Sich über Armut zu amüsieren, ist armselig

Das deutsche Fernsehen arbeitet sich an Menschen ab, die wenig Geld haben, meist Hartz IV beziehen. Das muss aufhören, schreibt Nhi Le in The Female Gaze.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke; Foto: Imago/Future Image

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Das Wort „Nanny“ habe ich als Jugendliche aus dem Fernsehen gelernt. Nach der Schule durfte ich oft fernsehen und habe beim Zappen manchmal „Die Super Nanny“ erwischt. Eine RTL-Serie, in der die Pädagogin Katharina Saalfrank Familien mit Erziehungsproblemen beriet. Bei mir löste die Sendung zuverlässig Unbehagen aus, ich wusste aber nicht genau warum. Heute kann ich es besser fassen: Das Format „Die Super Nanny“ führte meist arme Familien vor. Etwa dann, wenn die Kamera bei Streitereien voll drauf hielt. Sie steht für mich heute stellvertretend für die vielen Fernsehserien, die von Armut Betroffene klischeehaft und verzerrt darstellen.

Dabei gibt es heute Formate, die noch viel übertriebener sind. Sie laufen im Privatfernsehen und tragen Titel wie „Hartz Rot Gold“, „Hartz und Herzlich“ oder „Armes Deutschland“. Die Doku-Soaps sollen das Leben von Menschen zeigen, die Arbeitslosengeld II beziehen und realistisch abbilden, wie das Leben unter diesen Umständen eben ist. Für mich haben diese Formate allerdings wenig mit Realität, sondern nur mit Effekthascherei zu tun. Viele der Serien funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Die Menschen darin werden als Sozialschmarotzer*innen dargestellt, als faul, frech und ungebildet – die Verkörperung von negativen Klischees. Klar, sie alle stimmen den Dreharbeiten freiwillig zu. Doch ob sie sich vorher darüber im Klaren sind, wie ihre Aussagen aus dem Kontext gerissen werden können beziehungsweise, was ihre Darstellung im TV anrichten kann? 

Ich glaube, dass Hartz IV-TV, wie es jetzt ist, Hass auf Arme schüren kann

Nein, das wissen eben nicht alle. Das ist nicht nur mein persönlicher Eindruck, sondern immer wieder Kritikpunkt von ehemaligen Mitwirkenden. 2016 kritisierten Teilnehmer*innen der Serie „Hartz und herzlich – Die Eisenbahnsiedlung von Duisburg“ ihre Darstellung in einem offenen Brief. Sie seien für „Asi-TV“ instrumentalisiert worden, indem das Format ausschließlich negative Aspekte zeigte. Ein Teilnehmer der Sendung „Armes Deutschland“ beschwerte sich über seine verzerrte Darstellung, für die er sogar Morddrohungen erhielt.

Auch Nadine, die das Wort „Erdbeerkäse“ bekannt machte und wahrscheinlich die berühmteste Teilnehmerin der Doku-Soap „Frauentausch“ war, klagte gegen die Produktionsfirma aufgrund von Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte. Sie sei zu „Prügelszenen“ und extremen Aussagen aufgefordert worden. Die Darstellung sei unverhältnismäßig und tendenziös und zöge sie ins Lächerliche. Das Gericht gab ihr recht. Zwar wurde ihr kein Schmerzensgeld ausgezahlt, doch ihre Episoden durften nicht mehr ausgestrahlt werden. Und erst neulich warf der Schlagersänger Ikke Hüftgold den Macher*innen der Serie „Plötzlich arm, plötzlich reich“ eine „gewissenlose Quotenjagd“ vor.

Ich halte es für gefährlich, dass diese Darstellung von Armut so einen großen Teil des deutschen „Unterhaltungsfernsehens“ ausmacht. Und das eben nicht, weil ich arme Menschen nicht gerne repräsentiert wüsste. Sondern, weil ich mir wünschen würde, dass sie realistischer und weniger verurteilend dargestellt würden. Ich glaube, dass Hartz IV-TV, wie es jetzt ist, Hass auf Arme schüren kann und entwürdigend ist. Indem arme Menschen als dumm und faul dargestellt werden, wird Armut legitimiert. Nach dem Motto: „So wie die sich verhalten, haben die es nicht anders verdient“ wird soziale Ungleichheit akzeptiert. Gerade so, als sei Armut ein individuelles und kein gesellschaftliches Problem. Eine 2015 veröffentlichte Studie der BBC untersuchte die Wirkung von britischen Armutsserien. Zuschauer*innen von Formaten wie „Benefits Street“ und „Benefits Britain“, die den deutschen Serien als Vorbild dienen, gaben zum Großteil an, dass Betroffene selbst an ihrer Situation schuld seien. 

Auch der Medienwissenschaftler Bernd Gräbler kritisiert diese Serien. 2020 erschien sein Forschungsprojekt „Armutszeugnis - Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt“ für das er mehr als hundert Stunden Berichterstattung über Hartz-IV-Empfänger*innen analysierte. In einem Interview mit dem Weser Kurier beschreibt Gräbler das „perfide Muster“ der Formate. So würden vor allem „krasse Charaktere“ ausgesucht, die das gesamte Viertel repräsentieren sollten. Die Kameras würden sich „im Extremismus des Elendes suhlen“.

Aber warum gibt es solche Serien überhaupt und weshalb sind sie so erfolgreich? Reality-Shows bieten Platz für Be- und vor allem Abwertung. Zuschauer*innen werden dadurch „beruhigt“: Denn egal in welcher Situation sie sich befinden, es gibt ja immer noch Menschen, denen es schlechter geht, jemanden unter ihnen – Das können sich die Zuschauer*innen mit diesen Serien beweisen.

Armut muss problematisiert werden. Nicht aber die Menschen, die in Armut leben

Ich habe das Gefühl, dass es medial kaum realistische Darstellungen von Armut gibt. Entweder total dämonisiert und voyeuristisch wie im „Hartz-IV-Fernsehen“ oder aber auf ästhetische Art romantisiert, etwa wenn Hipster für Fotoshootings in Plattenbausiedlungen fahren oder Lars Eidinger sich für seine Designs vor Obdachlosen inszeniert. Über letztgenanntes könnte ich mich in einer eigenen Kolumne aufregen, denn hier wird Armut als etwas Schickes, als Accessoire genutzt. Beides gehört in die Tonne. 

Genau deshalb braucht es realistische Darstellungen, die zeigen, wie facettenreich Armut hierzulande ist. Betroffen sind vor allem Alleinerziehende, Obdachlose, Menschen mit Migrationshintergrund, Alte, Kranke und Menschen mit Behinderung. Ich will kein „Unterschichten-TV“, bei dem sich die Zuschauer*innen über die Lebensumständen anderer aufwerten. Sondern Fernsehen, das die Vielfalt der verschiedenen Lebenssituationen in Deutschland auf Augenhöhe zeigt. Armut darf nicht der Unterhaltung dienen. Ich wünsche mir deshalb auch mehr Berichterstattung zum Thema – über Altersarmut, Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland oder den Fakt, dass viele Frauen durch Sorge- und Pflegearbeit oder den Gender Pay Gap noch einmal stärker von Armut bedroht sind. 

Das bedeutet aber auch, dass die deutsche Fernsehlandschaft diese Problematik nicht nur Privatsendern wie RTL oder RTL2 überlassen darf und viel mehr thematisieren muss. Ich werde mich nie damit abfinden, dass in einem so reichen Land wie Deutschland überhaupt Menschen in Armut leben. Deshalb muss dieser Zustand, also die Armut selbst problematisiert werden. Nicht aber die Menschen, die in Armut leben. 

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