlossen sind. Dass er Vollzeit in der Klinik arbeitet und dafür nur 573 Euro Entschädigung monatlich erhält, findet er dagegen nicht ganz so ok. Er weiß aber auch, dass es viele Kliniken gibt, die PJ-Studierenden gar nichts zahlen.

Abbas nimmt viel in Kauf während seines PJs zu Coronazeiten.

Foto: Simon Meierkord

Zur Zeit betreut Abbas auf der Intensivstation Patienten, die eine Operation hinter sich haben. „Die Klinik hat schon viel runtergefahren“, sagt er. „Es werden nur noch die Not-OPs und die wirklich wichtigen OPs durchgeführt, die Leute hier machen sich bereit für den Ernstfall.“ Aktuell (Stand 25. März) behandelt das Universitätsklinikum Düsseldorf laut einer Pressemeldung 16 Menschen, die sich mit dem neuartigen Sars-Cov-2-Virus infiziert haben, davon sechs intensivmedizinisch. Auch in Düsseldorf werden aktuell Medizinstudierende als freiwillige Helfer gesucht.

Aber es ist längst nicht damit getan, dass jetzt ein paar helfende Hände in den Krankenhäusern einspringen und Betten schieben, das weiß Amandeep. Er fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. „Wie kann es denn sein, dass immer mehr Politiker Medizinstudierende zum Einsatz in der Corona-Krise aufrufen, es aber keine zentrale Stelle seitens der Bundesregierung gibt, wo sie Antworten auf ihre Fragen finden?“, sagt er. Natürlich möchte er helfen. Natürlich sei er bereit, gerade jetzt die Krankenhäuser zu unterstützen. „Aber wer sagt uns, wie wir versichert sind?“, fragt er. „Wer kümmert sich darum, dass wir ausreichend Schutzkleidung erhalten? Woher sollen wir uns die Informationen holen?“

„Jetzt sind alle auf die Menschen angewiesen, die man jahrelang ignoriert hat“

Auch Rosemarie Schmidt ist unzufrieden mit der Politik. Die 30-Jährige studiert Medizin im zehnten Semester an der Technischen Universität in München und steht kurz vor dem zweiten Staatsexamen. Dieses soll aber nun um ein Jahr verschoben werden und zusammen mit dem dritten Examen stattfinden. Das Bundesministerium für Gesundheit hat hierzu einen neuen Gesetzesentwurf vorgelegt, über den allerdings noch nicht final entschieden wurde. Alle zum Examen zugelassenen Studierenden sollen dem Entwurf zufolge ohne Prüfung direkt bis spätestens Mitte April ihr praktisches Jahr beginnen. Betroffen wären ungefähr 4600 Medizinstudierende in Deutschland. „Das Wahlfach soll uns gestrichen werden und wir müssten einen Monat früher als geplant zum PJ antreten. Im Falle einer Quarantäne sollen wir die Fehlzeit nacharbeiten“, sagt Rosemarie. In einer Stellungnahme der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) heißt es: „Wir erkennen an, dass aufgrund der Krankenversorgungslage Änderungen im Studienablauf notwendig werden können. Das geplante Vorhaben stellt jedoch eine unzumutbare Härte für die Studierenden dar.“

Neben dem psychischen Druck der Ungewissheit, ob das Examen nun stattfinden wird oder nicht, belaste auch eine finanzielle Unsicherheit viele Medizinstudierende. „Hier in München werden wir im praktischen Jahr nicht bezahlt. Nicht jeder kann es sich leisten, einfach einen Monat früher mit dem praktischen Jahr anzufangen, weil wir noch Geld verdienen müssen“, sagt sie. „Wir sollen an vorderster Front bei der Corona-Bekämpfung mithelfen und natürlich wollen wir das auch. Natürlich wollen wir uns nicht verweigern. Aber wir wollen eine faire Lösung. Uns ist es wichtig, dass man nicht über unseren Kopf hinweg entscheidet zu unserem Nachteil.“ Die bvmd spricht sich dafür aus, das zweite Staatsexamen ersatzlos verfallen zu lassen, falls es im April nicht wie geplant durchgeführt werden kann.

Das System muss sich ändern, davon ist Abbas überzeugt. Natürlich ist es wichtig, dass Medizinstudierende jetzt mithelfen. Aber das wirkliche Problem liege an der mangelnden Anzahl der ausgebildeten Krankenpfleger*innen und Ärzt*innen. „Seit Jahren sind die Missstände im Gesundheitswesen bekannt, der Pflegemangel ist ein Dauerthema, es gibt zu wenig Studienplätze für Medizin. Seit Jahren wird erzählt, wir finden eine Lösung, aber es ist nichts passiert“, sagt er. „Jetzt sind alle auf die Menschen angewiesen, die man jahrelang ignoriert hat. Jetzt werden Medizinstudierende angeheuert, die den Mangel ausgleichen sollen.“ Er hofft, dass der Mangel behoben wird, wenn sie diese Krise gemeinsam überstanden haben. Jetzt gehe es erst einmal darum, dass alle zusammenhalten.

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